Heidelberger Volksblatt — 5.1872

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Verhältniſſen bedrohte Liebe, ſo wird die Wehmuth zum
Schmerze und wir ſehen uns einem feindſeligen Geſchicke
mit einem raſchen Wurfe in die Arme geſchleudert.
Dieß letztere war bei Chriſtinen der Fall; ſie liebte,
ohne es ſich ſelbſt zu ſagen, den jungen Mann, der ihr
an der Grenze der Jungfräulichkeit entgegen getreten war.
Zuerſt mochte es ſeine ſchöne Geſtalt ſein, die Eindruck
auf ihre erwachenden Sinne machte; dann veredelte ſich
dieſe Neigung durch ſeinen geiſtreichen, belebenden Um-
gang. Sie hörte ihm mit Entzücken zu, wenn er von den
Erlebniſſen ſeiner Vergangenheit, von all' den Wundern
erzählte, die ihm in dem damals ſchon ſo außerordentlichen
Paris begegnet waren, und ihr Auge füllte ſich, wie ſei-
nes, mit Thränen, wenn er desſtillen, abgeſchloſſenen, aber
doch ſo beglückenden Lebens im Hauſe ſeiner Eltern, in
dem lieblichen Geburtsſtädtchen gedachte. Sie lernte nach
und nach jede Regung ſeiner Seele und ihn ſelbſt in je-
dem Blicke, in jeder Bewegung verſtehen; ſie war an den
Tagen, wo er nicht bei ihr erſchien, um ihr Unterricht zu
ertheilen, unruhig, träumeriſch und unluſtig; ſie liebte, was
ihm werth und theuer war und ſomit auch ſeinen neuer-
worbenen Freund, den Junker von Guttenberg, den ſie
früher, obgleich er ft in Geſchäften in das Haus ihres
Vaters kam, wenig beachtet hatte, der aber, ſeit Schöffer
ſeine großen Tugenden und Vorzüge ſo begeiſtert ſchilderte,
ſehr bedeutend für ſie geworden war.
(Fortſetzung folgt.)

die Stärke der elektriſchen Strömung abſchwächen, ſo daß
beiſpielsweiſe bei dem neuangelegten Kabel nach England,
in welches vier Drähte eingeſponnen ſind, nur zwei in der
Praxis verwendbar ſind, wenn nicht die Depeſchirung un-
ſicher werden ſoll. Zum Andern wird nur zu häufig ver-
geſſen, daß für jede zu ſendende Depeſche zwei Beamte er-
forderlich ſind, der eine, welcher die Depeſche aufgibt, der
andere, welcher ſie empfängt. Man berückſichtige nun, wie
zahlreich das Beamtenperſonal werden müßte, wenn bei
dem jetzigen Verfahren jede Depeſche ſofort expedirt wer-
den ſollte und man wird ſich ohne Zweifel ſagen müſſen,
daß in dieſem Falle der Preis für die Beförderung einer
Depeſche, wenn der Staat nicht direkt Schaden erleiden
will, in bedeutendem Maße ſteigen muß.
"Der telegraphiſche Verkehr muß dennoch
billiger werden und im telegraphiſchen Ver-
kehr dürfen dieſehäufigen Verſpätungennicht
mehr vorkommen." Dieſer Gedanke hat einen Mann
unabläſſig beſchäftigt, deſſen Name wohl jedem unſerer
Leſer bekannt iſt, weil er es, wie bisher noch kein ande-
rer deutſcher Schriftſteller, verſtanden hat, in der einfach-
ſten Sprache und in verſtändlichſter Weiſe die ſchwierig-
ſten neueſten Erfindungen auf dem Gebiete der Naturwiſ-
ſenſchaften, der Phyſik, der Chemie, der Aſtronomie, nicht
dem Gelehrten, ſondern dem einfachen, ſchlichten Manne
darzuſtellen. Herr A. Bernſtein iſt der Mann, der mit
raſtloſem Eifer und echt deutſcher Beharrlichkeit, geſtützt
auf ſeine genauen Kenntniſſe des telegraphiſchen Verkehrs
und mit Hilfe ſeiner weitgehenden mathematiſchen Stu-
dien, die Löſung dieſes Problems in einer ſo überraſchen-
den Weiſe erreicht hat, daß wir mit berechtigtem Stolz
ſagen können, der deutſche Forſchergeiſt feiert wieder ein-
mal einen Triumpf über alle andern Nationen der Erde
und hat dem ruhmreichen Buche, in welchem die Erfin-
dungen und Entdeckungen deutſchen Urſprungs verzeichnet
ſind, ein neues unvergängliches Blatt hinzugefügt.
Unſer Raum geſtattet uns nicht, alle die mühſamen
und zeitraubenden Verſuche zu ſchildern, welche Herr
Bernſtein anſtellen mußte, um zu ſeinen gegenwärtigen
Reſultaten zu gelangen; oft glaubte er an ſeinem Ziele
zu ſein, immer aber thürmten ſich ihm neue Schwierigkei-
ten entgegen, immer wieder mußte ſein erfinderiſcher Geiſt
auf neue Wege ſinnen, um neue Hinderniſſe zu beſeitigen,
neue auftauchende Bedenken zu löſen Gegenwärtig ſteht
das von ihm erfundene Syſtem in ſeiner ganzen Klarheit
vor uns; wir ſind überzeugt, daß daſſelbe auf den ge-
ſammten telegraphiſchen Verkehr den großartigſten Einfluß
ausüben und in gemeinnützigſter Weiſe wirken wird, und
wollen nachſtehend verſuchen, in einfachen Zügen die Grund-
prinzipien deſſelben wiederzugeben.
Das neue Syſtem Bernſtein's rüttelt ſcheinbar wenig
an den beſtehenden Einrichtungen, Bernſtein verlangt nicht
die Aufſtellung neuer Apparate, die er mühſam konſtruirt
hat; er verlangt nicht die Anlage neuer Linien, er ver-
langt nicht einmal die Anwendung einer von ihm in frü-
heren Jahren bereits gemachten Erfindung, wonach auf
einem Drahte gleichzeitig doppelt telegraphirt werden konnte.
(Schluß folgt.)

A. Bernſtein's neueſte Er findung auf dem
Gebiete der Telegraphie.

"Wie iſt es nur möglich, daß mir eine telegraphiſche
Depeſche aus einem nur wenige Meilen entfernten Orte
oft erſt nach mehreren Stunden zugeht, während doch jedes
Lehrbuch der Phyſik ſchwarz auf weiß lehrt, daß der elek-
triſche Strom zur Zurücklegurg irdiſcher Entfernungen nur
eines ſo geringen Zeitraumes bedarf, daß er für unſern
Sinn kaum noch wahrnehmbar iſt?" So hat wohl ſchon
Mancher gedacht, wenn er Nachts vom Beamten aus der
ſüßen Ruhe herausgeklingelt wurde, um eine Depeſche in
Empfang zu nehmen, die noch bei hellem Tageslicht auf-
gegeben wurde, und hat in ſeinem Mißmuth ſofort den
Wunſch daran geknüpft: "Wenn die Regierung ſich ſo un-
geheures Geld für die Beſorgung der Depeſchen bezahlen läßt,
ſo hat ſie auch die Verpflichtung, ſofort den Auftrag zu
erfüllen, andernfalls muß ſie neue Leitungen anlegen, um
den Verkehr bewältigen zu können." Meiſtentheils iſt er
wohl mit dieſem Wunſche zufrieden geweſen, ſelten wohl
hat er ſich vorgenommen, bei der Telegraphen-Verwaltung
Beſchwerde zu erheben, niemals aber hat er wohl erw
gen, ob durch die Erfüllung ſeines Wunſches auch die
ziſſion erreicht werden würde, und ob nicht etwa
die Gebühren ſich um ein Bedeutendes ſteigern mü
Und doch iſt dies der Fall. Erfahrungsmäßig ſteht es
feſt, daß die vermehrte Anlage von Leitungen auf derſel-
ben Strecke die Klarheit und Sicherheit der elektriſchen
Strömungen beeinträchtigt, weil die einzelnen, nebenei-
nander laufenden Drähte durch Jnduktion auf einander

urch
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