Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Sammlungen

Beftände der diener Hlbertina für, wie es
beißt, etwa 6 Mill. Dollars an ein amerikanifcbes
Syndikat verkauft — der richtige Ausdruck wäre
wohl verfcbad)ert refpektive „verfchoben“ —
werden foll, und daß dazu fcbon alleAbmachungen
getroffen worden feien. Vielleicht aber, daß
energifcbfter Proteft feitens der gefamten Öffent-
lichkeit in Öfterreid) und Deutfdjland und das
ebenfo energifcbe Verlangen, die gewundenen
Pfade diefer Transaktion beleuchtet zu fehen,
noch diefen unerfetjlicben Verluft nicht nur für
Güien und Europa, fondern, falls die Sammlung
(wie wohl zu erwarten fteht) in vermiedene
Hände übergeht, für die ganze Kielt zu ver-
hindern vermag. Es darf aber kein Dag verloren
gehen, will man noch etwas erreichen!
Äus dem zu fd)ließen, was Näheres über diefe
Angelegenheit zu erfahren war, fdßeint es, als
ob man auf irgendeine unter den heutigen
traurigen Bedingungen ja wohl nicht fo überaus
fchwer zu bewerkftelligende ttleife die öfter-
reid)ifcbe Regierung dazu gebracht habe, pcb
damit einverftanden zu erklären, daß die Hlber-
tina als das Privateigentum des begütertßen
der Habsburger Erzherzoge, des Erzherzogs Fried-
rid) anzuerkennen fei! Nun hat pd) ja fcbon vor
einigei‘3eit, wie wohl durch dieDagespreße feiner-
zeit aud) in Deutfchland und Ößerreicb bekannt-
geworden fein dürfte, ein großes Syndikat ge-
bildet (aus klugen und weifen Herren beßebend,
die fofort Monf. Viviani zu ihrem el ften Rechts-
anwalt erkoren, um fo in den ößerreidbifcb-unga-
rifcben Nacbfolgeftaaten den dort beftebenden
franzöpfchen Einßuß auszuüben!), daß für den
Erzherzog feine von den einzelnen Nacbfolge-
ftaaten konfiszierten Liegenfcbaften und anderes,
in die Millionen Dollars gehendes Eigentum,
natürlich gegen entfprecbende Bezahlung, refp.
Beteiligung, wiederzuerlangen verfucht, was viel-
leicht die größte Schieberei darpellt, die diefer
Krieg und Frieden bisher gezeitigt haben! Indem
nun ganz einfach die Hlbertina als Eigentum
des Friedrich (wer denkt nicht dabei an die
Struwelpeterpgur!) erklärt wird, kann dasboch-
wobllöblicbe Syndikat feine Saugarme auch auf
diefe ausdehnen und pe verfdpucken! So be-
kommt für die zirka 6 Millionen Dollars das
hungernde Öfterreich felber keinen Cent, es fei
denn allerlei Krumen in Geftalt von, fagen wir,
„Drinkgeldern“, pelen von der reichen Männer
Difch für einige Herrfchaften ab; nur der Erz-
herzog und die fo wie fo fcbon fchwerreicßen,
wohl meift amerikanifcben Syndikatsteilhaber
ftecken fid) die Riefenfumme ein, vielleicht in dem
hierzulande fo kurz und hübfcß „fünzig/fünzig“
genannten Verteilungsverhältnis! Das öfterrei-
chifche Volk aber hat das Nacßfehen, und jedem
Kunftfreund droht fcßwerßer Verluß, noch fcßwe-
rerer natürlich der Kunftforfcbung, falls, wie eben
wohl faß ficper anzunehmen ift, die Sammlung
zerftückelt wird. Dazu darf nicht vergeben werden,

daß, da der Hppetit bekanntlich mit dem Effen
kommt, diefes wohl nur der erfte „Streich“ fein
würde, und daß, falls es gelingt, ihm bald ein
zweiter und dritter folgen würde. Es wird alfo
heißen, rückpcbtslos die dunklen tüege diefer
ganzen Angelegenheit zu enthüllen und lauteßen
Proteft gegen die fchändliche Dransaktion zu
organiperen, hoffentlich noch mit Erfolg. F.
Detroit
Das biefige Mufeum, für das ein Neubau im
großen Stil geplant iß (Koßen: $ 2000000) hat
Dr. Valentiner, der bis Ende Dezember in
Amerika weilte, zum ftändigen künßlerifcben
Beirat gewählt. Die Detroiter können pcb dazu
beglückwünfcßen. F.
München
Im Bayrifchen National mufeum pnd die
Neuerwerbungen feit 1920 ausgeftellt: Ankäufe
aus Mitteln des Mufeums, Leihgaben des Bay-
rifchen Mufeumsvereins, Vermäcbtniffe des Ar-
chitekten Sickinger, der Kunßmaler ttlenglein und
Delcroix und Schenkungen Drey, Goldmann, Hal-
bing.
Plaftik behauptet den Vorrang und unter den
Plaftiken unbedingt die liebliche Holzgruppe eines
Engels, der das Cbriftkind an der Hand führt.
Sie mag um 1480 entftanden fein und zwar wohl
in Schwaben. 3u Erasmus Graßer pnde ich
kaum Beziehungen; deffen Danzmotive, an die
hier das reizvolle doppelte Schrittmotiv erinnert,
find leidenfchaftlicher und rafpger. Hier iß alles
Anmut und innige Emppndung, Dem Multfcßer-
Kreis fcßeint es verwandt in den zierlichen ner-
vigen Gliedern, in dem fcbwebenden Liebreiz
des Rhythmus (Abb. bei Groeber, Scbwäbifcbe
Skulptur der Spätgotik, Dafel 79 „Günzburger
Meifter“).
Eine Fjolzpgur des Jakobus m. mit dem we-
nig bedeutenden Gegenftück der heil. Brigitte
(meines Erachtens fraglich, ob von gleicher Hand)
foll vom Cborgeftübl der Frauenkirche ftammen.
Dann wäre E. Graßer der Meißen Iß aber nicht
eher an den milderen und weicheren Bluten-
burger Meifter zu denken?
Prachtvoll ift eine weiß gefaßte Holzpgur des
reifen Ignaz Günther, ein „Chronos“ in lebendig-
fter, rotierender Bewegung, voll malerifcßer Qm-
rißwirkung (Abb. Feulner, Münchner Barock-
fkulptur, Dafel 58). Intereßant ift auch ein febr
flottes Holzrelief des gleichen Meifters, das diefer
auf der Rückfeite als Kopie nach feinem Lehrer
Egell bezeichnet. Ein großer Heiliger (Nepomuk?)
aus Aibling bejticht durch feine warme Gold-
faßung und gehört dem 18. Jahrhundert an. Von
dem fcbon in die Bahnen des frühen Klafpzis-
mus einlenkenden R. A. Boos pnd fünf Don-
modelle. ein pgnierter Vulkan und vier „Daten
des Herkules“ da. Drei diefer Herkulesgruppen
pnd übergroß in Holz ausgeführt und bepnden
pcb in den Arkaden. Den Donmodellen iß die

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