Heidelberger Volksblatt — 5.1872

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Anblick. "Das arme Kind ſcheint krank zu ſein," ſagte er
in einem ruſſiſch-deutſchen Dialekte. "Es wird vor
Schwäche hier niedergefallen ſein. Es wäre nnbarm-
herzig, das Mädchen hier hülflos liegen zu laſſen. Faß'
an, Burſch', wir wollen ſie tragen in meinen Wagen
und ſie nehmen mit dahin, wo ich zu übernachten ge-
denke. Es ſind freilich noch fünf Stunden bis zu der
großen Stadt. Aber vielleicht kommt ſie im Wagen
wieder zu ſich. Hab' ich doch guten Wein bei mir.
Will ich einflößen ihr ein paar Tropfen, iſt das ein
probates Mittel gegen ſolchen Zuſtand."
Der Kutſcher gehorchte dem Befehle ſeines Herrn
und half Marie in den Wagen bringen, wo ſie auf dem
weichen Sitze niedergelaſſen wurde. Wenige Minuten
ſpäter rollte das Fuhrwerk wieder von dannen.

Achtes Kapitel.

Nach zehn Jahren.

thun ſoll? Ja ja. Du willſt es, Du mußt es wollen,
ſonſt würdeſt Du mich nicht unverſchuldet einem ſo gräß-
lichen Elende preisgegeben haben. Deine Barmherzig-
keit flößt mir den Gedanken ein. Der Tod wird mich
von dieſem Jammer befreien. Jch will ihn ſuchen."
Sie blickte, ſo weit die Finſterniß es erlaubte, nach
links und rechts, ob ſich nicht irgend ein tiefer Waſſer-
graben befände, in dem ſie ihr Leid auf ewig begraben
könnte. Aber kein ſolcher war in der Nähe. Da ſchlug
plötzlich das Rollen eines Wagens an ihr Ohr. Er kam
von der Richtung her, wohin ihr Fuß ſtrebte. Sie blieb
ſtehen und horchte. Der Wagen kam immer näher.
"Ach, den Wagen ſendeſt Du mir, Gott," murmelte
ſie, in dieſem Augenblicke von der Würde ihrer Leiden
ſo ſchwer niedergedrückt, daß ſie dem Zuſtande eines
halbe Wahnſinns anheimfiel. "Wenn ſeine Räder mei-
nen Körper zermalmt haben, dann werde ich nicht mehr
eine Zuchthäuslerin geſcholten und von unbarmherzi-
gen Menſchen mißhandelt werden."
Mit dem gräßlichen Entſchluſſe des Selbſtmordes,
trat ſie in die Mitte der Landſtraße hin, warf ſich auf
die Kniee, ſandte mit gefalteten Händen noch einen fle-
henden Blick zum nächtlichen Himmel empor und ſtreckte
ſich dann ſo auf hen Boden, daß die Pferde des kom-
menden Wagens ihren Leib zerſtampfen und die Räder
über ſie hinweggehen mußten. Aber die allwaltende,
ewige Vorſicht hatte es anders mit der Unglücklichen
beſchloſſen. Wie durch ein Wunder hörte der Regen-
ſchauer plötzlich auf. Der Sturm riß die Wolken aus
einander und der im vollen Lichte ſtrahlende Mond,
der bis dahin von dem dunkeln Wolkenſchleier verdeckt
geweſen, warf ſeinen hellen Schein auf die Landſtraße
und folglich auch auf die Stelle, wo Marie den Tod
erwartete. Das Fuhrwerk ein mit vier Pferden be-
ſpannter Reiſewagen, das indeſſen ganz in die Nähe
des armen Mädchens gekommen war, hielt plötzlich ſtill.
Der bärtige Kutſcher hatte vom Bocke aus im Lichte
des Mondes einen dunkeln Gegenſtand liegen ſehen, den
er für einen Baumſtamm hielt, über den hinwegzufah-
ren ihm gefährlich ſchien, und um denſelben herumzu-
fahren, ſchien ihm nicht rathſam, da die Seiten der
Straße vielfach von dem vielen Regen durchlöchert waren.
Er kletterte ſchnell vom Bocke, um das Hinderniß bei
Seite zu ſchaffen, ſtieß dann einen lauten Ruf der Ver-
wunderung aus, als ſeine Hände einen noch warmen,
aber dem Anſcheine nach ohnmächtigen menſchlichen Kör-
per berührten. Ein alter Herr, der in dem Gefährt
ſaß, hatte dieſen Ruf gehört. Er ließ das Fenſter nie-
der, ſteckte den Kopf heraus und fragte, was es gäbe.
Die Antwort des Kutſchers war, daß ein Menſch in
der Mitte des Weges läge, ein junges Mädchen, und
daß dieſelbe beſinnungslos wäre. Nun wurde die Wa-
genthür ſchnell von innen geöffnet. Ein in einen mit
koſtbarem Pelz beſetzten Rock gehüllter alter Herr ſtieg
aus, um ſelbſt nach der Ohnmächtigen zu ſehen. Er
bückte ſich zu Marie nieder, deren blaſſes Antlitz der
Schimmer des Mondes noch bläſſer erſcheinen ließ.
Ein tiefes Mitleid ergriff den alten Herrn, der von
dem Kutſcher Herr Graf titulirt wurde, bei Marien's

Jn der Winterſaiſon des Jahres 1844, zehn Jahre
nach der zuletzt erzählten Begebenheit, fanden in der
königlichen Reſidenz viel und ſehr glänzende Bälle und
andere Feſtlichkeiten in den vornehmen Kreiſen Statt.
Wer ein ſolches Feſt beſuchte, mußte die prunkhafte
usſchmückung des Salons, das Lichtmeer, welches von
den mächtigen vergoldeten Kronleuchtern ſich über die
Geſellſchaft ergoß, die herrliche, von tüchtigen Dirigen-
ten geleitete Tanzmuſik, die vielen alten und jungen
Cavaliere, deren Bruſt mehr oder weniger mit Sternen
und Orden bedeckt waren, mehr aber als das Alles die
in reicher Toilette graziös auf- und abſchwebenden Da-
men bewundern, unter denen viele den Ruf der Schön-
heit und der feinſten Weltbildung vollkommen verdien-
ten. Aber wie viele der glänzendſten Schönheiten die
Reſidenz auch in der Damenwelt zählte, es ſollte ein
Ball-Abend kommen, wo alle von einer einzigen auf
längere Zeit verdunkelt wurden. Zu Ehren des neuen
ruſſiſchen Geſandten, der mit ſeiner Gemahlin und Die-
nerſchaft erſt vor wenigen Wochen in der Reſſidenz ein-
getroffen war und in einer der Hauptſtraßen ein präch-
tiges Hotel bezogen hatte, wurde von einem der hoch-
geſtellteſten Adeligen eine Soiree gegeben, die mit ei-
nem Balle ſchließen ſollte. Was zu der vornehmen
Welt der Reſidenz gehörte, war zu dieſer Feſtivität ge-
laden worden die an Pracht und Glanz ihres Gleichen
ſnchte.

(Fortſetzung folgt.)

Kummer und Glück.

"Jetzt ſind wir im Braunſchweigiſchen, mein Herr!
Wenn Sie alſo ausſteigen wollen, wie Sie gewünſcht -"
"Gewiß will ich das!" antwortete der Angeredete,
ein rüſtiger, kräftig blickender Vierziger, deſſen ſonne-
gebräuntes Geſicht einen beſonderen Reiz durch den
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