Heidelberger Volksblatt — 5.1872

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wegen. Der orthodoxe Geiſtliche aber beharrte hart-
näckig auf ſeiner Meinung und verweigerte dem Dich-
ter ein Grab in geweihter Erde. "Wie tief geht denn
Euer geweihter Kirchhofsboden?" fragte der König är-
gerlich? "Wenigſtens acht Fuß tief", verſetzte der Erz-
biſchof. "Nun gut," lachte der König, "ſo ſoll man
ein zwölf Fuß tiefes Grab machen, dadurch wird wohl
Eure geweihte Erde nicht leiden!" Der Erzbiſchof
konnte ſich dieſem Befehl nicht widerſetzen und ſo ruht
Moliere zwölf Fuß tief im Pere Ja Chaise.

niemals mißbrauchen wirſt, dafür bürgt mir Dein Herz
und Dein kluges Köpfchen."
Bald darauf erſchien Friedrich mit dem Wundarzt.
Die Wunde wurde von dem erfahrenen Manne ge-
nau unterſucht. Er erklärte ſie ungefährlich, klebte ein
Pflaſter darauf, befahl, daß dieſes einen um den an-
dren Tag erneuert werden ſollte und kehrte dann nach
der Stadt zurück.
Der verſtändige Chirurg, der nach einigen Tagen
wieder kam, um nachzuſehen, hatte ſich nicht getäuſcht.
Ehe vierzehn Tage in's Land gegangen, war Mariens
Hand geheilt und ſie konnte ſie gebrauchen wie zuvor.
Hatte die Kleine in der Liebe des Greiſes ſich frü-
her ſchon glücklich gefühlt, ſo that ſie es jetzt um ſo
mehr, denn die gnädige Frau änderte ihre huldvollen
Geſinnungen gegen ſie nicht und behandelte ſie mit
der gleichen Zärtlichkeit, wie ihren Papagei, der Marie
die Verlängerung ſeines Lebens zu danken.
Sonſt war Beate viel um die Gnädige geweſen,
und Frau von Handorf, die an der Kammerzofe Ge-
fallen gefunden, weil ſie die Launen ihrer Herrſchaft
geduldig ertrug und ihr zu ſchmeicheln verſtand, hatte
derſelben manch' vertrauliches Wort gegönnt und ſie
bei beſonderen Gelegenheiten reich mit Geſchenken be-
dacht.

(Jean Paul) hatte bekanntlich die Manier, Sprü-
che, Einfälle, Redensarten immer niederzuſchreiben, um
ſie bei Gelegenheit zu verwerthen und zu verwenden.
Aber nicht dergleichen allein ſammelte er. Er achtete
eben nichts gering und ſo wanderten Bindfadenendchen,
Korkſchnipſel, ſelbſt Glasſtückchen, wenn er derartiges
fand, in ſeine ſogenannte Lumpenſchachtel und er freute
ſich ſchon im Voraus darauf, wann, wie und wo er
diefe Kleinigkeiten einmal wieder würde brauchen kön-
nen. Der Gedanke des vollkommenen Unterganges, des
Verderbens und Nutzloswerdens einer Sache war ihm
unangenehm. Er vermochte es auch nie, einen Brief zu
verbrennen: er ſagte: Alles untergehende Leben kommt
wieder, dieſe Geſchöpfe des Kopfes und des Herzens
nie. Man kann den Namen durchſtreichen, aber die
Seele leben laſſen, die ſich in Briefen gerade am in-
nigſten ausſpricht.

Das hatte ſich nun mit einem Male geändert. Beate
hatte ſich die Ungnade der Baronin in doppelter Be-
ziehung zugezogen. Durch ihre Unvorſichtigkeit war der
gelehrte Favorit zum Fenſter hinausgeflattert, und
als er in Todesgefahr geſchwebt, war ſie ſchreiend da-
vongerannt, ſtatt ihn dem Raubthiere abzukämpfen.
Beate durfte nur noch bei ihr weilen, wenn ſie ſich an-
und auskleidete. Jn anderer Tageszeit wurde Marie
zu der gnädige Frau gerufen, doch nur in den Stun-
den, wo ſie ſich nicht mit ihren Studien unter der
Aufſicht des Fräuleins Herbert zu beſchäftigen hatte.
Denn Marien's Unterricht durfte nicht vernachläſſigt
werden, das hatte der Freiherr ſtreng befohlen. Er
kannte ihre geiſtigen Fähigkeiten und hatte ſich nun
einmal in den Kopf geſetzt, ſeinem Pflegekinde jene
Bildung ertheilen zu laſſen, die Marien, verbunden
mit ihrem körperlichen Liebreiz, entweder zu einer vor-
theilhaften Heirath in Zukunft verhelfen, oder ſie doch
in die Lage verſetzen ſollte, ſich eine ehrenvolle Exiſtenz
als Erzieherin zu erwerben.

(Man erzählt ſich), daß der berühmten Sän-
gerin Maria Malibran einſt nachdem ſie die Desde-
mona zum allgemeinen Entzücken des Publikums ge-
ſungen, unter den Blumen und Kränzen auch ein Bank-
billet auf tauſend Pfund Sterling lautend von einem
Verehrer zugeworfen wurde. Der Tenoriſt, der ne-
ben ihr ſtand, glaubte, es ſtänden Verſe auf dem Blatte,
hob es auf und war höchlich erfreut, ſtatt der Poeſie
nur die höchſt proſaiſchen Worte: Bank von England
1000 Pfund Sterling. Nach Sicht belieben Sie u. ſ. w.
Die Sängerin nahm ihm das Papier aus den Hän-
den und ſagte mit liebenswürdigem Lächeln: "Das
Billet iſt nicht für mich. Seine Adreſſe lautet: An
die Armen dieſer Hauptſtadt."

(Fortſetzung folgt.)

(Milton) verkaufte im Jahre 1667 das Manu-
ſcript ſeines unſterblichen Werkes: "Das verlorene Pa-
radies" für 5 Pfund Sterling an den Buchhändler Sa-
muel Simmons; außerdem ſollte er andere 5 Pfund
erhalten, wenn 1500 Exemplare der erſten Auflage ab-
geſetzt wären und ſo fort bei den folgenden Auflagen.
Er erhielt nur die zweiten fünf Pfund, 1674 nach ſei-
nem Tode verkaufte ſeine Wittwe ihre Anſprüche für
8 Pfund.

Mannichfaltiges.

(Moliere) ſtarb am 17. Februar 1697, als er
die Rolle des Hypochonders in ſeinem Luſtſpiele: "Der
eingebildete Kranke" ſpielte. Der Erzbiſchof von Paris
verweigerte der Leiche des Dichters das Begräbniß auf
dem Kirchhofe, weil er ein Schauſpieler geweſen ſei.
Der König erfuhr dies und ließ den Erzbiſchof zu ſich
rufen, um ihn zu einer vernünftigeren Anſicht zu be-
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