Heidelberger Volksblatt — 5.1872

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Geſellſchaften, worin nicht luſtige Muſik ertönte und
getanzt wurde, widerſprachen ja den ſchwarzen Trauer-
gewändern nicht, die man nothgedrungen hatte anlegen
müſſen, wollte man der Welt kein Aergerniß geben.
So wurden denn einen Monat nach Bertha's Ab-
leben wieder Einladungen an die benachbarten adligen
Gutsbeſitzer und folglich auch an die Grafen von Herbſt-
au, Vater und Sohn, geſandt.
Emilie und Roderich von Herbſtau, die über ſechs
Wochen einander nicht begegnet, äußerten unverholen
ihre Freude, einmal wieder zuſammenzutreffen.
Noch niemals hatten ſie ſich ſo lange und ſo eifrig
zuſammen unterhalten, wie an dieſem Abende.
Wie Frau von Handorf, welche die jungen Leute
nie aus den Augen ließ, darüber hoch erfreut war, ſo
auch der alte Graf von Herbſtau.
Schon in früheren Geſellſchaften auf Handorf hatte
er viel mit dem lieblichen Mädchen geplaudert und es
war im Stillen der Wunſch in ihm aufgetaucht, wenn
ſein Sohn ſich einmal ernſtlich mit Heirathsgedanken
beſchäftigte, ſo möchten ſich dieſe auf die Baroneſſe von
Handorf richten, die er mit Freuden als Schwiegertoch-
ter in die Arme ſchließen würde.
Genug, die Folgen dieſes erneuten Zuſammentref-
fens zwiſchen Emilie und Roderich waren, daß der alte
Graf von Herbſtau nach drei Tagen allein auf Schloß
Handorf erſchien und für ſeinen Sohn um die Tochter
des Freiherrn anhielt, die Bemerkung lächelnd hinzu-
fügend, daß die jugendlichen Herzen ſchon heimlich ihre
Gefühle gegen einander ausgetauſcht hätten, und folg-
lich von ihrer Seite kein Widerſpruch zu erwarten war.
Frau von Handorf, überglücklich, daß ihr Plan ſo
ſchnell zur Reife gediehen, ertheilte dem Grafen eine
bejahende Antwort, und ihr Gatte, wiewohl es ihn in-
nerlich ſchmerzte, daß ſein geliebtes Kind ſich ſchon in
ſo jugendlichem Alter von ihm trennen wollte, that
dasſelbe mit anſcheinender Heiterkeit. Nähere Verab-
redungen wurden nun zwiſchen den Eltern getroffen.
Die Verlobung ſollte in drei Monaten, die Hochzeit
aber erſt im nächſten Frühling, ein Jahr nach Bertha's
Tod ſtattfinden. Von dieſem Entſchluſſe war der alte
Herr nicht abubringen und wohl oder übel mußte die
ſtolze Frau ſich dies Mal dem Willen ihres Gatten
fügen.


trat, den Gruß des lieblichen Kindes erwiedernd, in
die ärmliche Behauſung ein.
Da der Tag, an dem Herr von Handorf dieſen
Spaziergang machte, ein Sonntag war, ſo fand er Rei-
ner mit ſeinem Kinde allein zu Hauſe. Eine Stunde
früher hätte er ſie nicht angetroffen, denn der Schul-
meiſter pflegte nicht gern den Gottesdienſt zu verſäumen
und hatte auch heute mit Marie die Kirche beſucht.
Seit einer Stunde aber befand er ſich ſchon wieder in
ſeiner Wohnung.
Reiner empfing den alten Freiherrn zwar ehrerbie-
tig, doch nicht mit knechtiſcher Demuth. So arm er
auch war, ſeiner Menſchenwürde und ſeines edlen Stan-
des als Lehrer der Jugend ſich bewußt, widerſtrebte es
ſeinem Gefühle, ſich vor etwas Anderem als einem
moraliſchen Verdienſte zu beugen.
Aber Herr von Handorf verlangte das auch nicht.
Er reichte dem Schulmeiſter in ſo herzlicher Weiſe die
Hand, als wenn er ſie irgend einem ihm befreundeten
Standesgenoſſen geboten hätte.
Dann kam Marie an die Reihe.
Dieſe, welche dem Freiherrn ſchnell den ſauberſten
Stuhl des kleinen Zimmers hingeſchoben, auf den er
ſich, ihr freundlich dankend, niederließ, wurde von ihm
in die Arme gezogen und auf die Wangen geküßt.
Die Liebkoſung gewährte dem Kinde eine innige
Freude. Ein holdes Lächeln glitt über ihre feinen Züge.
Sie ergriff die Hand des Greiſes und drückte ihre Lip-
pen darauf.
"Das iſt hübſch von Jhnen, gnädiger Herr," ſagte
ſie in vertraulichem Tone, "daß Sie Jhr Verſprechen,
den Vater zu beſuchen, erfüllt haben. Ach, ich habe
mich ſchon lange nach Jhrem Anblick geſehnt. Jſt doch
außer meinem Vater und der theuern - Sie wiſſen
ja, wen ich meine, Niemand ſo gut und ſo freundlich
gegen mich war, als Sie. Und Sie ſind doch ein rei-
cher vornehmer Herr und ich bin nur das Kind eines
Schulmeiſters."
Herr von Handorf betrachtete Marie eine Minute
ſtumm, aber mit wohlwollenden Blicken.
Dann wandte er ſich zu Reiner.
"Gott hat Sie reich in dieſem Kinde geſegnet", ſagte er.
Mariens Vater legte die Hand auf die Bruſt und
blickte nach oben.
"Das hat er," war die Antwort, "und ich danke
ihm mit der größten Jnbrunſt meiner Seele dafür."
"Ja, ja, Sie ſind ein glücklicher Mann, fuhr der
Freiherr fort. "Marie wird bei Jhnen bleiben, noch
iele Jahre. Erheben Sie ſich Morgens vom Lager,
wird Sie ihnen den Morgengruß zulächeln und ſuchen
Sie nach vollbrachtem Tagewerke die Ruhe, dann wird
ſie in ihrem Abendgebete einen ſanften Schlaf auf die
müden Augen des Vatees herabflehen."
(Fortſetzung folgt.)


Der am Morgen gekommene Graf war ſchnell wie-
der fortgefahren, um ſeinem Sohn die heißgewünſchte
Einwilligung mitzutheilen.
Als der Beſuch fort war, ſuchte Herr von Handorf,
das Herz voll trüber Gedanken, das Freie. Jmmer-
fort an die nicht allzuferne Trennung von ſeinem Lieb-
lingskinde denkend, wandelte er ohne beſtimmte Rich-
tung die Schloßallee hinunter, bis an das nahe lie-
gende Dorf, wo der Schulmeiſter Reiner lebte. Zufäl-
lig richteten ſich ſeine Blicke auf die offenen Fenſter
eines kleinen niedrigen Hauſes. Ein hübſches Kinder-
geſichtchen blickte daraus hervor. Er erkannte daſſelbe.
Es war Marie Reiner, die, ihn ſehend, ihn laut beim
Namen nannte und ihm freundlich zunickte. Er erinnerte
ſich, daß er der Kleinen einen Beſuch verſprochen und
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