Heidelberger Volksblatt — 5.1872

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Maidai in Berlin.

"Soll, Berlin, ich all dein Weh,
Ueber Nacht in Luſt verwandeln,
Und in Roſenöl die Spree
Und die Pank' in Zuckerkandeln?
Was du da an Honig häufſt
Jſt ſo ſchnell nicht wegzukratzen!
Und was du im Fluß erſäufſt
Sind das lauter Moſchuskazen?

Soll ich deiner Dirnen Schaar
Und die zarten Louisknaben
Schon für Veſta's Weihaltar
Würdig vorbereitet haben?
Fehlet nur ihr Tempel? - Doch
Schaff' mir Palatin'ſche Hügel!
Und er ſoll heut' Abend noch
Kommen unter Dach und Ziegel

Deine Gauner in'sgeſammt,
Schwindler, Diebe, Räuberſeelen
Soll ich zum Schatzmeiſteramt
Sie als tauglich ſchon empfehlen?
Deiner Straßenjugend Peſt,
Süßer Pöbel an den Ecken,
Soll ich zum Dreikaiſerfeſt
Sie ſchon in die Glaeee ſtecken?

nete Stellung angewieſen, ſo breitete ſich im Schatten
germaniſcher Wälder eine Anſicht immer mehr aus,
welche dem deutſchen Jdealismus zum höchſten Ruhme
aereicht.
Tacitus verſichert uns, daß die Germanen im Weibe
etwas Heiliges, Vorahnendes ſahen; erſt durch ſie wurde
die Frau wahrhaft in die bürgerliche Geſellſchaft ein-
geführt. Wie denn hochbegabte Frauen, auf deren
Rath man lauſchte, deren Ausſprüchen man gern folgte,
im alten Deutſchland nicht ſelten faſt prophetiſches
Anſehen beſaßen.
Von der den Frauen gewidmeten Verehrung legen
auch ſchon die altdeutſchen Frauennamen ſinnvolles
Zeugniß ab. Uralte Namen waren: Skoneg (die
Schöne), Bertha (die Glänzende), Heida (die Heitere),
Liba (die Lebendige), Swinda (die Raſche).
Hinterdrein tauchten nicht minder ſinnige Namen
auf, vorzugsweiſe Kompoſitionen mit wiz-weiß, ſo
Swanhvit, heit-ſtrahlend, z. B. Adelheit, brunhell, z.
B. Kolhrun, Brunhild und louk (lohend), z. B. Hilti-
louk. Auch verſtanden es wahrlich die germaniſchen
Frauen, deren höchſte Zier Keuſchheit war, der Män-
ner Achtung zu erwerben und zu erhalten.
Wie hoch als Gattin die Frau geſchätzt wurde, be-
zeichnet ſchon das Wort, denn Frau bedeutet urſprüng-
lich die Frohmachende, Erfreuende, und erhielt ſpäter
geradezu die Bedeutung "Herrin". Jn älteſter Zeit
gereichte der Frau dem Manne in den Tod nachzu-
folgen zu hohem Ruhme, das Gegentheil zu tiefer
Schmach. Peokop, ein byzantiniſcher Geſchichtsſchrei-
ber, berichtet, daß unter den Herulern die Sitte des
Mitbeſtatten der Frauen bis in's 5. u. 6. Jahrhundert
der chriſtlichen Aera (wie übrigens auch bei den Jn-
dern) ſich fortgepflanzt habe. Man war der Anſicht,
daß dem Dahingeſchiedenen, welche ſeine Frau in den
Tod nachfolgte, die Thore der Unterwelt nicht auf die
Ferſen ſchlügen.
Wenn der alte Germane nach einem Leben reich an
Tugenden und, nach Menſchenweiſe nicht ohne Fehler
und Laſter, von der Erde Freuden und Leiden dahin
ſchied, ſo bewieſen ihm die Seinigen, einfach und ſin-
nig, ohne Geräuſch und Gepränge, die letzten Ehren.
Der Leichnam wurde verbrannt, berühmten Männern
wurde nur die Auszeichnung gewährt, daß ihr Schei-
terhaufen aus beſtimmten Holzarten zuſammengeſetzt
war. Einem Jeden wurden ſeine Waffen mitgegeben;
mitunter ward auch wohl das Schlachtroß des Heim-
gegangenen dem Feuer überliefert.
Als Grabmal ward ein Raſenhügel aufgerichtet.
Klagen und Thränen endeten bald, lange jedoch blie
ben Schmerz and Betrübniß. Frauen, glaubten unſere
vordern, gezieme die Trauer, Männern das An-
denten.

Hab' ich gar noch nichts vollbracht
Was ſich lohnte mich zu preiſen?
Ließ ich nicht in Einer Nacht
Die Baracken niederreißen?
Darob zürnſt du? wo ſo klar
Edelſte Motiv' mich leiten!
Soll der Habsburg und der Zaar
Sich an deinem Elend weiden?

Das Barackennachtgeſpenſt,
Soll's in deinen Schimmer ragen?
Gold ſei alles hier was glänzt,
Gold! in den Dreikaiſertagen.
Obdachloſe gibt es nicht!
Darum mach' dir keine Serupel!
Gibt die Sonn' nicht Holz und Licht
Und der Himmel ſeine Kuppel?

Unverdient noch iſt dein Spott!
Zwar im Bunde höh'rer Geiſter
Steh ich nicht. Jch bin kein Gott!
Nicht einmal ein Hexenmeiſter!
Frankfurt und Berlin! - begreif'!
Das ſind ganz verſchied'ne Pflanzen!
Dorten ging's nach meiner Pfeif'
Hier ſoll ich nach deiner tanzen!

Was ich dorten hab' geruht
Anzuordnen und mißwilligt,
Das war abſolut ſchon gut
Und ward in - Berlin gebilligt
Frankfurt eine gute Stadt,
Was wir ihr bezeugen können, -
Weiß was es verloren hat,
Dennoch wird es mich dir - gönnen

Hoffteſt du zu viel, extrem, -
Wer iſt vollkommen auf Erden.
Nur wer wenig hofft, nur dem
Kann die Ueberraſchung werden
Aber haſt du Neubegier
Nach den alten, ſchönen Tagen, -
Ruf ihn wieder! - möge dir
Dieſer Wurmb am Herzen nagen!"
(Frankf. Latern.)
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