Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

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Ausheilungen

umheult werden. Daher das Fremde, Mypifche,
das aus diefen Cieraugen blickt. Die Klieder-
holung der Kierbewegungen vollzieht pd) in
immer neuen Viponen vom Ungebändigten,
Starken, bis zum zarten, auf idyllifcher Kliefe
weidenden Reh- Die Skala diefes Künftlers fcheint
unerfchöpflid), wenn er darftellt, wie das Sd)ick-
fal über das Eier hinauswächft und mit gleicher
Drohung und Beglückung an die Menfchenfeele
pocht. Kleid) weiter Kleg von den farbenmatten,
impreffioniftifchen Gemälden aus dem Jahre 1909
zu diefen glühenden Viponen einer geheimnis-
voll mit der Klirklichkeit verfchlungenen Kielt
der Ahnungen, zu diefen vollen, leuchtenden
Farben und wuchtigen Linien! In fchnellem
Sa1je wurde hier ein 3iel erreicht, das dem
frühzeitigen Eod zuvorkam und pch vorher in
feltener Produktionskraft zu verausgaben wußte.
Eine endgültige Klürdigung Franz Marcs inner-
halb der Kunft feiner 3eit ift noch der 3ukunft
Vorbehalten. Immerhin bedeutet die Gedächtnis-
ausftellung einen guten Schritt auf diefem Klege.
3u der urfprünglid) für Ende Februar ge-
planten, durch den Eifenbahnerftreik verzögerten
E1)oma-Ausftellung in der Nationalgalerie
treffen nun allmählich die in reicher 3ahl aus
Privatbeph zur Verfügung gepeilten Bilder in
Berlin ein. Die demnächft zu eröffnende Aus-
pellung wird das Schaffen Ehomas von den
fünfziger Jahren bis zu den Hltersfchöpfungen
des heute 82jährigen umfaffen. Klir werden
feinerzeit ausführlich darauf zurückkommen.
Den Mittelpunkt der Äusftellung „Frauen“ in
der Galerie Flechtheim bildet die feine, zarte
Franzöfin Marie Laurencin. Diefe weiblichfte
unter den Malerinnen, die der Kunffhändler
Flechtheim in Paris entdeckte, braucht nur leife
die Leinwand zu berühren, um den Eraum von
charmanten Mädchengeftalten hervorzuzaubern:
die Mädchenfeele im allgemeinen, ohne befon-
dere Individualifierung. Der feine, graue Eon,
aus dem pch die Farben bewegen, berührt zu
eigenartig, als daß er matt wirken könnte. Marie
Laurencin wäre Kubiftin, wenn ihre feelenvolle
Fjingabe, ihre Liebe zu Menfchen und Eieren,
fie nicht an die Natur bände. Dies Band ift zart
wie ein baud), aber zeugt trotjdem ftarken Klillen.
Huch in bezug auf die übrigen Malerinnen trägt
die Husßellung ein gewähltes Gepräge. Klir
finden die feinnervigen, zeichnerifchen Andeu-
tungen der in ihren Plaftiken ftärkeren Renee
Sintenis, die amüfanten, kubißifchen Neckereien
Suzanne Carvalhos. Im großen Format tritt
Anita Ree auf, die Darftellerin eines ver-
geiftigten Proletariats. Der derbe Pinfelftrid)
von Felicitas Qaller überwindet nicht einen
gewiffen Stumpffinn. Konventionell, aber fein
empfunden pnd die Buntftiftzeichnungen von
Elfe Sohn, der Eochter Alfred Rethels und
Mutter der Maler Alfred, Otto und Carli Sohn,
ftark maniriert die Myftik von Olga Meerfon-

Pringsheim, in gleichgültigem Palettenftrid)
gemalt die Bildniffe Sufi v. 3>nimermanns.
Mit vortrefflichen Arbeiten erfcheinen die leben-
fprühende Lene Schneider - Kainer und
Loulon Albert. Auf dem Gebiete der Plapik
überragt Margarete Moll, die Gattin des Ma-
lers Oskar Moll, durch tiefes, weibliches Emp-
pnden, während die großen Statuen von Martha
Michaelis-Bauer in einem gefälligen, indeffen
fchwachen Eraditionsftil haften bleiben. Schließ-
lich fei noch eine Sammlung von Segnungen
Elfe Lasker-Sd)ülers erwähnt, die den ge-
nialen Dilettantismus der Dichterin in ihren be-
kannten orientalißhen Intuitionen vorführt.
Curt Bauer.
Die Vorbereitungen zur 13. Inter-
nationale in Venedig
Auf der 13. internationalen Kunftausftellung
Venedigs wird endlich Deutfchland feinen früheren
Pavillon beziehen können. Vertreten werden fein
Max Liebermann, Slevogt, Corinth und Kokofd)ka.
Man beabfichtigt auch eine Kollektivfchau von
Klerken Arnold Böcklins. DeutfcherKommiffär
ift Direktor Poffe. Mit einer Sonderausftellung
beteiligt fid) diesmal Egger-Lienz. — Frankreich
wird durch die Maler Besnard, Blanche, Le
Sidaner, Monet, Raffaeli, Menard, Cottet, Simon,
Martin, Signac, Marquet, Flandrin, Lebasque
und Marcßand, ferner durch die Bildhauer Bour-
delle, Maillot, Jean Bernard, Bartholome und die
Radierer Naudin und Duvre vertreten fein. Somit
erfcheinen die vier Salons: Des Cl)amps Ely fees,
d’Automme, Independants undChamp de Mars. —
Die Belgier werden Gedächtnisausftellungen von
Khnopff, Mellely und des im Krieg gefallenen
Bildhauers Rik Klouters veranftalten. Von den
Lebenden füllen die Bildhauer Rouffeau,Baertfoen,
Minne vor allem zu Klort kommen. Fjolland
fchickt Klerke von Eoorop, Bauer, Breitner und
van Dongen. Den englifchen Pavillon wird
wie fo oft, Brangwyn arrangieren. 3um erpen-
mal nach dem Krieg ftellen fid) die (Ingarn
wieder ein. Polen befd)ickt auch diefes Jahr die
Äusftellung, während die argentinifchen Künftler
erpmalig erfcheinen werden. Spanien, deffen
Vertreter Bellioure und Chid)arro pnd, baut
einen eigenen Pavillon. Die Schweizer, Efchecho-
Slowaken, Nordamerikaner und die Japaner mit
ihren großen Meifter Fujita pnden Unterkunft im
großen internationalen Saal. Nicht zu vergeffen
die Ruffen, die fid) im eigenen Gebäude wie einft
beteiligen. Stets unter den Husftellern ift aud)
der Armenier Edgar Chahine. Schließlich wird
die Ausftellungsleitung zum erftenmal in Italien
die neuere Negerkunft dem Publikum zugänglich
machen. 3U den Ausländern gefeilt pd) dann
nod) die große Schar italienifcher Künftler. —
Generalfekretär der Äusftellung wird auch diefes
Jahr der Kunftkritiker Vittorio Pica fein. Die
Kunftfchau wird Ende April eröffnet. B r.

Der Cicerone, XIV. Jai)rg., ßeft 5

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