Heidelberger Volksblatt — 5.1872

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nur ihr zu gehören, wie ſie nur ihm ganz gehörte, be-
ſchäftigte er ſich mehr mit den andern Damen, die an ih-
nen vorüberwandelten oder mit der reizenden Ausſicht vom
Walle auf die umliegenden Vorſtädte. Er belorgnettirte
Jede, die nur einigermaßen hübſch war und überhörte da-
bei einigemale ihr immer ängſtlicher werdendes Geſpräch.
Beſonders ſchien er es auf ein paar Mädchen abgeſehen
zu haben, die ſeine Blicke mit ziemlich ſichtbarer Theil-
nahme erwiederten und von andern honetten Männern we-
nig beachtet wurden. Er wurde immer einſilbiger und
zerſtreuter, ſo daß er es endlich gar nicht mehr zu bemer-
ken ſchien, als ſie ihm zufällig ihren Arm entzogen hatte.
Unmuthig und ſchmerzlich verletzt, drängte Marie jetzt zur
Heimkehr, zu der Karl erſt dann einwilligte, als ſie Kopf-
weh vorſchützte und bemerkte, daß die Mutter ſie mit dem
Mahle erwarten werde.
(Fortſetzung folgt.)

Das See-Begräbniß
Von H. Smidt.

(Schluß.)

Matroſen kamen in ihren Sonntagskleidern auf das Ver-
deck, ihre ernſte Haltung, ihre geſchloſſenen Lippen legten
Zeugntß ab für das Feierliche der Stunde. - Die große
Staatsflagge ward an der Gaffel der Beſane aufgezogen,
der Wimpel wehte vom großen und der Stanner vom
Vortopp; alle Flaggen hingen, zum Zeichen der Trauer,
auf halber Stange. Auf einen Wink des Kapitäns wur-
den die Kanonen geladen und von Minute zu Minute
hallte ein Trauerſchuß über die Wogen hin. - Es ſchlug
ſieben Uhr. Die Leiche des armen Oscar ward auf das
Verdeck gebracht und im Lee des großen Bootes auf drei
Bretter gelegt, derrn innere Enden auf den Lucken ruhten,
die in den Raum führten, deren äußere Enden aber über
den Bord wegragten. Oscar war mit einem neuen An-
zuge bekleidet; um den Kopf hatte man ein ſeidenes Tuch
gewickelt, und die Hände waren mittelſt einer Schnur auf
der Bruſt befeſtigt, an der Füßen hatte man ein ſchweres
Gewicht angebracht, damit der Leichnam ſchnell unterſinken
möchte. Jch hatte die Roſen von den Bäumen abgeſchnit-
ten und ihm vor die Bruſt geſteckt; es mochte die erſte
Leiche ſein, die, mit Roſen geſchmückt, in die Tiefe des at-
lantiſchen Oceans hinabfuhr. Auf einen Wink des Ka-
pitäns wurden jetzt die Segel theils aufgegeit, theils back
gepraßt und das Steuer im Lee befeſtigt. Wir trieben
rückwärts. Es iſt nicht Schiffsgebrauch, während eines
Begräbniſſes - Beerdigung kann man nicht ſagen - zu
ſegeln. - Die Mannſchaft bildete einen Halbkreis um die
Leiche; der Ober-Steuermann ſtand zur Rechten derſelben,
ich zur Linken. Der Kapitän betrat die freie Mitte, nahm
die Flagge, womit der Todte hisher bedeckt geweſen war,
von ihm, ſchwenkte ſie dreimal über ihn und ſprach: "Dn
kehrſt nicht zurück, woher Du gekommen biſt, nämlich zu
der Erde, ſondern Du wirſt verſenkt in die ſalzige Tiefe
des Oceans. Aber die Gnade und Barmherzigkeit des
ewigen Vaters wird mit Dir ſein; wir flehen ihn darum
an in einem andächtigen Vaterunſer." - Alle zogen die
Hüte ab und beteten leiſe. Ueber manche gefurchte Wange
rollte eine Thräne hinab; ich weinte nicht, aber ich zitterte
an allen Gliedern. - Der Kapitän ergriff nach einigen
Sekunden abermals das Wort: "Wir befehlen dieſen Kör-
per und die Seele, die in ihm wohnte, in die Hände Got-
tes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geiſtes und
rufen ihm nach ein ewiges Fahrwohl!" - "Fahrwohl!"
bebte dumpf und eintönig von Aller Lippen. - Der Ka-
pitän winkte mit der Hand. Die drei innern Enden der
Bretter, worauf die Leiche ruhte, wurden aufgehoben und
dieſe ſchoß ſenkrecht in das Meer hinab. - Der Boots-
mann flog zu ſeinen Kanonen und Schuß auf Schuß hallte
über das jetzt ſchon ſpurlos verſchwundene Grab hin. Me-
chaniſch ging ich hinunter in die Kajüte, und nahm über
den Vorgang ein Protokoll auf, um es dann von der gan-
zen Beſatzung unterzeichnen zu laſſen. Während deſſen
wurden die Flaggen auf voller Stange gezogen, die Se-
gel abgebraßt und das Steuer gelöst; das Schiff ſegelte
ſeinen alten Curs, aber die wehmüthige Empfindung, die
uns beherrſchte, verſchwand nicht mit den Trauerflaggen
und hallte noch lange in unſern Gemüthern wieder.

Jch vermochte vor Rührung nicht zu antworten, und
flößte ihm etwas Wein in den Mund. Gleich darauf
ſchloß er die Augen und ſchien ſanft zu ſchlafen. - Nach
einer halben Stunde erwachte er wieder und ſprach mit
geſchloſſenen Augen: "Jch habe von meinen Roſen geträumt.
Obgleich ich ſie heute noch nicht begoſſen habe, ſind die
Knospen doch aufgegangen und ſtehen jetzt in voller Blü-
the. Ach, das muß herrlich ausſehen!" - Jch entfernte
mich von ſetnem Lager und ging nach der Steuermanns-
Kammer, wo er ſeine Bäume zu verwahren pflegte. Jn
der That waren mehrere Roſen aufgeblüht und verbreite-
ten einen erquickenden Duft. Jch ergriff ſie und trat da-
mit an das Bett des Knaben. "Oscar! hier ſind Deine
Roſen!" - Der Knabe riß die Augen weit auf und ſchien
die Blumen mit ſeinen Blicken zu verſchlingen. Dann
ſprach er matt: "Ach! wie iſt das ſchön! Wie riechen die
Blumen ſo herrlich! - Wie freut es mich, daß ich etwas
ſehe, wobet ich an meine liebe Mutter denken kann! -
Grüßt ſie von mir! - Jch werde ſo müde! - Gute
Nacht!" - Er lehnte ſich zurück und die Augen ſchloſſen
ſich; aber zugleich zogen ſich die Finger krampfhaft zu-
ſammen und eine fahle Bläſſe verbreitete ſich über ſein
Geſicht. - "Herr Gott! der Junge ſtirbt!" rief ich bis
zum Tode erſchreckt und auf meinen Ruf ſammelte ſich
binnen Kurzem die ganze Mannſchaft um mich. Alle nur
erdenklichen Mittel wurden angewendet, aber umſonſt;
das Leben war aus dieſem jungen Körper entflohen, und
um Mitternacht wurden zwei Matroſen zur Leichenwache
kommandirt. Der Eine ſetzte ſich zu Häupten, der Andere
zu Füßen der Leiche; dieſe ſelbſt war mit der Schiffsflagge
zugedeckt. Der dritte Morgen nach jenem Ereigniß ward
zum Begräbniß beſtimmt. Mit dem Aufgange der Sonne
wurde das Verdeck auf das Sauberſte gewaſchen und von
jedem Stäubchen gereinigt; das Frückſtück ward in aller
Eile bereitet und darauf das Feuer ausgelöſcht, nirgends
war eine Pfeife oder ein Arbeitsgeräth zu ſchauen, die
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