Heidelberger Volksblatt — 5.1872

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werden, daß bei Einführung dieſes Syſtems überall da,
wohin überhaupt telegraphiſche Verbindungen reichen, ein
Unendliches für den geſammten telegraphiſchen Verkehr ſo-
wohl an Schnelligkeit wie an Billigkeit und Sicherheit ge-
wonnen werden würde. Leider jedoch konnte der Staat
von der Erfindung keinen Gebrauch machen, weil er die-
ſelbe da, wo ſie am allermeiſten in Betracht kommt, näm-
lich im Verkehr mit dem Auslande, namentlich im über-
ſeeiſchen Verkehr, nicht einführen konnte, denn es iſt of-
fenbar, daß der preußiſche Staat allen übrigen Staaten
der Erde nicht vorſchreiben kann, in welcher Weiſe dieſel-
ben ihre Beamten inſtruiren, welche Tabellen ſie einfüh-
ren und wie ſie ihre Apparate einrichten ſollen. So lag
nun der Gedanke nahe, eine Geſellſchaft zu bilden, welche
in allen größeren Städten des Jn- und Auslandes, auch
in Amerika, Bureaux errichtet, durch welche die telegra-
phiſche Uebermittelung übernommen wird. Eine derar-
tige Geſellſchaft würde im Stande ſein, da ſie auf dem
angegebenen Wege für den Preis, den eine Depeſche von
20 Worten koſtet, beinahe eben ſo viele Depeſchen ſenden
kann, die Depeſchen ſo billig zu vermitteln, daß die
Koſten einer einfachen Depeſche kaum mehr
als das einfache Briefporto betragen würden.
Die Verſuche in der deutſchen Kaiſerſtadt, die Erfindung
zuerſt lebendig zu machen, ſind leider geſcheitert; Herr
Bernſtein hat in Berliner Kreiſen nicht den gewünſchten
Anklang gefunden. Geld zu Gründungen jeder Art war
überall vorhanden, Millionen wurden in Bauſpekulationen
angelegt, Fabriken und Etabliſſements wurden zum vier-
und fünffachen Werthe erſtanden, um aus ihnen eine Ac-
tien-Geſellſchaft zu ſchaffen, aber zur Verwirklichung einer
neuen, durchaus gemeinnützigen Jdee, da wollte kein Un-
ternehmer kommen. So war denn Herr Bernſtein, der von
Herzen gewünſcht hätte, ſeine deutſche Erfindung möge
auch dem deutſchen Volke in erſter Linie zu Gute kom-
men, darauf angewieſen, ſeinen Blick auf England zu
richten. Die praktiſchen Engländer aber haben ſeine Jdee
ohne Zögern in ihrer ganzen Weite erfaßt, ſie ſind ſofort
geneigt geweſen, dieſelbe zu verwirklichen und haben die
Begründung einer internationalen Aktiengeſellſchaft in die
Hand genommen, welche allerwärts mit der Einrichtung
derartiger Bureaux vorgehen ſoll.
Zwar wird auf dieſe Weiſe, wie es leider ſo häufig
ſchon der Fall geweſen iſt, eine deutſche Erfindung vom
Auslande ausgenutzt werden, dennoch aber müſſen wir im
Jntereſſe der Sache den Wunſch ausſprechen, daß die Aus-
führung dieſes Werkes nicht lange auf ſich warten laſſen
möge, denn unzweifelhaft will es uns erſcheinen, daß durch
dies Werk etwas geſchaffen wird, was der geſammten Ver-
kehrswelt zum größten Vortheil gereicht, was einen ſo ge-
meinnützigen Charakter beſitzt, daß es der Unterſtützung
jedes Menſchenfreundes im vollſten Maße werth iſt und
wodurch wieder der Beweis geliefert wird, daß, wenn Auf-
gaben an die Menſchheit geſtellt werden, die lediglich ſchar-
fes und logiſches Denken erfordern, das deutſche Volk al-
ien übrigen voranſteht.-

ſtimmte Nummer für ſein Abonnement, welche dem Bu-
reau in London mitgetheilt wird. Wird nun dieſe Num-
mer wiederum natürlich durch zwei reſp. drei Buchſtaben
ausgedrückt, nach London telegraphirt, ſodann noch die be-
treffenden drei Buchſtaben des Telegramms ſelbſt, ſo ge-
langt die ganze Depeſche in Form von nur 7- 10 Buch-
ſtaben nach London, denn der dortige Beamte weiß ſehr
wohl, daß Nr. X die Adreſſe des Herrn N. N. an Herrn
L. L. ausdrückt.
Sachkenner haben dieſes Syſtem genau geprüft und
haben ihm das glänzendſte Zeugniß ausſtellen müſſen; nur
ein Punkt hat noch einige Bedenken erregt, doch iſt es
Herrn Bernſtein gelungen, zweifellos auch dieſen zu be-
ſeitigen. Als Beweis dafür möge die Thatſache gelten,
daß einer der erfahrenſten engliſchen Telegraphen-Beam-
ten, mit dem über dieſe Angelegenheit verhandelt wurde,
vor Erledigung dieſes Punktes darauf beſtand, man müſſe
erſt zahlreiche Verſuche anſtellen, ob nicht etwa große Jrr-
thümer entſtehen würden; nach der Mittheilung Bern-
ſtein's jedoch, in welcher Weiſe auch dieſem Zweifel ab-
zuhelfen ſet, verzichtete er ſofort auf jeden Verſuch. Die
Richtigkeit der geſendeten Depeſchen ſchien nämlich bei die-
ſem neuen Syſtem dadurch gefährdet, daß, wenn ein Te-
legraphenbeamter aus einer Depeſche auch nur einen Buch-
ſtaben falſch telegraphirte, ſofort eine ganz andere Depeſche
auf der Ankunftsſtation entchiffert werden müßte. Tele-
graphenbeamte ſind aber doch auch nicht unfehlbar, und
ſo ſchien es wenigſtens nothwendig, durch mannigfache Ver-
ſuche feſtzuſtellen, wie oft dergleichen Unrichtigkeiten durch-
ſchnittlich wohl vorkommen würden. Bernſtein hat dieſe
Bedenken als nur zu richtig anerkennen müſſen, er hat
jedoch auch nach dieſer Seite hin einen Ausweg gefunden,
der jegliche Unſicherheit vollkommen beſeitigt. "Wir wollen
ſtatt der 24 Buchſtaben 24 derartige Silben ſür den te-
legraphiſchen Gebrauch, die unter einander eine Verwechs-
lung unmöglich machen." So lautetete ſeine Löſung; und
wenn auch die Länge ſeiner Depeſchen von fünf Buchſta-
ben auf 5 oder 7 Silben ſtieg, ſo war die Abkürzung
doch immer noch ſo groß, daß er ſtatt einer einfachen De-
peſche von 20 Worten immer noch für denſelben Preis 20
volle Depeſchen übernehmen konnte, da die Telegraphen-
Verwaltung 7 Silben als ein Wort annehmen muß. Statt
des Buchſtaben a führte er bei dieſer Löſung z. B. die
Silbe "Amt", ſtatt des Buchſtaben b die Silbe "Buch"
ein; wenn nun ein ſchläfriger oder unachtſamer Beamter
ſtatt "Amt" - "Umt oder Ant oder Abt" oder ſtatt
"Buch" - "Bauch, Bach, Bund" e. telegraphirt, ſo
weiß doch der empfangende Beamte, der es ja nur mit
den 24 von einander ganz verſchiedenen Silben zu thun
hat, ſofort: der Kollege in N. hat ſich hier verſehen, ſtatt
"Abt" muß es "Amt" heißen und iſt der Buchſtabe a zu
regiſtriren. Auf dieſe Weiſe wurden durch Bernſtein alle
Zweifel in trefflichſter Weiſe beſeitigt und es trat die
Frage an ihn heran, wie wird es möglich ſein, dieſe Er-
findung auf die gemeinnützigſte Weiſe in der Praxis ver-
wendbar zu machen.
Herr Bernſtein legte ſeinen Plan zunächſt den könig-
lich preußiſchen Behörden vor. Das Urtheil derſelben war
ein überaus günſtiges und es mußte von ihnen anerkannt
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