Heidelberger Volksblatt — 5.1872

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s indungen gewiß für ſich behalten und allein den Ge-
winn ausgebeu tet haben; denn er iſt, obwohl von einem
alten, berühmten Geſchlechte, doch arm und ohne jegliche
Mittel, und ſelbſt ſein Stammhaus iſt nicht mehr ſein ei-
gen, ſo daß er zur Miethe wohnen und Herrn Ottens
zum Jungen einen ſchweren Zins für ſeinen Hof zah-
len muß."
Dem Schreiber ging die Sache mehr im Kopfe herum,
als der glauben mochte, der ihm davon ſprach und er kam
bereits damals dem Geheimniſſe ſchon ziemlich auf die
Spur, indem ihm die Worte Herrn Johanns: "Der
Schreiber! Hm! der Schreiber!" die dieſer mit
einem ſo ſeltſamen Ausdrucke der Stimme ausſprach, vol-
ler Bedeutung erſchienen. Er nahm ſich daher feſt vor,
die nähere Bekanntſchaft des Mannes zu ſuchen, und ſo
begab er ſich ſchon am ſolgenden Tage zu dem ihm be-
zeichneten Hof zum Humbrecht, der Herrn Johanns
ſtattliches Wohnhaus und in der Schuhgaſſe, dem Barfü-
ßer Kloſter gegenüber, gelegen war.
Der ſtattliche Hof mit ſeinen weitläufigen Gebäuden,
der aus mehreren zu demſelben gehörenden Krämerläden
und einer Kapelle, die nach den heiligen drei Königen be-
nannt wurde, nebſt einem maſſiven Wohnhauſe beſtand,
deuteten ſchon auf die Wohlhabenheit, ja, auf den Reich-
thum des Beſitzers. Durch einen großen, mit einer rieſigen
Pforte verſehenen Thorweg trat man in den Hof zum
Humbrecht ein und hatte dann, nachdem man über einen
wohlgepflaſterten, an beiden Seiten von Gebäuden einge-
faßten Hofplatz gegangen war, Herrn Johann Fuſtens
Wohnhaus vor ſich, das noch größer ſchien, als es in der
That war, indem ſich zu zweien Seiten der Hof zum
Korbe an daſſelbe lehnte, welcher letzterer aber da mals
einen andern Beſitzer hatte und erſt ſpäterhin mit demſel-
ben vereinigt wurde, nachdem man ihn durch Kauf an
ſich gebracht hatte. Der Hof zum Humbrecht bot, ſeiner
ganzen Bauart und ſeiner Geräumigkeit wegen, mehr den
Anblick einer Ritterburg, als den der Wohnung eines ein-
fachen Bürgers dar. Auf dem Hauptgebäude erhoben ſich
mehrere Glockenthürmchen; das Dach war ziemlich flach
und nach vorn und hinten überragend, ſo daß es von ei-
nigen koloſſalen Säulen in der Fronte geſtützt werden
mußte; die Thüren waren hoch und breit, die zu denſel-
ben führenden Treppenſtufen ganz wie die eines Schloſ-
ſes; im Jnnern aber führte eine ziemlich ſchmale Wen-
deltreppe, die von braunem Holze und reich mit Schnitz-
werk verziert war, in die obern Gemächer.
Dieſer Hof hatte auch wirklich früher einem vorneh-
men Geſchlechte, dem der adelichen Patrizier zum Hum-
brecht angehört, war aber durch Kauf jetzt an Herrn
Johann Fuſten gekommen, der ihn bereits ſeit einer Reihe
von Jahren bewohnte.

erklären, beſonders da Herr Johann Fuſt jetzt gänzlich
ſchwieg und den angeregten Gegenſtand fallen laſſen zu
wollen ſchien. Der junge Mann wandte ſich daher an
Meiſter Jacob, der ihm in jeder Beziehung beſſer gefiel
als ſein Bruder, und legte ihm, wie verabredet worden
war, die mit aus Paris gebrachten Schriftproben zur An-
ſicht vor.
Kaum aber hatte er ſeine Rolle vor dem Goldſchmidt
entfaltet, ſo fiel Herr Johann mit einer wahrhaften Be-
gierde darüber her und konnte nicht ſatt werden, die ſchö-
nen zierlichen Schriftzüge zu betrachten und zu loben und
alle ſeine Reden beurkundeten den Kenner. Er legte ſein
lauerndes, zurückhaltendes Weſen gänzlich ab, und endete
damit, daß er den Schreibor einlud, mit ihm nach Hauſe
zu gehen und das Mittagsmahl mit ihm einzunehmen,
welchem Verlangen ſich Meiſter Jaeob aber allen Ernſtes
widerſetzte, da er ſelbſt Schöffer bei ſich behalten und ſchon
jetzt Gebrauch von ſeiner Kunſtfertigkeit machen wollte.
Dem fügte ſich Herr Johann endlich, allein nur, nachdem
der Schreiber ihm das feierliche Verſprechen hatte geben
müſſen, ſchon den folgenden Tag zu ihm zu kommen, wo-
rauf er ſich entfernte.
Als er die Thüre hinter ſich hatte, ſagte Meiſter Ja-
cob lächelnd zu ſeinem Gaſte:
"Ein ſeltſamer Mann, mein Bruder! und immer hoch
hinausſtrebend; Er hat den Kopf ſtets voller Projecte und
das Neue reizt ihn mehr als billig! Ein Glück iſt's für
ihn, daß er im Handel und Wandel früher ſchon ein hüb-
ſches Vermögen geſammelt hat; denn ich fürchte, daß er
bei der neuen Erfindung, bei der ein armer Edelmann,
Herr Johannes Guttenberg, hier aus Mainz ge-
bürtig, wo ſein Stammhaus liegt, ihn zum Antheil zu
bewegen wußte, manchen blauken Goldgulden los wird.
Jndeß, ſolche Leute muß es auch geben, denn ſonſt würd'
es ſchlimm um neue Erfindungen ſtehen und das daran
gewagte Geld iſt ſelten verloren, wenn's auch erſt der
Nachwelt zu Gute kommt. Ueberdieß iſt mein Bruder,
wie ſchon geſagt, ein reicher Mann, und die neue Speku-
lation wird ihn nicht ruiniren, ſelbſt wenn ſie gänzlich fehl-
ſchlagen ſollte."
"Darf man wiſſen, von welcher neuen Erfindung die
Rede iſt?" fragte Schöffer, deſſen Neugierde lebhaft an-
geregt worden war.
"Jch darf Euch nichts davon ſagen, Herr Schreiber",
verſetzte Meiſter Jacob, "da ich meinem Bruder Ehren-
wort und Handſchlag darauf habe geben müſſen, ſein Ge-
heimniß Keinem, wer es auch ſein möge, mitzutheilen.
Jndeß wird er, ſo glaube ich, es Euch bald ſelbſt ſagen,
da er Eure ſchöne Kunſt zur Vervollkommnung der ſei-
nigen zu bedürfen ſcheint; habt demnach nur noch etwas
Geduld und laßt ihn Euch ſelbſt damit kommen; denn er
iſt ein wunderlicher Mann und wenn Jhr die geringſte
Neugierde blicken ließet, würde er Euch ſicher nichts ſa-
gen. Jch, für meinen Theil, halte nur wenig von alle
dem, was man jetzt im Hof zum Jungen - denn die-
ſen hat der Junker zum Gutenberge zum Zweck ſeiner
Arbeiten in Pacht genommen - treibt, und halte es für
eitel Tand und Narrentheiderei. Wären Reichthümer mit
der neuen Kunſt zu gewinnen, ſo würde der Junker ſeine

(Fortſetzung folgt.)

Ein newyorker Kinderaſyl
(Schluß.)

Das kleine Geſchöpf war hübſch gekleidet und trug ei-
nen kleinen Goldreif am Finger. Wir wußten gleich, daß
das Kind böswillig ausgeſetzt war und übergaben es deßhalb
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