Heidelberger Volksblatt — 5.1872

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loſen geflügelten Legionen ungeneckt und ohne Schmerzen
von ihren empfinblichen Stichen. Kein Offizier konnte kom-
mandiren, ohne daß ihm nicht ein Feind mit Todesverach-
tung in den Hals geflogen wäre. Hier verkroch ſich ein
tapferer Sappeur in den Graben, dort ſteckte ein Grena-
dier den Kopf in das Ufergras. Der Herzog von Abran-
tes ſelbſt flüchtete ſich in ſeine Kutſche und verſchanzte ſich
hinter den Wagenfenſtern. Aber der Kutſcher, mit Ver-
theidigung ſeiner Naſe und Ohren beſchäftigt, vermochte
nicht mehr die immer wilder ſchnaubenden Roſſe zu hal-
ten. Das ganze Fuhrweſen des Corps gerieth in Unord-
nung. Hier ging das Geſpann mit einer Kanone durch
und zermalmte mit deren Rädern viele Unglückliche, die
auf dem engen Wege nicht mehr ausweichen konnten, dort
fiel eine Bagage oder ein Krankenwagen in den Graben
und ſchleuderte die Munition in das Waſſer und die un-
glückliche Bedeckung mit gebrochenen Gliedern in den Mo-
raſt. Hier gingen die Pferde mit den Reitern durch, in
die dichten Maſſen der ordnungsloſen Jnfanterie hinein
und jagten Alles nieder; dort ſchlugen Pferde, die bereits
ihre Reiter in den Sand geſetzt, mit gewaltigen Hufen
um ſich.
Nachdem man einigermaßen ſich und einige Soldaten
geſammelt hatte, wurden auch bald Schutzmittel gegen dieſe
neuen unerwarteten Feinde gefunden.
(Schluß folgt).

Transatlantiſche Viſionen.

ſiſchen Avandgarte zu Pferd und die räthſelhafte Jungfrau
ſchien zur Vertheidigung ſich vozubereiten. Sie ſchlug mit
ihrem Stöckchen mehrere Male auf die geheimnißvollen höl-
zernen Käſtchen, als ob ſie eine Fee mit dem Zauberſtabe
wäre. Jn der That ließ ſich auch bald ein eigenes Rau-
ſchen, ein ſonderbares Geſumſe vernehmen, als ob die ver-
ſchloſſenen Pulverkörnlein ſich belebten und hinaus aus
dem engen Gefängniſſe wollten. Jndeſſen ferner noch
von allem Aberglauben, als von der ruſſiſchen Zaube-
rin, ſtieg endlich der Sergeant vom Pferde, um näher
zu unterſuchen, was außer der Ruſſin noch ſonſt noch hin-
ter der Barrikade ſtecke. Die vermeintliche Fee ſchlug eif-
riger auf eines der Käſtchen, als ob ſie Allarm trom-
melte, und in der That vermehrte ſich das verborgene
dumpfe Brauſen. Als er ſich ganz in ihrer Nähe be-
fand, ergriff ſie ein Käſtchen und ſchleuderte es ihm ent-
gegen. Ueberraſcht ſtand er eine Weile da, wie vor einem
Blendwerke, doch bald von der Wahrheit auf das Unan-
genehmſte überzeugt, flüchtete er in die Mitte ſeines Trupps,
wo die Leute nicht minder verwundert und erſchrocken wa-
ren, die Pferde zu ſchnauben und auszuſchlagen begannen
und wilder ſich geberdeten.
Das Pferd des Sergeanten ſchien vom Teufel beſeſſen;
unaufhaltſam rannte es zurück und gelangte mit ſeinem
verwirrten Reiter zu dem Haupttrupp, an deſſen Spitze
ſich der Herzog von Abrantes befand.
"Was habt Jhr denn für große Eile?" herrſchte die-
ſer ihn an.
"Jch melde", rief er außer Athem, "ich melde, daß
die Königin mich verfolgt."
"Eine Königin?" fragte der Herzog, "eine Königin?"
"Zu dienen - eine Königin, der ihr ganzer Schwarm
gleich folgen wird."
"Seid Jhr verrückt," rief der Herzog wieder, ihn von
oben bis unten betrachtend - "was ſchneidet Jhr für
Grimaſſen und blinzelt mit den Augen und zieht ein ſchie-
fes Maul."
"General, Euer Geruchswerkzeug wird es ſogleich ver-
ſpüren", hatte der Sergeant kaum entgegnet, als der Her-
zog, einen Stich fühlend, plötzlich die Naſe zog und ſich
ſo der Antwort überhob. Nun meldete er ihm noch, daß
dieß erſt die Avantgarde eines großen Schwarmes ſei, wel-
cher den Vordertrupp verfolge.
Und wirklich nahte ſich der ſchreckliche Feind in Ge-
ſtalt eines - ungeheuren Bienenſchwarmes, der die zurück-
eilende Avantgarde vefolgte. Zwar lachte der General
mit den Seinen Anfangs über die wilde ordnungsloſe
Flucht der Reiter, die bereits ihren Führer, den Sergean-
ten, verloren hatten, bald aber ward auch ihnen die Un-
ordnung und das einzige Rettungsmittel mitgetheilt.
Die Soldaten ſchlugen mit Händen und Taſchentüchern
unter die geflügelten Feinde, und warfen ihre Gewehre
weg, um ſich beſſer gegen die gereizten Pygmäen verthei-
digen zu können. Die ſonſt mit einem Kommandowort feſt
und unbeweglich zu bannende, geregelte Maſſe war ein be-
wegtes Chaos, denn die Bienen und der Schrecken ver-
mehrten ſich und breiteten ſich immer weiter aus und wen
die Königin auf ihrem Fluge traf, der war vor ihrem
Gefolge nicht zu retten. Bald blieb Keiner von den zahl-

Unter dieſem Titel hat E. Pilger eine Reihe von
Bildern aus dem Leben der Vereinigten Staaten und be-
ſonders New-orks veröffentlicht, welche 1871 in 2. Auf-
lage erſchienen ſind und wegen ihres orginellen und lehr-
reichen Jnhalts nicht minder als wegen der piquanten und
feſſelnden Sprache, in der ſie geſchrieben ſind, über die
gewöhnliche Amerikaliteratur weit hervorragen und in wei-
teren Kreiſen großes Jntereſſe erweckt haben. Auch in den
Brockhaus'ſchen Blättern für literariſche Unterhaltung wird
der Verfaſſer als ein Mann von vielſeitiger Bildung, von
außerordentlichem Geiſt und Witz und ſeine Darſtellung
als eine glänzende bezeichnet. Bewunderer amerikaniſcher
Zuſtände können in dieſem, den genaueſten Erfahrungen
und Verbindungen entſprungenen Buche, deſſen Verfaſſer
früher in St. Petersburg, ſpäter in New-Pork gelebt,
ein heilſames Laugenbad nehmen, und 10 pCt. ſeines peſ-
ſimiſtiſchen Jnhalts mögen genügen zu einer gründlichen
Abkühlung jeder Begeiſterung für Land und Volk der
Mankees.
e

Der gegebene Stoff iſt in 15 Bilder gruppirt, die deß-
halb Viſionen heißen, weil zwei Dämonen dem Verfaſſer
Handreichung thun, deren Zauberkräfte ihm den Einblick
in das geheimſte Thun und Treiben der New-orker Ge-
ſellſchaft öffnen. Asmodeus iſt der eine und häufiger ihn
bedienende, ein Geiſt von der Natur Mephiſto's, voll bos-
hafter Schadenfreude über ein Geſchlecht, das den Teufel
ſelbſt überteufelt und voll des höhnenden Sarkasmus, der
nicht ſelten ſelbſt an die Worte des Goethe'ſchen Mephiſto
anklingt; Jblis, der ſeltener erſcheinende, iſt ein gräulicher
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