Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 2.1886-1887

Seite: 169
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Auf dem Uünstlerball. Oon L. Fulda
krüftig auf die Knie schlug, und konnte sich nicht genug
Vorwürfe machen, daß er zu seinem Abschied voin Jung-
gesellenleben eine so verräterische Maske gewühlt. Das
Ende vom Liede war, daß ihm die Eltern kategorisch er-
klürteu, sie sowohl als ihre Tochter seieu durch diesen un-
entschuldbaren Vorfall aufs Neue überzeugt worden, daß
die Lebensanschauung eines Künstlers mit der eines Ehe-
maunes nach ihrem Sinne nicht zusammenstimme, und daß
Äldalbert entweder auf die Kunst oder auf die Hand Leonorens
verzichten müsse.
Adalberts Einwürfe, er habe nur geküßt, um seiner
Rolle treu zu bleiben, und die Symmetrie sei das Grund-
gesetz aller Plastik, blieben unverstanden. Er fand sich
allein und dem schwersten Kampf anheimgegeben, der je
eine Künstlerbrust durchtobt hat.
Dieser Kampf dauerte vier Tage. An jedem einzelnen
dieser Tage studierte Adalbert genau und unparteiisch je
eines seiner vier Bilder und erkannte am Abend, daß es
nicht gnt sei. Am fünften Tage versammelte er seine
Freunde und fragte sie auf Ehre und Gewissen, ob sie von
seinem Talent etwas hielten. Das Resultat dieser Ver-
sammlung war, daß er stillschweigend den Rest der väter-
lichen Malerleinwand, das „Hauptwerk" mitinbegriffen,
unter die Anwesenden verteilte.
Am Morgen des sechsten Tages hatte er eine lange,
geheime kknterredung mit Leonorens Vater, am siebenten
erfolgte die ergreifende Aussöhnung mit seiner Braut, die
er wiederholt küßte, ohne andere Spuren als ein glückliches
Lücheln auf ihren Wangen zurückzulassen, und etwa eine
Woche später ersuhr die überraschte Welt, daß Adalbert
auf den Künstlerberuf verzichtet habe und in die Hemden-
fabrik seines Schwiegervaters eingetreten sei.
Niemand nahm ihm das übel. Es war der erste
wahrhast vernünftige Schritt seines Lebens. Denn er
hatte einer falschen und unglücklichen Liebe zu Gunsten
einer wahren und glücklichen entsagt. — Jetzt ist er ein ebenso
geachteter Fabrikant wie guter Familienvater, und um seine
Knie, auf welche der Schwiegerpapa noch manchmal kräftig
schlügt, spielen drei perugineske Köpfchen mit des Vaters
schönen Zähnen und mit der Mutter schönen dunkelblonden
Haaren. Ein viertes, jüngst erst angekommenes Köpfchen
hat diese beiden Schönheiten noch nicht, wie es bei seinem
Lebensalter selbstverstündlich ist. Von Adalberts Werken
hängt nur Leonorens Porträt und der Mohrenfürst im
Wohnzimmer, ersteres auf seinen Wunsch, letzterer auf
ihren ... zur Warnung, wie sie sagt. Aber das ist, obwohl sich
der Karneval seit dem öfters wiederholt hat, völlig überflüssig.
kknd da giebt es immer noch Lästerzungen, welche
behaupten, die Künstlerbälle hätten der Kunst niemals
einen merklichen Vorteil gebracht.

WclLkcrfterrrteöoute
Lin Hochzeitsmärchen
ein und Humor — das siud ein paar unzertrenn-
lich frohsinnige Genossen! kknd beiden
erblichet am Rhein
ein fröhlich Gedeihn.
Rheinwein und rheinischer Humor sind deshalb
überall gerngesehene Freudenbringer, namentlich bei hei-
teren Festen. Als ihr Lieblingsfest aber gilt von alters
her die Feier der wieder erwachenden Frühlingslust —
der fröhliche Faschingsjubel. Da schwillt alljährlich selbst
Die Aunst für Alle II

— kllalkastenredoute Von E. Daelen
dem alten Vater Rhein das Herz vor Wonne. kknd seine
beiden Residenzstüdte Köln und Düsseldorf wetteifern, wie
in so manchem anderen, auch hier um die Ehre, dem All-
beherrscher Humor das glanzvollste Opfer zu bereiten.
Jede derselben erreicht dies in ihrer eigenen Art. Jn
der altehrwürdigen Colonia, die ihrem bedeutenden Handel
entsprechend von jeher durch ein reich entwickeltes öfsent-
liches Leben brilliert, gipfelt der Karneval in dem groß-


Aus F. Zchnitzlers Lkizzenbuch

artig pompösen Rosenmontagszuge, —^ die Kunststadt
Düsseldorf dagegen yält sich naturgemäß in engeren
Grenzen, sie veranstaltet ihm zu Ehren ein Künstlerfest
die Malkastenredoute.
?luch in diesem Jahre kann gleich von vornherein
ein glänzender Erfolg auf das bestimmteste prophezeit
werden, da der phantasievolle Maler und Zeichuer Karl
Gehrts das Arrangement übernommen hat; er wußte
auch sür die feenhafte Pracht eines Künstlerfestes vorzüg-
lich den rechten Ton zu treffen, indem er als Grundidee
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