Heidelberger Volksblatt — 5.1872

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Kummer und Glück.

(Fortſetzung.)

"Nichts da!" rief etwas ungeduldig der Fremde,
"gehen Sie zu meinem Poſtillon und laſſen Sie ſich
das rothe Kiſtchen geben; das bringen Sie her. Vor-
her aber ſetzen Sie Waſſer auf's Feuer."
Die Alte that, wie ihr geheißen; ſie wirthſchaftete
ſo flink, daß der Fremde ſich darüber wunderte. Bald
war ſie fort, um das Verlangte zu holen. Freundlich
redete er dem Knaben zu; je mehr er ihn anſah, deſto
lieber gewann er ihn und gern ließ der Klene ſeine
Händchen auf dem Arme des Wohlthäters ruhen, der
ihn immer und immer wieder ſinnend anblickte; faſt
ſchien es demſelben, als hätte er das liebe, treue Auge
des Kleinen ſchon einmal g ſehen.
Das Gewünſchte war bald herbeigeſchafft. Der Herr
öffnete ſein Kiſtchen, nahm das Nöthige heraus, gab
dem Knaben einige Tropfen und ließ ihn den heißen
Thee trinken, welchen der Kleine mehr aus Dankbar-
keit als aus Wohlgefallen gehorſom zu ſich nahm.
"Nun wird mir beſſer," meinte er nach einer Weile,
"mein Leib thut auch nicht mehr ſo weh!"
"Das freut mich, lieber Georg. Jetzt ſuch' zu
ſchlafen, und, Mütterchen, wenn Jhr Junge wieder
aufwacht, dann geben Sie ihm noch zehn Tropfen und
eine Taſſe Thee. Morgen komme ich wieder, dann
wird wohl unſer Georg aus dem Bette können." Da-
mit klopfte er dem Knaben auf die Wange und ging,
begleitet von einer Fluth von Dankſagungen der Al-
ten, zurück nach der Dorſſchänke. --
Garg eigen wurde ihm bei ſeinem Gange zu Muth:
das Geſicht und die blauen Augen des Kleinen woll-
ten ihm nicht aus dem Sina. Das Läuten des Dorf-
glöckchens erklang durch die ſtille Abendluft. "Sonn-
tag wird eingeläutet," ſprach er vor ſich hin, "nun,
will's Gott, bin ich morgen daheim, dahetm, und
höre da den lieben Klang der alten Glocke weder,
wenn ſie Alle zur Kirche gehen!"
Bald hatte er die Dorfſchänke erreicht. Er trat in
die Gaſtſtube. Wie ſtaunte er, als er alle Stühle be-
ſetzt fand. Die Bauern hatten ſich eingefunden in ihren
langen, ſchmucken, weißen Friesröcken, in ihren rothen
Weſten und den faſt haſelnußgroßen, runden, ſilbernen
Knöpfen daran, von denen der eine kaum dem andern
Platz ließ, denn je mehr Knöpfe, deſto reicher der
Bauer. Jhre breitkrämpigen, ſchwarzen Filzhüte mit
blauem oder rothem Bande hatten ſie auf dem Kopf
und, nach dortiger Sitte der behäbigen, begüterten
Leut, die eine Hand in der Hoſentaſche, während die
andere die kurze Pfeife feſthielt.
Als der Fremde eintrat und beim Anblick, der ſich
ihm bot, überraſcht in der Thür ſtehen blieb, ſtanden
ſie auf - nicht wie die Städter, behutſam den Stuhl
anhebend - ſondern ſchnurrend mit den ſchweren Holz-
ſtühlen, daß die Gaſtſtube dröhnte.

Ohne darauf zu achten, ging der Fremde voran;
die Alte folgte behende, zeigte ihm den Weg zum zwei-
ten Nachbarhauſe und bald traten Beide in ein klei-
nes Stübchen; ein Stübchen, fo blank und rein, wie
man es in mancher ſchönen und von der Natur reich
geſegneten Provinz Deutſchlands vergeblich ſuchen
würde. Auf dem "Schapp" an der Wand und in dem
Eckſpinde ſtanden die zinnernen Teller, glänzten wie
Silber; die Scheiben zeigten nicht den geringſten Staub,
die Luft war rein und der braunroth geſtrichene Tiſch,
die Holzſtühle von derſelben Farbe, die große, ſchwarze,
mit bunten Blumen grell bemalte Truhe neben dem
großen Ofen - Alles ſah aus, als erwartete es Gäſte,
als hätte die ſorgende Hausfrau erſt eben ihr Tage-
werk daran vollendet.
Aus dem großmächtigen Himmelbett aber, welches
die eine Wand des Stübchens in ihrer ganzen Länge
einnahm, ließ ſich ein leiſes Wimmern und Stöhnen
vernehmen. Der Fremde ſchlug die buntfarbigen Vor-
hänge zurück und in dem Bette lag ein Kind von ſechs
bis ſieben Jahren. Unwillkürlich fiel dem Beſchauen-
den das Vögelchen ein, das er einſt beſeſſen, wie es
das niedliche kranke Köpfchen geſenkt, und wie von
einem Schauer erfaßt, in all' ſeinen kleinen Glieder-
chen erzittert, ihn angeblickt mit dem kleinen, unſchul-
digen Auge, als wollte es ſagen: "Hilf mir!" So
lag der Knabe; es war ein blondlockiger Bube, ſeine
runden Wangen waren aber nicht mehr ſo kirſchroth
wie ſonſt wohl, wenn er ſich auf der Wieſe getummelt,
und ſeine großen blauen Augen blickten matt und nur
halbgeöffnet auf den Fremden.
"Du biſt wohl krank, mein Junge?"
Statt der Antwort füllten ſich die Augen des Klei-
nen mit Thränen. -
"Nun, nun," meinte der Herr beruhigend, "es wird
ſchon beſſer werden; ich will Dir ja helfen, ſieh mich
'mal an, ich heiße auch Georg wie Du, und da werde
ich Dich ſchon geſund machen."
Der Junge lächelte durch ſeine Thränen - es war,
als wenn die Sonne im Gewitter die Tropfen auf der
Roſe küßt.
"Wo thut's denn weh?"
"Hier!" antwortete der Kleine mit ſchwacher Stimme
und zeigte auf ſeinen kleinen Leib.
Der Fremde ſühlte den Puls, die Alte wagte kaum
zu athmen; er überzeugte ſich, daß das Kind fieberte
und entnahm aus den Antworten der Frau, daß ein
heftiger Ruhranfall die Urſache der Schmerzen ſei.
"Kochen Sie ſofort einen Topf Pfeffermünzthee!"
verlangte der Fremde. "Choleratropfen haben Sie doch
im Hauſe?"
"Pfeffermünzthee? O Jeſſes! Choleratropfen? Das
kenn ich Alles nicht; ſoll ich Kamillenthee holen vom
Nachbar? Oder kann ich den Malzextrakt von Klaus -

(Schluß folgt.)
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