Heidelberger Volksblatt — 5.1872

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Formen ihres Geſichts, als ihres Körpers edel und regel-
mäßig, obgleich ihre Haltung, wie die aller Wahnſinnigen,
ſchlecht und gebückt war. -
Enneli ſchien den fremden jungen Mann mit einem
gewiſſen Wohlwollen zu betrachten, indem ſie ſich gern in
ſeiner Nähe etwas zu ſchaffen machte und ihn von Zeit
zu Zeit von der Seite verſtohlen anblickte, was ihm nicht
entging. Er redete ſie daher freundlich an und ſuchte im
Laufe des mit ihr angeknüpften Geſprächs, auf das ſie
willig einging, etwas über ihre Vergangenheit von ihr zu
erforſchen; allein ſo freundlich und zuthunlich ſie auch ge-
gen ihn that, ſo war doch ſein Bemühen vergeblich, und
mit großer Geſchicklichkeit umging ſie die Beantwortung
ſeiner an ſie in dieſer Hlnſicht gerichteten Fragen. Nur
einmal entſchlüpfte ihr eine Aeußerung, aus der man ab-
nehmen konnte, daß ſie nicht nur von guter, ſondern ſogar
von adelicher Herkunft und die Letzte ihres einſt berühm-
ten Stammes ſei.

(Fortſetzung folgt)

Ein newnorker Kinderuſyl.

Diamanten geſchmückte Shoddydame der fünften Avenue:
alle beobachten ſie ängſtlich die Thüre, welche ihre verlo-
renen Schätze wieder herausgeben ſoll. Hier in der Ecke
ſtreckt z. B. eine Jrländerin die müden Glieder aus, roth
und aufgedunſen iſt ihr Geſicht, und die zerlumpten Klei-
der riechen nach dem Tabak und Branntwein der Kneipe,
in welcher ſie ſich betrank, während ihr unglücklicher Sproß
die armſelige Behauſung verließ, in der ſich kein Biſſen
Brod mehr befand; die reuevolle Mutter, welche eben das
Gefängniß verließ, ſtiert mit großen, unheimlichen Augen
nach der Thüre, die Ungeduld verzerrt ihr leidendes, blei-
ches Geſicht. Wird ſie das Kind wiederfinden, das ſie vor
14 Tagen hülflos verließ?
Bald erſcheinen die Beamten und bringe ihre gefunde-
nen Güter mit ſich. Einige dieſer Kinder haben den Blick
des Verirrten im Auge, welcher ſich jedoch ſofort verliert, ſo-
bald ſie die bekannten Züge der Angehörigen wiedererken-
nen; andere blicken ſcheu und ſuchend rings umher und
brechen endlich in Thränen aus, weil ſie das Geſicht der
Mutter im weiten Saale vermiſſen, während einige ſich
als bekannte Gäſte dadurch legitimiren, daß ſie ſich den
bequemſten Platz am Ofen auserſehen, auf welchem ſie ſich
häuslich niederlaſſen.
Eine freundliche Matrone ſteht dem Aſyl als Aufſehe-
rin vor. Die langen Erfahrungen in dieſem Amte verlei-
hen ihr eine ſolche Schärfe des Urtteils, daß ſie mit Be-
ſtimmtheit vorausſagen kann, ob das verirrte Kind ab-
ſichtlich verlaſſen wurde oder nicht und wie lange es im
Aſyl verbleiben wird. Wie manchen kleinen Vogel nahm
dieſe gütige Matrone als alma mater unter ihre Flügel,
der das Neſt verließ, ehe ihm die Schwingen ſo weit ge-
wachſen, daß er den Sturm des Lebens bewältigen konnte;
viele Thränen ſah ſie perlen im Auge unglücklicher und
ſorgenvoller Mütter und manches kleine Ding ſchüttete den
langverhaltenen Kummer ſeines gepreßten Kinderherzchens
vor ihr aus. Sie hörte dann eine kurze Geſchichte von
hartem Lager, trockenem Brod und wüſter Mißhandlung;
viele baten ſie inſtändig, bei ihr bleiben zu dürfen, an-
dere weigerten ſich trotzig, das Aſyl zu verlaſſen, und doch
mußte ſie dieſelben zurückſenden in die weite Menſchenwüſte
der lärmenden Stadt, wo ſie von Neuem Hunger, Kälte
und mühſame Wanderungen ertrugen, bis der Tod ſie fort-
raffte oder das Aſyl Jhnen nochmals als Oaſe eine kurze
Raſt bot.
"Finden Sie Jhr Amt nicht ermüdend und eintönig?"
fragten wir die freundliche Matrone, als wir einen Rund-
gang durch's Aſyl machten.
"Ermüdend freilich", lautete die Antwort, "denn es
vergeht faſt keine Stunde des Tages oder der Nacht, in
welcher nicht Eltern nach ihren Kindern fragen, dann ver-
urſacht auch die Wartung der Kleinen viel Arbeit und
Mühe, allein eintönig iſt mir dieſer Poſten noch nie vor-
gekommen, denn manch' intereſſantes Lebensbild wickelte
ſich unter unſern Augen ab. So brachte mir im vorigen
Jahre eines Morgens gegen fünf Uhr ein Policemann ein
reizendes Kind im Alter von 11 Monaten, welches er in
einem Wiukel der 23. Straße gefunden hatte.
(Schluß folgt.)

Jn den weiten Straßen jener Metropole, welche faſt
ganz Manchattom-Jsland bedeckt, wird heute die Stimme
des Ausrufers nicht mehr gehört, welcher vor Zeiten mit
ſeiner Schelle einen Haufen Neugieriger anlockte, um dann
zu verkünden, daß ein verlorenes Kind geſucht werde.
Nichtsdeſtoweniger hat die Zahl der verlorenen Kinder kei-
neswegs abgenommen, allein es iſt heute die Polizei, welche
i verirrten kleinen Weſen unter ihre Flügel nimmt. e-
der Policemann hat die Jnſtruktion, ſorgfältig die Kinder
zu beobachten, welche er auf ſeiner Bezirkswanderung fin-
det. Begegnet ihm nun ein ſolches, welches kein ſicheres
Ziel im Auge zu haben ſcheint, ſo erfordert es ſeine Pflicht,
daſſelbe genau auszuforſchen, und iſt es uicht im Stande,
Auskunft über die Straße und das Stadtviertel zu geben,
in welchem es ſich befindet, ſo nimmt er es mit zur näch-
ſten Polizeiſtation. Selbſt wenn das Kind ſeinen Wohn-
ort anzugeben vermag, iſt der Poliziſt verpflichtet, es mit
zur Slation zu nehmen, falls der angegebene Wohnort
nicht in ſeinem Bezirk liegt, denn er iſt für die Sicherheit
des Kindes verantwortlich, ſo lange, bis daſſelbe den El-
tern oder dem Vorgeſetzten abgeliefert iſt. Ohne Verzug
werden nun die geeigueten Schritte gethan, um die Eltern
des Kindes ausfindig zu machen, denen man dann Nach-
richt ſendet. Schlagen jedoch alle Verſuche fehl, ſo ſchickt
man das Kind nach dem Aſyl, wo es längere oder kür-
zere Zeit beheebergt wird, und wenn endlich ſich Niemand
meldet, ſo wird es dem Waiſenhauſe zu Randalls-Jsland
übergeben. Die Perſonenbeſchreibung, wie Tag, Stunde
und Ort ſeines Auffindens werden genau in eine Liſte ein-
getragen, ſo daß es jederzeit reklamirt werden kann.
An warmen Sommerabenden kann kaum ein beſſerer
Ort gefunden werden, um alle Phaſen der newyorker Ge-
ſellſchaft zu ſtudiren, als der Warteſaal des Kinderaſyls
in Mulberryſtreet. Alle Klaſſen der Geſellſchaft finden wir
hier vertreten: den behäbigen Bürger und die abgehärmte
Fabrikarbeiterin, neapolitaniſche Straßenfiedler und die mit
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