Heidelberger Volksblatt — 5.1872

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Nr. 63.

Mittwoch, den 7. Auguſt 1872.

5. Jahrg.

Erſcheint Mittwoch und Samſrag. Preis monatlich 12 kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonntrt in der Druckerei, Schtgaſſe4
und ber den Trägern. Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Johannes Guttenberg und Peter Schöffer

(Fortſetzung.)

ertheilt habt, geleiſtet, noch daß ich ſie mit Undank
belohnen will; vielmehr bleiben wir, ſo hoffe ich, nach
wie vor Freunde und unterſtützen uns gegenſeitig mit
Rath und That; auch wünſche ich, daß ihr noch wei-
tere Fortſchritte in der vom Junker Guttenberg erfun-
denen Kunſt machen und Euch davon ſo viel als mög-
lich aneignen möget, denn man kann nicht wiſſen, wo-
hin das noch einmal führen und welche Vortheile es
Euch und mir in der Folge bringen kann."
Er verbeugte ſich bei dieſen Worten gegen Schöffer
reichte ihm die Hand, und forderte ihn auf dieſe Weiſe
auf, ſich zu entfernen.
Schöffer ging - nein, er ſtürzte gleichſam die
Steige der Wendeltreppe, welche aus dem Hauſe führte,
hinunter, mit welchen Gefühlen, läßt ſich denken.
Alle ſeine Hoffnungen waren wie mit einem Schlage
vernichtet und er ſah ſich und ſeine Liebe rettungs-
los verloren; denn wie hätte er hoffen ſollen, den
Kampf mit einem Manne, wie Johann Fuſt, zu be-
ſtehen? Hätte dieſer ihm gezürnt, ihm gedroht ob ſei-
ner Liebe zu Chriſtinen, die, das wußte er jetzt mit
Gewißheit, ihrem Vater kein Geheimniß mehr war; ſo
hätte er noch hoffen dürfen, den Sturm, der ſich gegen
ſein Glück erhob, zu beſchwören; allein wie eine tücki-
ſche Zugluft, die heimlich das Leben uns ſtiehlt, hauchte
Fuſt ſeine Liebe, und mit dieſer zngleich ſein ganzes
irdiſches Glück an; wie eine Schlange ziſchte, kaum
vernehmbar, aus ſeinem Hinterhalte hervor, in dem er
den tödtlichen Stich vollführte, und entwand ſich, gleich
einer ſolchen, der nach ihm zugreifenden Hand.
Johann Fuſten war nicht beizukommen, ihm nicht,
der mit feſtem unverwandtem Auge ſtets auf das ſich
vorgeſteckte Ziel ſah, und der als Sieger aus jedem
Kampf hervorgehen mußte, weil er ſich ſelbſt zu be-
herrſchen verſtand, wie kein Anderer.
Dieſe und ähnliche Vorſtellungen und Gedanken
waren es, die den jungen Mann auf ſeinem Wege nach
Hauſe beſchäftigten.
Als er mit eiligem Schritte, um zu ſeiner Herberge
zu gelangen, an der Behauſung des Meiſter Jacob
vorüberſtreifen wollte, hörte er ſich bei Namen rufen,
und als er ſich nach dem Rufenden umſah, erblickte er
den Meiſter ſelbſt in der Thüre ſeines Hauſes.
"Wohin ſo eilig, Herr Schreiber, als ob Euch der
Kopf brennte?" fragte ihn dieſer; "was gibt's denn,
daß Jhr nicht einmal auf den Gruß eines Freundes
hört?"

Er hatte alſo wenigſtens den letzten Theil ihrer
Unterredung mit angehört und war mehrere Male in
Verſuchung geweſen, hervorzutreten und ſein verwege-
nes Kind durch ſein Erſcheinen zu Boden zu ſchmet-
tern; allein die Beſonnenheit, welche ihn auszeichnete,
gewann die Oberhand über ſeinen Zorn, und ſo hielt
er ſich verborgen, bis Beide in das Haus zurückkehr-
ten, worauf er ihnen unbemerkt nachfolgte. Die erſte
Perſon, welche ihm bei der Rückkehr begegnete, war
der Schreiber ſelbſt; er kam, um Chriſtinen, wie ſonſt,
Unterricht zu ertheilen, eine Pflicht, die er jetzt nur zu
gern übte.
Jene verrätheriſche Ader, die den Zorn in ihm
Allen, die ihn kannten, verkündeten, zeigte ſich auf
Fuſts Stirne bei dem unerwarteten Anblicke des jun-
gen Mannes; doch beherrſchte er ſich auch jetzt und
gebot Schöffer, ihm in ſein eigenes Zimmer zu folgen,
ſtatt ſich zu ſeiner Schülerin zu begeben.
"Her Peter," ſagte er, als er ſich dieſem allein
gegenüber befand, mit einer Stimme, die trotz aller
Anſtrengung, die er machte, durch ein leiſes Beben
ſeine innere Aufgeregtheit kund that, "Herr Peter,
meine Tochter bedarf Eures Unterrichts nicht ferner,
und ſo bitte ich Euch hiemit, denſelben aufgeben zu
wollen. Um offen gegen Euch zu ſein, ſo denke ich
jetzt alles Ernſtes an eine paſſende Vermählung Chri-
ſtinens mit einem Manne meiner Wahl, und da dürfte
die arge Welt vielleicht Anſtoß daran nehmen, wenn
ſie noch ferner Euren Unterricht genöſſe: ich denke,
Jhr verſteht mich, Herr Schöffer," fügte er mit einer
etwas ftärkeren Betonung der letzten Worte hinzu, und
warf zugleich einen ſo durchdringenden Blick auf den
jungen Mann, daß dieſer verwirrt den ſeinigen zu
Boden ſchlug.
Es war ihm unmöglich, zu antworten; das Herz
zog ſich ihm krampfhaft in der Bruſt zuſammen: er ſah
ſein zartes, ſich kaum ſelbſt geſtandenes Geheimniß er-
rathen, und das von einem Manne, vor dem er es
gern auf immer hätte verbergen mögen!
Fuſt ſchien ſeine Verwirrung nicht bemerken zu
wollen, und fuhr mit anſcheinder Ruhe fort:
"Wähnt nicht, Herr Schreiber, daß ich die Dienſte
verkenne, die Jhr mir bisher, theils in Geſchäften,
theils durch den Unterricht, den Jhr meiner Tochter

"Verzeiht, edler Meiſter, ich ſah Euch nicht," ſtam-
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