Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Äusftellungen

von Carl Schmidt-Rottluff. Sie befi^t da-
mit nunmehr, außer drei Landfcßaften aus den
Jahren 1907 und 1910, die erfte figürliche Kom-
pojltion des dem Chemnitzer Heimatkreife nahe
flehenden Künftlers. Das Clerk ift 1920 ent-
ftanden und repräfentiert beftens feine letzte
Schaffensperiode.
Äusftellungen
Berliner Äusftellungen
„Hit- und Neu-Berlin“ nennt [ich eine
Husftellung in der Hkademie der Künfte.
Die Bezeichnung ift irreführend. Denn man dürfte
die wefentlichften Faktoren in der Entwicklung
des Berliner Stadtbildes vorgeführt erwarten.
Hingegen gibt [ich die Veranftaltung bei näherem
Hinfeßen unverhüllt als eine Ehrung zu er-
kennen, die der Stadtbanrat Ludw. Hoffmann
feinen beiden verdorbenen Mitarbeitern, den
Bildhauern Ignatius Cafcßner und j of. Rauch
erweift, indem er bei diefer Gelegenheit fein
eigenes (Ilerk durch Photographien und Modelle
in Erinnerung bringt. FJoffmann felbft läßt in
dem von ihm verfaßten Katalog keinen 3weifel
über diefen Charakter der Husftellung. Hls Relief
dazu ift eine Reihe von Hnficßten Hit-Berlins
aus dem Märkifcßen Mufeum fowie von Ge-
mälden und architektonifcßen Entwürfen Schin-
kels aus dern Scbinkelmufeum herangezogen
worden. Die Landfchaftsbilder Schinkels find in
einem harten, konventionellen 3eitftil gemalt,
verraten jedoch eine kühne, romantifeße Pßan-
tafie, fobald fie areßitektonifeße Gedanken ent-
halten. Namentlich feine Cßeatermalereien dürf-
ten uns gerade heute, da wir auf diefem Gebiet
mehr als je experimentieren, zielßcßere Vorbilder
bieten. Hus ihnen blickt das Unendliche, ohne
den Natureindruck zu behindern. Sie find dem
Geifte echter Romantik entfprungen. Im übrigen
kann Hit-Berlin nicht mit Schinkel abgetan
werden, ebenfowenig wie Ludwig Hoffmann
allein Neu-Berlin repräfentiert. Der fo ßerauf-
befeßworene Vergleich fällt durchaus zuun-
gunften Fjoffmanns aus. Clie fein belebt er-
fcheint der Klaffizismus an der Gliederung der
Bauten Schinkels, während Fjoffmann ftets in
einem feßweren italienifcßen Barock ftecken
bleibt! Einzelne feiner Monumentalbauten, z. B.
die Hrcßitektur zum Märchenbrunnen für den
Friedrichshain könnten unverändert in Italien
[teßen. Von feinen beiden Mitarbeitern war
Ignatius Cafcßner zweifellos der bedeutendere.
Seine zahlreichen Plaftiken zeigen ißn vielfeitig
und von leichter Hand. Er hat z. B. in den
Figuren zum Stadthaus die Hntike belaufcßt,
am Märchenbrunnen die neckifcß-idyllifchen Ge-
halten gefchaffen und im Älärkifcßen Mufeum
fogar einen unglücklichen Hnfatj zur Gotik ge-
nommen. Hber gerade diefe leichte Hnpaffungs-

fähigkeit läßt eigenen Charakter vermiffen. Rein
handwerklich zu bewerten ift hingegen Jofef
Rauch, deffen Plaftiken woßl den gefchickten
Steinmetz, nicht aber den tiefer in das Problem
der Form eindringenden Kiinftler dokumentieren.
Hatte vielleicht Baurat Hoffmann felbft das Ge-
fühl, durch diefe Vorführung wenig Ehre ein-
zulegen, fo daß er ihr durch den größeren
Rahmen „Hit- und Neu-Berlin“ ftärkeren Nach-
druck verleihen wollte? Die Hbficßt ift zu dureß-
fießtig, um das Qnterneßmen nicht nach beiden
Richtungen als verunglückt erfeßeinen zu laffen.
Eine verdienftvolle Cat ift die Gedäcßtnis-
Hus ft ellung Franz Marcs im Kronprinzen-
palais, in der das Clerk des Künftlers mit etwa
60 Gemälden aus feinen verfcßiedeneri Erit-
wicklungspßafen zum erftenmal fo umfangreich
zur Hnfcßauung gelangt. Handelt es fieß doch
darum, die Leuchte unferer jungen Kunft, den
Perfönlicßften innerhalb des Kubismus, weiteren
Kreifen nahezubringen. Hls Franz Marc im
Jahre 1916, feeßsunddreißigjäßrig, dem Kriege
zum Opfer fiel, glaubten wir, einen unferer
genialften Künftler vorzeitig aus feinem Clerde-
gang geriffen. Diefe Husftellung jedoch, die
auch das letzte Clerk „Cierfcßickfale“ umfaßt,
zeigt die Linie der Kunft Franz Marcs bis zu
einem Grade gefteigert, von dem eine weitere
Entwicklung wenigftens kaum denkbar wäre.
Hlle in feiner Kunft liegenden Elemente find zu
einer Größe und Einfachheit, zu einer deutlich
fpreeßenden Hnsdruckskraft geführt, die keinen
Reft der Unklarheit und des 3weife!s übrig laffen.
Cloher aueß Franz Marc feine Anregungen ge-
holt haben mag: feine Kunft [teilt eine typifcß
deutfeße Syntßefe zwifeßen Futurismus und
Kubismus dar. Ein myftifcßes Cleltgefüßl ift in
ißr intellektuell ausgefeßöpft worden. Der Ku-
bismus wurde ißm nicht nur malerifcßes Form-
problem, fondern zugleich feeüfcße Befreiung.
Daßer die mufikalifcßen 3ufammenklänge feiner
Linien und Farben, die fieß unwillkürlich in
tönende Hkkorde umfetzen. Man fühlt ßcß ver-
fueßt, diefen Kubismus naturaliftifcß zu nennen,
denn immer wieder leitet ißn der Schwung
feiner Linien zur Natur, verdichtet ßcß zu be-
wegten Ciergeftalten: geheimnisvollen Vögeln,
Pferden, Küßen, Cigern ufw. Viponär erhebt
ßcß aus den anorganifeßen Kuben das Orga-
nifeße. Der ganze Rhythmus der Fläche löft fieß
in organifeßen Hndeutungen. Die Entwicklung
vollzieht ßcß aus der Fläche in die Raumtiefe.
Franz Marc braucht nicht die men|cßlicße Ge-
ftalt. Im Gegenteil, die wenigen von ißm ge-
malten Hkte berühren eher konventionell. Denn
er fueßt nicht die Seele des Individuums, fon-
dern die Seele des Hlls. Hus dem Geheimnis
des Onbekannten ringt ßcß das tierifeße Leben.
Das weltenftürzende und weltenbauende Cßaos
griff an feine Seele: cßaotifcße Cleltenwirbel,
die Giere vor ßcß herjagen und die von Clölfen

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