Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 2.1886-1887

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Studie über den Naturalismus :c. von 6. ^elferich — Wie Scheffel Maler werdeu wollte. vou I. Proelß 22y

statt des gegenwiirtigen einen geben: die Kunst der
Renaissance, die erhabene Malerei, die Malerei des Auf-
schwungs, welche rwn dem Menschen ausging und seiner
Entfaltung — und die Malerei der Gegenständlichkeit der
Dinge, die Malerei der Jntimitat, welche von dcr Land-
schaft ausgeht und dem einfachen Natnrzustande. Sie
wnrde im Verlauf des nennzehnten Jahrhunderts mit
Bewutztsein eingeführt, andentnngsweise nnd im Flnge
komnit sie bereits bei manchen, namentlich nordischen alten
Meistern vor. Grundlage dieser nenen Malart wird stets
Beobachtung der Natnr bleiben, gesehen durch ein künst-
lerisches Temperament. Je nach der Merkwürdigkeit dieses
Einzeltemperamentes werden die Werke schöner oder unbe-
deutender sein, bei allen aber wird das Gemeinsame in
der Wiedergabe von Natureindrücken bestehen. Man könnte
es vergleichen mit einem Bergsee, dessen Oberfläche gleich-
mäßig spiegelt, was da ist, aber dessen Boden nngleich und
zackig, mehr des Wassers oder weniger zwischen sich nnd
dem Sviegel oben aufsüllt. Das Bett ist seicht zunächst
des Randes, senkt bald sich hinab, hat Thäler nnd Auf-
schwellungen, Sandbünke und LAippen, zeigt klar bis anf
den Grund oder ist voll von wunderlichem Schlinggewächs

— mannigfaltig wie Jndividnalitäten ist der See in seiner
Tiefe, doch oben auf seiner Außenseite spiegelt er rnhig
die Natnr, den Himniel, die Felsen, die Bäume.
Zwischen der Rcnaissanceknnst, dcr genialen, in ihrem
klingenden und hohen Heldenpathos, in ihrem monn-
mentalen Jdealismus uud der neuen intimen Knnst,
welche in der Stille die Sachen spiegelt, ivird aber für
alles dazwischen Liegendc kein Platz mehr bleiben, für das,
was Menschen geistreich reden, für die sprithafte Btalerei,...
sie wird als etwas Unwesentliches einfach fortfallen. Und
ivird man da angelangt sein, so wird über Max Liebermann
genrteilt werden als von einem svlchen, der den Übergang
bot; er habe einige Übertrcibungen gezeigt — dafür wäre
er aZerit provocateur gewesen, er wäre etwas hitzig in
den Doktrinen gewesen — nun, wer hätte sich nicht einmal,
als er jnng war, auf einem vive lu LoloZne ertappt, —
aber a»f guten Wegen wär er gewesen nnd nicht so sehr
seine Begabung wäre das Staunenswerte, das nicht genng
bewnndert werden könne, als sein richtiges Erkennen der ein-
znschlagenden Richtung. Für unsere Zeit der tapferste
Vorlänfer der nenen Kunst in Deutschlaud gewesen zn
sein: den Nuhm wird er dann besitzen!

wie Scheffel in Rom Maler werden rvollte nnd Dichter ward

von Iobannes proelß*)
„Zrisches tzerz und frijches wayen
Aennt kein Grübeln, kennt kein Angen,
llnd denr Mut'gen hilft das Glück."
Scheffel, Der Trompeter von Säkkingen

(^jm Mai nach Rom, ein freier junger Künstler, zu
ziehen, welche idealgestimmte Scele weitete sich nicht
bei solcher Vorstellung! Wenige aber mögen, wie
Scheffel im Juni 1851, aus so voller Brust beim
Anblick der Siebenhügelstadt am Tiberstrom aufgejauchzt
haben: Lccolu Loma! Kam er doch aus der ihm nner-
lräglich gewordenen Atmosphäre der Slmtsschreibstube des
Juristen in die Freiheit des Künstlerlebens. Und wiederum
wenige von all' den tansend Künstlern, die nach Rom, nni
dort zu lernen, fuhren, mögen gleich in den ersten Tagen
mit so ernstcm Fleiße an die Arbeit gegangen sein wie er.
Vou seiner Reise brachte er Skizzen mit, bei denen ihm
das gesteigerte Lebensgefühl geholfen und die ihn bei
Willers günstig einführten. Dieser nahm ihn freundlich
auf, und da für Rom die Jahreszeit bereits vorgerückt
war, so mußte der in der Technik des Malens fast noch
unerfahrene Schüler die Übungen in dieser für dcn Winter
vertagen und sich zunächst begnügen, nach der Weisung des
Meisters im Freien nach der Natur zu zeichnen.
Ernst Willers, ein geborener Oldenburger, stand
damals in seinem achtundvierzigsten Jahr und auf der
Höhe seiner Laufbahn. Er hatte in Dresden und München
studiert, seine Meisterschaft aber erst in Jtalien erworben.
Wie Preller schloß er sich begeistert der Richtung I. A.
Kochs an, welche auch der Landschaftsmalerei das Recht,
ja die Pflicht zuerkennt, idealisierend aufzufassen und stili-
sierend auszuführen. Wie Preller hatte auch er einen Zug
aus das Großartige, der auch ihn antrieb, die historische
Landschaft zu Pflegen. Allgemeines Aufsehen erregte er

zuerst 1838 dnrch eine „Ansicht der Umgebung von Olevano",
ein umfangreiches, groß gedachtes Gemälde, das er in
Rom ansstellte. Nach einer längeren Reise dnrch Griechen-
land, von der er einen reichen Schatz von Stndien nach Rom
heimbrachte, in denen die an schönen Linien reiche Land-
schaft, die frischen Szenen ans dem Volksleben nnd die
trünimerreiche Architektur mit gleicher Trefflichkeit be-
handelt war, errang er 1845 mit einem großen Bild von
Athen einen Triuniph, der seiuen Ruhm weit über die
Alpen in alle Welt trug. Nicht minder wirkte das folgende
Bild: eine sizilianische Uferlaudschaft. Jm Jahr darauf
widmete Hermaun Hettner dem vornehm eigenartigen
Künstler eine besondere Schrift. Jn dem Nekrolog, der
nach seinem am 1. Mai 1880 erfolgten Tode in der
„Allgem. Zeitung" (Nr. 137) erschien, heißt es zu seiner
Charakteristik: „Sein eigenstes Gebiet war die historische
Landschaft, die er im grandiosen Sinn eines Poussin und
Claude Lanrrain kultivierte. Ein imposanter Ernst spricht
aus seinen Waldbildern; auch in der Jdylle blieb
er gemessen und feierlich." Jn der Farbe war er zurück-
haltend. Mit Vorliebe arbeitete er mit dem Kohlen-
stift. Über seine Persönlichkeit heißt es: Der erste Ein-
druck bot nichts Gewinnendes nnd Anziehendes. Seine
ernste Erscheinung mit dem schönen feingeschnittenen lang-
bärtigen und kurzhaarigen Haupte war fesselnd nnd achtung-
gebietend; die Rede wortkarg und knnrrig beinahe. Erst
bei weiterer Berührung, und wenn das Gefühl des Ver-
standenseins aus dem sonst stechenden Auge blitzte und
seelenvoll aufleuchtete, dann that sich allmählich der ganze

*) Wir sind in der Lage, diesen gerade für unsere Leser sehr interessanten Abschnitt aus der demnächst erscheinenden Schefsel-
Biographie dieses Antors schon jetzt zu veröffentlichen. D. Red.
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