Heidelberger Volksblatt — 5.1872

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Die Nagglmaiern.

chen am beſten durch ſtilles, ruhiges Stehenlaſſen des Ge-
kochten aus.

10) Der vierteljährige Gehalt wird nur in Velinpa-
pter eingeſchlagen angenommen und muß überdies von der
Herrſchaft mit einer gewiſſen Zartheit überreicht
werden.

11) Statt der drei Punkte: Verläßlichkeit, Treue und
Redlichkeit, ſind künftighin in dem Entlaſſungsdekrete die
Punkte: Grazie, Liebenswürdigkeit und Geiſt zu ſetzen.
12) Der Ausgang iſt nur nach Mitternacht an eine
beſtimmte Zeit gebunden. Dafür verpflichtet man ſich aber,
im Faſching nur alle vierzehn Tage nach Hauſe zu kom-
men. Barbara Crinolina,
Vorſitzende der Geſellſchaft:
"Die Köchinnen vom Geiſte."
Jawohl, Leitcher! So weit mißts eigendlich noch kumme
weils noch nit weit genug is. Die Statute in d'r Haus-
haltung hawe uns grad noch g'fehlt. Warum nit? Heit-
zudag is alles meeglich. Aach die Anforderunge kenne
mit d'r Zeit noch an uns g'ſchtellt werre. Die Zeit is
ganz dazu angedhan!
Um iwerigens uff e anner Bild zu kumme. Uff die
Badrees, die jetzt ſo mancher Madamm im Kopp ſchtickt.
So e Badrees wär nit iwl, ihr Weiwer. Uns g'heert
aah emool was. Awer die Herrn d'r Schepfung ſinn
nit all mit ſo'ere Luftverännerung einverſchtanne. Wenig-
ſchtens haw ich in dem Bedreff neilich e Zwieg'ſchbräch
mit ang'heert, deß b'ſonders in d'r liewenswirdige Schtei-
gerung d'r gegeſeitige Tittl indreffant is. Es hott gelaut:
Sie: Wir reiſen doch wieder in's Bad miteinander,
mein liebes Kind?
Er: Jch dächte, wir bleiben dieſes Jahr zu Hauſe,
metne Liebe!
Sie: Aber warum willſt Du nicht, mein Schatz?
Er: Jch habe keine Luſt, mein Engel!
Sie: Keine Luſt, mein Beſter?
Er: Jch kann es nicht mehr beſtreiten, liebes Herz!
Sie: Warum nicht mehr beſtreiten, lieber Mann?
Er: Es koſtet mich unendlich viel, liebe Frau!
Ste: Unendlich viel! Und der Aſſeſſor geht doch
ſogar wieder, und wie er ſagt, mit ſeiner ganzen Familie
in's Bad! Das weißt Du doch, Mann!
Er: Der Aſſeſſor iſt ein Narr, und ſeine Frau nicht
beſſer, als er - Frau!
Sie: Sie ſollten doch von meinen Freunden nichts
Böſes reden - mein Herr!
Er: Jch will das Veiſpiel ihrer Freunde nicht nach-
ahmen - Madame!
Sie: Wenn Sie nicht in's Bad wollen, ſo will
ich, und damit Punktum Herr Gemahl!
Er: Gut, aber ich gebe Jhnen keinen Heller dazu,
Frau Gemahlin!
Sie: Das kann man von Jhnen haben - Sie -
Sie Tyrann!
Er: Laſſen Sie mich jetzt in Ruhe, - Sie - Sie
Rantippe!
(Er ſchlägt die Thür zu und geht ab. Griſeldis weint!)

Die Woch is
e alti Kechin
g'ſchtorwe,Leit-
cher! So was
kann zwar alle
Dag vorkum-
me, awer merk-
werdig bleibt
immer die Erb-
ſchaft, die ſo
e Kechin hin-
nerloßt. So
is per Exempl
bei der Ke-
chin, for die
ich heit um all-
gemein ſchtill
Beileid bitt,
folgender "Er-
laß" unner de
zurickgebliwene
Babiere uff-
g'funne worre,
der uffen
b'ſchtannene,
odder vielleicht
noch b'ſchtehen-
de heemliche Verein ſchließe loßt. Die Tendenz deß Ver-
eins werd Jedermann ſofort kloor werre, wann'r deß Ba-
bier in die Hand nimmt, deß laut, wie folgt:
1) Nur bezüglich der Speißkarte konferirt die Kechin
mit der Frau, in allen übrigen Angelegenheiten wendet
ſie ſich vertrauensvoll an den Herrn.
2) Wenn zu einer neuen Theatervorſtellung nicht mehr
als zwei Sperrſitze zu haben ſind, ſo führt der Herr die
Köchin allein dahin und die Frau hat ohne Widerrede zu
Hauſe zu bleiben.
3) Dafür überläßt die Köchin ihre abgetragene Klei-
der an die Madam.
4) An jenen Tagen, an welchen die Migräne der
Köchin einen hohen Grad erreicht haben, wird das Eſſen
aus dem Wirthshaus geholt.
5) Die Frau hat ſich dann täglich in der Frühe nach
dem Befinden der Köchin zu erkundigen.
6) Zeigt ſich die Frau dabei zartfühlend und theil-
nehmend, ſo werden leichte Jndispoſitionen Seitens der
Köchin ignorirt. Jm entgegengeſetzten Falle iſt ein meh-
rere Tage anhaltendes Fieber das Geringſte, womit die
Gemüthsrohheit einer Frau beſtraft werden muß.
7) Will der Herr der Frau ein Präſent machen, ſo
muß früher ein ſolches von dreifachem Werthe an die
Köchin vorausgegangen ſein.
8) Dafür theilt die Köchin etwaige Trinkgelder von
Hausfreunden mit der Frau.
9) Tadel der Speiſen wird nur in den ſchonendſten
Ausdrücken angenommen und drücken die Herrenleute ſol-

Druck von G. Mohr.

- Verlag von G. Geiſendörfer."
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