Heidelberger Volksblatt — 5.1872

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gucker auch gerade heute fehlen, wo die Sch. in jedem
der fünf Akte in einer anderen Toilette kommt und
der junge X. ſo hübſche Reithoſen mit Reitſtiefelchen
trägt! Doch ſie fügt ſich in ihr Schickſal und geht ins
Theater. Beim Frühſtück am andern Morgen ſieht der
Herr Fascikularrath ein ſchweres Gewitter am ehelichen
Himmel heraufziehen. Er ahnt nichts Gutes, denn er
hat ein böſes Gewiſſen. Die erſte Frage ſeiner ge-
ſtrengen Frau iſt heute, ſtatt nach der Güte ſeines
Schlafes, nach dem Befinden des Opernguckers. Daß
er denſelben weggenommen, kann er nicht leugnen,
aber wozu, das geſteht er erſt nach einer Pauſe tief-
ſten Nachdenkens. Mit Verwunderung erfährt die Frau
Fascikularrath, daß ihr friedlich geſinnter Mann die
Abſicht hat, heute Vormittag zu einem Brigade-Manö-
ver auf den Exerzierplatz zu gehen, um die Truppen-
bewegungen feldherrnmäßig mit dem Feldſtecher oder
Operngucker zu inſpiziren. "Zu dieſem Behufe," ſagt
er, liege der Operngucker bereits drüben auf ſeinem
Schreibtiſch. Da ſcheint ſich der Sturm zu legen und
der Himmel will ſich aufheitern. Kaum athmet der
Geängſtigte wieder auf, da tritt die Kathrine trium-
phirenden Angeſichts ins Zimmer. Sie hat ſoeben den
Rock des Herrn Fascikularrath von geſtern Abend aus-
geklopft, da iſt etwas aus der Bruſttaſche gefallen -
eine Photographie. Der Herr Fascikularrath legt ſtumm
das Bild auf den Tiſch. Es war Fräulein Esmeralda
aus dem Rappo-Theater im Koſtüme oder viel ehr
Nicht-Koſtüme der "badenden Diana". Das war zu
viel. Jm erſten Augenblick der ſchrecklichen Enthüllung
hat die Ehehälfte nur ſtumme Wuthblicke für ihn. Dann
aber bricht ſie das tiefe Schweigen und läßt ein gan-
zes Regiſter von Vorwürfen über den armen geſchla-
genen Mann los: Der Diebſtahl des Opernguckers,
der Beſuch des Rappo-Theaters auf den vorderſten
Platz zu einem Gulden, das Tragen der Photographie
auf der ſeiner Frau geweihten linken Seite ſeiner Bruſt,
das heißt auf ſeinem Herzen, die Lüge vom Beſuch des
Brigade-Manövers, das bilden die Haupt-Schlagwörter
in der längeren Rede der Frau Fascikularrath. Und
was erſt die Katharine an ſelbigem Morgen am Brun-
nen den übrigen Dienſtboten des Hauſes erzählt haben
mag! Das allein ſchon veranlaßt die Frau Fasciku-
larrath an eine ernſtliche Eheſcheidung zu denken. Daß
der Herr Fascikularrath ſelbigen Vormittag nicht zum
Brigademanöver gegangen iſt, kann ſich der freundliche
Leſer wohl denken. Er hatte ſelbſt ſchlecht manövrirt
und eine glänzende Niederlage erlitten. Daß er auch
die Photographie nicht, wie er beabſichtigt, in ſein Pri-
vat- Photographie-Album geſteckt, läßt ſich ebenfalls
vermuthen, und daß er ſich vorgenommen hat, in Zu-
kunft ſeinen Grundſätzen getreu und gegen alles Klaſ-
ſiſche, auch gegen die Sagen der altklaſſiſchen
Mythologie kalt zu bleiben, wiſſen wir ebenfalls.
Das war für ihn die erſte und zugleich unwiderruflich
letzte Vorſtellung im Rappo-Theater

Dr Nagglmaier
Jhr erinnert eich
noch an's ſogenannte
Rappo-Theater
hier, Männer! Gar
Mancher ag ſeiner
Zeit e Gardinebred-
dig derwege auszu-
halte g'hatt hawe.
Un doch, ich bin's
iwerzeigt, iſſ'es keem
vun eich gange, wie
eme gewiſſe Fasci-
kularrath in Carls-
ruh. Vumme gute
Freind dort, werd
mer Folgendes dri-
wer g'ſchriewe:
Der Herr Fasci-
kularrath iſt ein
ziemlich harmloſes
Biergemüth; er hält
nicht viel auf höhere
Lebensgenüſſe und
findet auch unter
Anderm die Rich-
tung des Theaters
zu klaſſiſch. Erſt
wenn einmal die
Theater ſo weit dem Volksbedürfniß entgegenkommen,
daß man daſelbſt rauchen darf und dabei Bier ver-
zapft wird, wird auch der Herr Fascikularrath den
dramatiſchen Genüſſen einen Geſchmack abgewinnen kön-
nen. Die Frau Faslikularrath dagegen hat einen Vier-
tels-Platz in der ungeraden Tour und ſie ärgert ſich
jedesmal, wenn der andere Viertels-Platz ihrer Tour
ihr die ſchönſten Stücke wegſchnappt. So will ſie auch
eines ſchönen Abends ins Theater. Sie hat ſoeben
friſchgewaſchene weißgelbe Glacehandſchuhe angezogen,
denn ſie ſitzt heute in der vorderſten Reihe ihrer Loge,
wo man der Beleuchtung ſehr ausgeſetzt iſt und die
Hände graziös auf die Brüſtung auflegen muß; ſie
ſteckt den Theaterzettel ein, es fehlt nur noch der -
Operngucker. Alles Suchen und Suchen nach dieſem
unentbehrlichen Möbel hilft nichts, der Operngucker
liegt nicht an ſeinem gewohnten Platz in der oberſten
Kommodeſchublade - er iſt verſchwunden. Der Herr
Fascikularrath mit ſeiner erklärten Abneigung gegen
alles Klaſſiſche und Theatraliſche kann ihn doch nicht
weggenommen haben, außer dem Dienſtmädchen kommt
Niemand ins Zimmer, und die Katharine iſt durchaus
ehrlich, hat ſie ja früher einmal vom Verein zur Be-
lohnung treuer Dienſtboten einen Preis bekommen, weil
die Frau Oberreviſionsrath Rothſtiſt es ſechs Jahre
mit ihr ausgehalten hat. Die Frau Faseikularrath iſt
in der größten Verlegenheit. Muß ihr der Opern-

Druck und Verlag von G. Geiſendörfer
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