Heidelberger Volksblatt — 5.1872

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rechten Argwohn." - Hier iſt nicht der Ort zu allen
dieſen Erörterungen," verſetzte Schöffer in der höch-
ſten Aufgeregtheit; "Jhr folgt mir in den goldenen
Hirſch, Lorenz, nicht wahr? und werdet mir dort Alles
ſagen."

(Fortſetzung folgt.)

Ein untergehendes Geſchlecht.

Das Schickſal, welches immer ernſter und drohen-
der an die in den Vereinigten Staaten von Nord-
amerika lebenden Jndianerſtämme herantritt, erinnert
uns nur zu ſehr an den Untergang der tapferen Aturer,
die einſt in den Wäldern des Orinoco lebten und von
denen uns Alexander v. Humboldt am Ende des er-
ſten Bandes ſeiner "Anſichten der Natur" berichtet.
Rankende Bignonien, duftende Vanille und gelbblühende
Baniſterien ſchmückten den Eingang einer Höhle, in
welcher die letzten Ueberreſte dieſes Jndianerſtammes
ſich befanden und über deren Grabe die Gipfel mäch-
tiger Palmen rauſchten. Ein liebliches Gedicht von
Ernſt Curtius, "der Aturen-Papagei", feiert das tra-
giſche Cnde des Aturen-Volkes. Wir entnehmen ihm
folgende Verſe:

der Vereinigten Staaten ſeit nahezu einem Jahrhun-
dert darbietet, iſt, bei allen ihm anklebenden Mängeln
und Schwächen, doch unbeſtreitbar das humanſte und
freiſinnigſte, welches die Welt je geſehen hat. Kein
anderes Gemeinweſen hat jemals ſo viel verſchiedene
Stämme, ja alle Racen des Menſchengeſchlechts als
gleichberechtigte Mitbürger willkommen geheißen; kein
anderes erfreut ſich einer Geſetzgebung, welche im Gan-
zen genommen der individuellen Freiheit einen ſo wei-
ten Spielraum läßt, und in keinem andern civiliſirten
Lande wäre eine ſo rückſichtsvolle und oft bis zur
Schwäche humane Politik rohen und unciviliſirten No-
maden gegenüber, wie ſie ſeit langen Jahren von Sei-
ten der Regierung und Geſetzgebung gegen die Jndia-
ner befolgt worden iſt, möglich geweſen. Und doch
ſind eben dieſe Jndianer augenſcheinlich beſtimmt, in
nächſter Zukunft einen neuen tragiſchen Beleg für das
unerbittliche Walten des oben erwähnten Naturgeſetzes
zu liefern.
Die ſchwankende, unſichere Politik, welche Präſident
Grant den Rothhäuten gegenüber beobachtet hat, konute
die Lage der Dinge nicht zum Beſſern wenden. Seit
einer Reihe von Jahren haben einige der zahlreichſten
und bildungsfähigſten Jndianerſtämme ein großes und
fruchtbares Territorium, das ſogenannte Jndianer-
Territorium, welches ihnen als Erſatz für ausgedehnte
Gebietsabtretungen von den Vereinigten Staaten ange-
wieſen worden iſt, inne.
Sie haben ſich hier in ihrer Weiſe zu entwickeln
verſucht, ſie haben ſich zum Theil die Lebensweiſe der
Weißen angeeignet und unbeſtreitbar verhältnißmäßig
Fortſchritte auf dem Wege zu einer höheren Civiliſa-
tion gemacht. Sie leben unter ihren eigenen Geſetzen
und dieſe ſchließen mit eiferſüchtiger Furcht die Nieder-
laſſung von Weißen unter ihnen und die Abtretung
irgend welcher, zu ihrem Territorium gehörigen Län-
dereien an Weiße aus, wenn ſie auch gern andere Jn-
dianerſtämme unter ſich aufnehmen. Und ſind in die-
ſen ihren Bemühungen, ein exkluſives Staatsweſen zu
bilden und ſich zu einer eigenen ſelbſtändigen Civili-
ſation emporzuarbeiten, von der Regierung und Ge-
ſetzgebung der Union mit einer gewiſſen völkerrechtlichen
Rückſichtnahme beſchützt worden, wenn auch einzelne
Jndianer-Agenten ſich grobe, unverzeihliche Betrügereien
zu Schulden kommen ließen.
(Schluß folgt.)

"Unten, wo die Wogen branden,
Hält ein Volk die ew'ge Ruh;
Fortgedrängt aus ſeinen Landen
Floh es dieſen Klippen zu.

Und es ſtarben die Aturen,
Wie ſie lebten, frei und kühn;
Jhres Stammes letzte Spuren
Birgt des Uferſchilfes Grün."

Wie hoch auch die Ziviliſation der Gegenwart uns
über jene Zeiten ſtellt, in denen die brutale Kraft alles
Recht für ſich allein in Anſpruch nahm, das eiſerne,
oft nur zu grauſame Naturgeſetz, welches das Schwache
überall zur nahezu wehrloſen Beute des Starken macht,
beherrſcht unſere Zeit doch mit kaum geringerer Macht-
vollkommenheit, als es die Uranfänge menſchlichen Da-
ſeins beherrſchte. Die Form, in der dieſe Herrſchaſt
ſich geltend macht, mag eine andere, oft mildere gewor-
den ſein, das Weſen iſt im Grunde daſſelbe. Die
Darwin'ſche Theorie, daß das Stärkere und Unvoll-
kommenere unterdrückt und aufhebt, iſt noch heute ein
Grundgeſetz der organiſchen Entwicklung, wie fie das
Grundgeſetz derſelben ſeit unvordenklichen Zeiten ge-
weſen iſt und wohl für alle Zukunft bleiben wird.
Dauernder Stillſtand in der natur- und vernunftmäßi-
gen Entwicklung der Dinge iſt meiſtens Rückſchritt,
namentlich bei dem Schwachen, und einem ſolchen Rück-
ſchritt folgt dann in der Regel auch der Untergang,
mag derſelbe auch von den traurigſten und erſchütternd-
ſten Umſtänden begleitet ſein.
Das großartige Staatsweſen, welches die Republik

ie Buohdruckerei von 6. Ceisendörfer

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