Heidelberger Volksblatt — 5.1872

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Mittwoch, den 9. Oktober 1872.

5. Jahrg

Erſcheint Mittwoch und Samſtag. Preis monatlich 12 kr. Einzelne Nummer àa 2 kr. Man abonnrt in der Druckerei, Scht,ſgaſſe4
und bet den Trägern. Auswärts bet den Landboten und Poſtanſtalten.

Die Zuchthäuslerin.

Novelle von J. Krüger.

(Fortſetzung.)

Dieſer Vogel, dem die Flügel geſtutzt waren, flog
auf das ungefähr dreißig Schritte entfernte Tauben-
haus, von deſſen runder Kuppel er aber abrutſchte, und,
da ſeine Schwingen zur Hälfte gelähmt, in einen dicht
an dem Häuschen ſtehenden Buſch fiel.
Jn demſelben Augenblicke ſtürzte Beate, das junge
Kammermädchen der Baronin, aus dem Schloſſe in den
Garten.
"Der Papagei iſt aus dem Fenſter geflogen," ſchrie
ſie. "Die gnädige Frau iſt außer ſich. Du weißt,
Marie, was ſie auf das Thier hält. Jch war ſchuld,
ich habe das Fenſter offen gelaſſen. Wenn ich die Lore
nicht wiederbringe, jagt ſie mich fort. Ach Gott, ich
unglückliches Geſchöpf!"
"Weinen Sie nicht, Beate." verſetzte Marie. "Jch
habe geſehen, wo die Lore hinflog. Da, dort ſitzt ſie
im Buſche. Kommen ſie mit. Es wird uns ſchon ge-
lingen, ſie wieder einzufangen!"
Sie ſchritt ſchnell vorwärts, der erwähnten Stelle
zu und das vor Angſt zitternde Kammermädchen folgte
ihr.
Schon waren beide dem Buſche genaht und konn-
ten durch die Blätter die glänzenden Federn des Flücht-
lings erblicken.
"Nun wollen wir uns bücken und ihn locken," ſagte
Marie.

Beate, die eine angeborne Furcht vor Katzen hatte,
ſchrie laut auf und lief händeringend davon.
Nicht ſo that Marie. Bei ihr beſiegte das Mitleid
die Furcht. Sie ſprang der vierbeinigen Mörderin nach,
ergriff dieſelbe mit beiden Händen am Halſe und preßte
denſelben ſo heftig, daß die Katze den Vogel fahren ließ,
dafür aber ſich gegen die kühne Retterin wandte und
ſie ſo in die linke Hand biß, daß dieſe von Blut über-
ſtrömt wurde.
Aber Marie achtete des Schmerzes nicht, den ihr der
Biß verurſachte. Sie ergriff mit der Rechten den nur
wenig verwundeten Vogel, hob ihn vom Boden auf und
barg ihn an ihrer Bruſt, mit dem Fuße das Raubthier
wegſtoßend, das auf's Neue geneigt ſchien, Rache für
die ihm ſo dreiſt entriſſene Beute zu nehmen. Allein
der Stoß war ſo heftig, daß die Katze den Muth verlor
und miauend davon ſchlich.
"Gott ſei Dank," rief Marie hochaufathmend. "Das
iſt geglückt, und die gnädige Frau wird es mir Dank
wiſſen." Dann richtete ſie ihre Worte an den Vogel,
der zu fühlen ſchien, wie hochverpflichtet er dem tapfern
Kinde ſei und mit ſeinem krummen Schnabel ihre Hand
liebkoſ'te.
"Armes Papchen," ſagte ſie. "Hoſt große Gefahr
ausgeſtanden, biſt aber doch mit ein Paar ausgerupften
Federn davongekommen. Mir iſt's freilich nicht ſo gut
ergangen. Aber über die Freude, Dich gerettet zu ha-
ben, vergeſſe ich den Schmerz. Und nun komm', ich
will Dich Deiner Gebieterin zurückbringen."
Sie ſchritt mit dem Vogel der Hinterpforte des
Schloſſes zu. Doch ehe ſie eintrat, erſchien Frau von
Handorf ſchon auf der Schwelle und zwar mit vor
Zorn geröthetem Antlitze, denn Beate hatte ihr, auf
den Knieen um Verzeihung flehend, erzählt, daß der
Papagei wahrſcheinlich zwiſchen den Zähnen der Katze
ſein Leben verhaucht habe.
Die Baronin war freudig überraſcht, als ſie ihren
Liebling lebend an Mariens Bruſt erblickte.
Sie hatte vom Fenſter aus geſehen, was im Gar-
ten vorgegangen und deshalb das Schlimmſte befürch-
tet. Marie knixte und überreichte ihr den Vogel, der
ſeine Todesangſt bereits vergeſſen zu haben ſchien,
denn er rief laut, als er ſich wieder bei ſeiner Her-
rin befand:
"Gnädige Frau, mach' mein Kompliment!"
Frau von Handorf ſchalt:
"Böſe Lore, werde Dich zur Strafe vier Wochen
einſperren. Dann kannſt Du mir nicht wieder ſolchen

"Lore, Lore, komm' Zuckerlore," flötete ſie mit ihrer
weichen Stimme.
Der Vogel horchte auf dieſe Schmeichelworte und
ſchien Marie entgegenkommen zu wollen.
Da wurde der Verſuch, ihn wieder einzufangen,
plötzlich durch einen, beide Mädchen erſchreckenden Zwi-
ſchenfall geſtört.
Mit der Schnelligkeit des Windes ſprang eine große
weiße Katze herbei. Sie hatte auf der Schloßmauer
ihre Nachmittagsruhe gehalten und von dort im Bu-
ſche hockenden Vogel bemerkt. Mit tigerartig funkeln-
den Augen und dem Tone, den man in der nordiſchen
Volksſprache "Pruſten" nennt, flog ſie in den Buſch
und ebenſo ſchnell hatte ſie mit ihren ſcharfen Klauen
den Liebling der gnädigen Frau gepackt, um ihn zur
Veſper zu verzehren.
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