Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Der Büdgerfammler

Namen der Beßeller (700—2050 M.). Hier Dehmel ganz kennt, wird diefe beiden Folgen Gedidjte
befonders lieben, weil pe nachdrücklicher als die anderen Sammlungen fein innerftes Cüefen offen-
baren: den ftarken Drang zur Selbßbeobachtung, das Freigeben aller Griebe und die bewunderns-
werte Sicherheit in der Bändigung diefer Griebe, dazu die gerade hier mächtig wirkende Empor-
hebung der Sprache des täglichen Lebens ins ürfprüngliche. Der Neudruck erfolgte nach der bei
S. Fifcher erfchienenen Ausgabe, aber in etwas veränderter Anordnung, außerdem unter Fortlaffung
von neun Gedichten, was ich bedauere, und unter Einfügung von 25 Gedichten aus der 1. Auflage
und aus anderen Sammlungen („Erlöfungen“, „üleib und Kielt“), was ich für einen fehr glücklichen
Gedanken halte, weil diefe eingefügten Gedichte durch die enge Verbindung mit den anderen be-
fonders eindringlich erkennen laffen, wie Dehmel feine oft gefährlichen Griebe erhorchte und doch
zügelte, welch’ ein Lebenswille und welch’ ein Veredelungsftreben zugleich in ihm war, und wie
er fo ein wahrhaft freier Menfd) wurde. Die Ausgabe hat alfo auch literarhiftorifchen öüert.
Der Bücherfreund und der Verehrer des Dichters, der über die nötigen Gelder verfügt, darf pe
pd) nicht entgehen laffen. Diefer Quartband mit feinem herrlichen kraftvollen Druck, dem vor-
züglichen Satj und den in der Mehrzahl ganzfeitigen Radierungen Jaeckels, die das mächtige
Erleben diefer Dichtungen höchß eindrucksvoll gepalten — Jaeckel radierte auch den Eitel
und ein fehr gutes Porträt Dehmels —, wirkt monumental; zur Erzielung einheitlicher lllirkung
des Druckes wurden fehr weife die von dem Dichter in anderen Ausgaben angeordneten Sperrungen
im Gexte vermieden. Der Eindruck, den diefes echte Menfchenbud) ausübt, ift bei mir durch diefe
wahrhaft künplerifche Darreichnung wefentlich gepeigert worden; ich möchte auch die anderen
Gedichtbücher Dehmels nur noch in diefer Geftalt lefen. Dehmel braucht folche Monumentalität.
Der f)efperos-Verlag (Jofeph Schweyer) in Grünwald-München hat die Reihe feiner
Hefperos-Drucke, von denen hier früher Hölderlins „Hyperion“ und Kleißs „Amphitryon“ an-
gezeigt wurden, wefentlich vermehrt und weiter eine gediegene Auswahl getroffen: E. G. Ä.
Hoffmanns Erzählung aus der zweiten Reihe der Nachtpücke „Das öde Haus“ mit elf Original-
radierungen von Carl Rabus, Einbandzeichnung und Buchauspattung von Emil Preetorius
(500 Exemplare), Goethes „Elegien und Epigramme aus Italien“ mit Gitelradierung und
fechs Originalradierungen von Rolf Schott (450 Exemplare), A. ttl. Schlegels „Ion“ mit Eitel-
zeichnung und 21 Originallithographien von Erich Meljoldt (500Exemplare), GCIielands „Obe-
ron“ mit 18 Originalradierungen und Einbandvignette von Carl Rabus (350 Exemplare), <XIie-
lands „Gandalin“ mit radiertem Eitel und fünf Originalradierungen vonRolf Schott (400 Exem-
plare), Schillers „Verbrecher aus verlorener Ehre“ mit zehn Federzeichnungen und einer
Apotheose nach einer Radierung von Otto Ackermann-Pafeg (200 Exemplare), Hauffs „Bett-
lerin vom Pont des Arts“ mit radiertem Eitel und zehn Originalradierungen von Carl Rabus
(200 Exemplare), daneben noch eine zweite Ausgabe mit zehn Originalradierungen, die im Motiv
gleich pnd, aber anders in der Auffaffung (Privatdruck in nur drei Exemplaren) und Mörikes
kleine phantapifche Erzählung „Der Sd)atj“ mit acht Federzeichnungen und Einbandzeichnung
von Albert Varadi. Den Druck beforgte mit Ausnahme des „Ion“, den L. Sehniger & Co. in
München druckten, die Ofpzin der Mandruck G. mit b. H- ln München, die Eexte fahen Dr. ]oh*
Reiher, Anton Pujj zu Adlersthurn und Curt Moreck durch. Die Drucke pnd in verfchiedenen Aus-
gaben je nach dem verwendeten Papier (febweres weißes, italienifches, imitiertes Bütten), Einband
(Ganz- und Halbpergament, Ganz- und Halblederband) und Signierung hergeftellt, immer im Format
und in der Ausftattung mit Verpändnis dem Geift des Buches angepaßt. Die HefPeros-Drucke
halten pd) klug von jedem übertriebenen Luxus fern und wollen folide, gefchmackvolle Ge-
brauchsbücher fein, die zu fchaffen in der Eat die wefentlichfte Aufgabe unferer Bud)kunp fein
muß. Einen Verpoß gegen die Bud)äßhetik bedeuten allerdings die eingeklebten oder auf Fälze
gelegten Radierungen, was felbft Preetorius in dem von ihm ausgeftatteten Drude zugeiaffen hat;
das muß in 3ukunft vermieden werden. Der Herausgeber des „Ion“ überzeugt mid) nicht, daß
die Lithographien von Mefeoldt pd) mit Ruhe und Größe, ohne die antike Schönheit zu vergeffen,
ganz auf den Boden der Gegenwart ftellen; diefer Verfud) iß ihm, meiner Anpd)t nach, ebenfo
wenig geglüdct, wie Schlegel, den antiken Stoff des Euripides der modernen Emppndung zu nähern.
Als befte Leißungen erfcheinen mir die von Rabus illuftrierten Bücher, dem die Vereinigung von
£üirklid)keit und Romantik packende Darpellungen eingegeben hat: der „Oberon“, bei dem auch
die romanifd)e Antiqua gut gewählt iß, die „Bettlerin“ in der prachtvollen alten Schwabacher,
„Das öde Haus“ und ferner „Goethes Elegien“. 100 Exemplare der Drucke des „Öden Haufes“

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