Heidelberger Volksblatt — 5.1872

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Jr. 67.

Mittwoch, den 21. Auguſt 1872.

5. Jahrg.

rcheint Mittwoch und Samſeag. Preis monatlich 1 kr. Einzelne Nummer 2 kr. Man abonntrt in der Druckerei, Scht,gae4
und bei den Trägern. Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Am 4. Auguſt. )

So zum Geſang, wie zum Beruf
Sind ausgetheilt verſchied'ne Gaben.
Nicht jeder, den der Herr erſchuf,
Kann auch die gleiche Stimme haben

Ein froher Tag vereint uns heut',
Hinweg mit allen Müh'n und Sorgen;
Herbei, herbei, wer gern ſich freut,
Die Arbeit ſchieben wir bis morgen
Heut' ſei ein Tag der Luſt. Herbei
Genoſſen all' und liebe Gäſte.
Des heut'gen Tages Loſung ſei:
Auf ſtrenge Arbeit frohe Feſte.

Willkommen Tenor aus voller Bruſt
Der Lebensluſt, des Frohſinns Stimme;
Verſuchs' ob heute deine Luſt
Des Jubels Leiter nicht erklimmen
Willkommen Baß! Was wär ein Chor,
Wenn deine Urkraft ſchwieg und ſchliefe?
Du brichſt im Jubel nicht hervor,
Es iſt dein Reich der Ernſt, die Tiefe.
Es muß des Baſſes Grundgewalt
Der Harmonie den Grundton bringen;
Das tiefe Volk gibt denen Halt,
Die droben in der Höhe ſingen.
Doch was iſt Baß und Melodie,
Durch Mittelſtimmen unverbunden?
Vereint nur wird die Harmonie
Jm Leben und Geſang gefunden.

Wir fragen nach dem Glauben nicht,
Willkommen Schweſtern all' und Brüder
Der Eine liebt ein froh Gedicht,
Der And're ſingt gern Kirchenlieder.
Ein jeder, wie er will und kann
Er ſehe, wie ſich's für ihn ſchicke.
Wie er auch hebt zu ſingen an,
Wenn's nur ſein eigen Herz erquicke.

Es ſitzt und ſingt die Nachtigal
Schwermüthig ernſt im Mondesglanze;
Der Tag beſingt im Jubelſchall
Die Lerche ſchwebend hoch im Tanze.
Es piept der Spatz ſo gut er's weiß,
Der Gimpel pfeift - wie ſelbſtzufrieden.
Doch Alles tönt ja ihm zum Preis,
Der ihnen den Geſang beſchieden.

Wohl gibt's auf Erden rings umher
Von mancher Art viel arme Käuze;
Man thut im Sang und Leben ſchwer
Sind vorgezeichnet zu viel Kreuze.
Heut' aber nehmt das Leben leicht
Und leicht die Lieder, die wir ſingen.
So wird der Freude Ziel erreicht:
Ein fröhliches Zuſammenklingen.

Wir fragen nicht nach Rang und Stand,
Nicht ob du Meiſter, ob Geſelle;
Steht nur im menſchlichen Verband
Ein jeder recht an ſeiner Stelle.
Verſchied'ne Stände müſſen ſein,
Ein Thor iſt, wer das will verneinen.
Es gibt Berufe, groß und klein -
Sei ſtets nur tüchtig in dem Deinen.

Eins noch gehört in mein Gedicht
Jch will es jetzt zum Schluß euch bieten -
Jhr wißt: Raubvögel ſingen nicht,
Drum thun's auch nicht die Jeſuiten.
Sie ſehnen nicht das Licht herbei,
Am liebſten ſchleichen ſie im Düſtern
Sie ſingen nicht friſch, froh und frei,
Sie können nichts als ziſchend flüſtern

Nicht der Geſang unisono
Jſt auch ſein höchſtes Ziel geworden;
Dann klingt es ſchön, dann klingt es froh,
Wenn's rein erklinget in Ackorden.

Heut iſt von Weißenburg der Tag,
Er hielt vom Leib die welſche Bande;
's gibt Welſche noch von ſchlimmern Schlag,
Singt ſie hinaus aus unſerm Lande.
Erſt wenn dies Nachtgevögel weicht
Mit ſeinem Krächzen und Geſchreie,
Erſt dann wird unſer Ziel erreicht:
Das einige Deutſchland und das freie!

*) Vorſtehendes Gedicht von Hr. Albrecht in Ulm wurde von
demſelben bei Gelegenheit eines Ausfluges des hieſigen Geſangver-
eins "Liedertafel" am genannten Tage vorgetragen und räumen wir
demſelben hiermit gerne einen Platz ein. D. Red.
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