Heidelberger Volksblatt — 5.1872

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würdigſten Elemente in ſich! Männer und Frauen,
die in Europa bedeutende Bühnen-Erſcheinungen ſind,
die als Schauſpieler, Tänzer, Sänger gefeierte und
ſtolze Namen führen und für wenige Arbeitsſtunden
die höchſten Gagen beziehen, gehören in China, wo
nur der angeſtrengteſte Fleiß und praktiſche Tüchtigkeit,
wo nur Sittlichkeit und Gelehrſamkeit eine praktiſche
Berechtigung des Daſeins haben, zum Pöbel. Die Ko-
ryphäen in Terpſichore's und Thalia's Hain rangiren
mit dem gemeinſten Gaukler, mit dem Springer, Seil-
tänzer und Feuerfreſſer. Es iſt einmal chineſiſcher
Grundſatz, daß alle Perſonen, die ſich zur Beluſtigung
des Publikums mit den Gaben und Kunſtfertigkeiten
ihres Körpers öffentlich ausſtellen, ganz gleich, ob viel,
ob wenig, zum Pöbel zählen. Wen der ſteife, cere-
monielle Chineſe das Recht hat öffentlich anzuſtarren,
zu beklatſchen oder auszupfeifen, den kann er nicht in
ſeinem Hauſe dulden! So ſtehen denn Männer und
Frauen, denen in Europa als Künſtler erſten Ranges
gehuldigt wird, zu deren Füßen Fürſten und Herren
liegen, in China mit Sklaven und Sklavinnen, mit
Knechten und Mägden, mit Spielern von Profeſſion,
mit Vagabonden und Landſtreichern, mit allen gericht-
lich verurtheilten und durch Abſchneidung ihres Zopfes
geächteten Verbrechern auf einer Stufe.
Die Geſetze der Chineſen ſind gerecht, ſtreng, ſcharf
begrenzt und ſehr vorſichtig abgeſaßt. Alle Vergehen
ſind ohne Schminke beim rechten Namen genannt und
mit der größten Klarheit kurz und bündig dargeſtellt.
(Fortſetzung folgt.)

durch Bildung und Geſittung in die erſte erheben und
der in der erſten Klaſſe Geborene kann durch Mangel
an Bildung und Zucht, durch Mangel an Ehrfurcht
gegen das Alte und die Obrigkeit in die unterſte, ja,
in den Pöbel verſinken. Nicht die Geburt, nicht der
Rang und das Vermögen der Alten beeinflußt in China
die Zukunft des Jünglings, nur das eigne Jch, der
eigne Werth, das perſönliche Wiſſen und Können er-
öffnet die Pforten der höheren Geſellſchaft, führt zu
den höchſten Ehrenſtellen. -
Die Sünden des Nepotismus, die Bevorzugung des
Adels als Adel, ſind in China unbekannt!
Jn den erſten Zeiten chineſiſcher Entwickelung ſtan-
den ſich nur zwei Mächte, der Kaiſer und das Volk,
gegenüber. Dieſe Mächte aber verkehrten brüderlich,
ja herzlich mit einander, gingen als befreundete Glie-
der Hand in Hand. Durch die im Laufe der Jahr-
tauſende ſtark wachſende Population, wie durch den
vermehrten Reichthum und die vermehrten Bedürfniſſe
bildeten ſich nach und nach aus der einen urſprünglich
Ackerbau treibenden Klaſſe mehre, die bei der Stabili-
tät des chineſſiſchen Lebens noch heute dieſelben ſind.
Zur erſten Klaſſe gehört das kaiſerliche Haus mit
allen prinzlichen und fürſtlichen Verwandten, mit der
Nachkommenſchaft des Confucias und dem Adel. Der
chineſiſche Adel iſt indeſſen kein angeborener, kein er-
erbter wie in Europa! Ein ſolch bequemes ruhen und
ſchwelgen in fremden Verdienſten, ein ſolches ſich
ſchmücken und brüſten mit ererbten Federn kann ſich
der praktiſche, thatkräftige Chineſe nicht denken. Selbſt
iſt der Mann! Daher iſt der Adel nur ein perſön-
licher und muß wie jedes andere Gut durch eigenes
Verdienſt, durch eigenes, eifriges Ringen erworben
werden. Obgleich, wie allgemein bekannt, Geld und
Gut in China Hauptrollen ſpielen und für Geld Alles,
ſelbſt Staatsämter, käuflich iſt, wenn man anders die
betreffenden Examina gemacht hat, ſo iſt doch der Adel,
weil er die wirkliche Elite des Volkes erhalten ſoll,
unter keiner Bedingung käuflich.
Eben ſo hoch als der perſönliche Adel wird die mit
Anſtand und Sitte verbundene Gelehrſamkeit geſchätzt.
Demnach gehören denn auch alle Gelehrte, alle Gra-
duirte, eben ſo alle höheren Civil- und Militärbeamte
zur erſten Klaſſe.
Zur zweiten Klaſſe zählen die größeren und kleine-
ren Landwirthe, Ackerbürger und Bauern. Sie um-
faſſen das eigentliche urſprüngliche Volk. Zur dritten
gehören die Kaufleute, Seefahrer, Schiffer und Fiſcher,
zur vierten die Künſtler, die meiſt von geringer Be-
deutung, und die Handwerker.
Nach dieſer Klaſſifikation gibt es noch viele Per-
ſonen, die keiner dieſer vier Klaſſen einverleibt ſind
und die, weil ſie ſich ehrlich nähren, doch einer be-
ſtimmten Ordnung zugewieſen ſein müffen. Alle dieſe
Perſonen zählen, wunderbare Weiſe! ſammt den ſoge-
nannten dunkeln Exiſtenzen, die nicht ſäen und nicht
ernten und ſich doch ſauber kleiden und gut ernähren,
zum Pöbel.
So ſchließt denn der chineſiſche Pöbel die merk-

Der Friedhof.

O wie im Wald verſteckt
Jhn Baum und Strauch umfrieden!
Kein Lärm der Straße ſchreckt
Den Friedhofſchlaf der Müden.

Doch zieht um Kreuz und Stein
Der Epheu gern die Ranken,
Auf Gräbern blüht's, dem Schein
Der Sonne froh zu danken.

Vom Tode ganz umringt,
Die Blume hier am Grabe,
Sie blüht, ſie haucht, ſie bringt
Dem Leben hold die Gabe.

Es ſingt ihr zu vom Baum
Das Vöglein hell die Lieder,
Und kommt des Herbſtes Traum -
Der Lenz erweckt ſie wieder.

O rauhes Menſchenloos,
So ward Dir's nicht beſchieden!
Erſt in der Erde Schooß
Winkt Dir Dein Blumenfrieden
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