Heidelberger Volksblatt — 5.1872

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Blut der Völker. (Als hätte Rauſſe eine Viſion des Pe-
troleuſenjahres 1870 gehabt.)
Die überhand nehmende Verarmung der unteren Klaſ-
ſen führt nothwendig zu Verbrechen, und wahrſcheinlich,
wenn keine Hülfe kommt, dereinſt zu Umwälzungen. Dieſe
Verarmung iſt aber nicht das Uebel ſelbſt, ſondern die Wir-
kung deſſelben; ihre nächſten Urſachen ſind Laſter und
Faulheit und die Urquelle all dieſes Elends iſt das Siech-
thum, iſt die vergiftete Geſundheit der Men-
ſchen.

wenn man ſeiner, was gar nicht zu bezweifeln iſt, wieder
habhaft wird."
Zu Chaſſeloups Aerger trübte dieſe Bemerkung Nata-
liens Freude nicht im Geringſten. Er würde mit ſeinen
Hiobspoſten fortgefahren haben, wenn ihn nicht ein Die-
ner des Generals ſofort zu dieſem beſchieden hätte. Er
kam nicht wieder. Obgleich die Verhafteten das Zimmer
nicht verlaſſen durften, ſo konnten ſie doch nach wenigen
Stunden aus den Fenſtern wahrnehmen, wie eine gewiſſe
Unruhe über die Stadt ſich zu verbreiten begann.
(Fortſetzung folgt)

Ueber die Geſundheitspflege als Mittel zur
Löſung der ſocialen Frage.

Rauſſe ſchrieb bereits vor dreißig Jahren: Jn den
Völkerm murmelt und klagt eine Unzufriedenheit mit der
Gegenwart, ein Drängen hinaus aus der Gegenwart; -
wohin zielt dieſer Drang? Dahin, wohin aller Menſchen-
drang weiſt, zum Glück. Dabei aber iſt ein allgemeiner
Menſchenirrthum, die Urſachen des Mißbehagens, des
Unglücks außer ſich zu ſuchen, ſtatt in ſich; nach den
Quellen der Freude außer ſich zu ſpähen und zu graben,
ſtatt in der eigenen Bruſt. -
Unter dieſen Unzufriedenen giebt es eine Partei, welche
das Mißbehagen der Völker aus den politiſchen Zuſtänden
herleitet, und das Glück erhofft von politiſchen Aende-
ungen.

Wenn ihr das Treiben der meiſten Menſchen beſchaut,
beſonders in den großen Städten, Paris und London an
der Spitze, ſo werdet ihr finden, daß dieſe Menſchen ſelbſt-
mörderiſch das Leben kürzen und vergeuden aus demſelben
Antrieb, weßhalb der Kaufmann, der ſeinen Fall heran-
nahen ſieht, ihn beſchleunigt durch die Verſchwendung der
Verzweiflung. Ein innerſtes, unabweislich wahres Ge-
fühl wohnt in dem vergifteten Menſchen, das ihm zuruft,
es blühe ihm kein dauerndes Glück; ein Gefühl, das ihm
die Stille und den Frieden vergält und ihm räth, im Ga-
lopp zu erraffen und durch Uebertäubung zu dämpfen die
innern, dumpfquälenden Schmerzen. Dann tritt der Dä-
mon mit triefendem Glutauge zu ihm und reicht mit
ſtammelnder Zunge den Becher der Betäubung; dann
ſchleicht die Dämonin mit den bemalten Wangen zu ihm
und bietet zur Miethe den entblößten giftigen Leib.
So ſenket der Todeskeim ſich tiefer und ſolch' elendes
Leben voll Leere und Qual hat für den Menſchen keinen
Werth mehr.
Wer es ehrlich meint mit den Königen, ohne an der
Kette des Servilismus zu liegen, der ſagt ihnen ehrlich,
wie arm und krank die Völker ſind, und wie Vieles zu
thun iſt für die armen kranken Völker!
Wer es ehrlich meint mit den Völkern, ohne die rothe
Mütze aus Phrygien zu tragen, der ſagt ihnen ehrlich,
daß das meiſte Elend aus ihnen ſelber kommt und nicht
von oben, der ermahnt ſie zur Tugend und Mäßigkeit,
ſtatt zur Revolution und Entfeſſellung verderbter Be-
gierden.

- Menſch, was kann die Freiheit dir frommen, was
die Krone, wenn das Siechthum durch deine Adern kriecht,
der Tod an Deinem Herzen nagt? -
Zuerſt machet euch geſund und ihr werdet Wunder
von Glück erleben!
Die europäiſchen Zuſtände, wie ſie jetzt ſind, können
keinen Beſtand haben; ſie tragen in ſich den Keim des
Todes. Die meiſten europäiſchen Staaten verſinken im-
mer tiefer in die Verſchuldung und deshalb in die Ver-
mehrung der Steuerlaſten. Ein ächt palliatives Mittel ge-
gen dieſe Schwindſucht der Finanzen ſind die Staatsan-
leihen. Dieſe Staatspapiere ſind die Mühlen, worinnen
Knochen und Mark der Völker zerſtampft werden, um zur
Mäſtung der Stockjobbers das Knochenmehl zu liefern;
die Staatspapiere ſind die Strudel des Machtſtromes, der
Alles, was er erfaßt, hinabmahlt in den Abgrund. Schon
von Weitem hört man das Brüllen des hungrigen Unge-
heuers.

Das körperliche und moraliſche Elend der Völker iſt
der gefährlichſte Feind der Könige. Dies Siechthum iſt
ein kriechender Wehrwolf, der durch die Baſtionen und
Garden hindurch ſeine Beute zu finden weiß.
Nicht Blei und Stahl freſſen im Kriege die meiſten
Menſchen, ſondern die Krankheiten, die Lazarethe. Gebt
einem Feldherrn eine Armee von Geſunden, denen nicht
der ruſſiſche Winter, nicht die Strapazen der Märſche und
Bivouaes einen Schnupfen bringen, von Geſunden, die
fern bleiben von der iyphöſen Luft der Lazarethe und der
Erſchlaffung durch Branntwein - dieſer Feldherr braucht
kein Napoleon zu ſein, um Europa unter ſeine Füße zu
treten.

Die Zukunft droht mit einem europäiſchen Bankerott;
- wo iſt Hülfe gegen das Elend derZukunft?
Jn der Revolution? der Republik? Eine hülfloſe Hülfe!
Die junge Republik Frankreich machte in einem Jahrze-
hend mehr Schulden, als das alte Regime der Schweizer-
garten und der Hirſchparks in Jahrhunderten. Dieſen ver-
weichlichten, laſterzerfreſſenen Völkern kann kein größeres
Unglück paſſiren, als eine Revolution. (Man vergeſſe
nicht, daß dies alles vor der 2. und 3. franzöſiſchen Re-
volution geſchrieben wurde!) Aus den Mördergruben und
Unzuchthöhlen würden die Raubthiere ſtürzen, die Marat
und Collot d'Herbois und ihre Röcke purpurn färben im

Wenn es ſo fortgeht in den Progreſſionen der letzten
drei Jahrhunderte mit der Verſiechung der civiltſirten Völ-
ker, ſo kann Europa nach neuen drei Jahrhunderten eine
neue Völkerwanderung erleben.
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