Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 14.1922

Seite: 336
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Paula Moderfohns Stilleben mit
in blauem Krug

Blumen
Mit einer Tafel

Immer ftärker fetfl fid) das ülerk einer Paula Moderfohn im Bewußtfein der Gegen-
wart durd), und immer deutlicher hebt fleh die Erfcheinung diefer Künftlerin, der
allzufrüh Verftorbenen, aus dem Chaos zeitgenöffifchen Kunftfchaffens heraus, Fjier
nämlich begegnet die große Klarheit, die unbefangen und unbeeinflußt von dem Kampf
um kunfttheoretifcße Maxime, allein innerer Notwendigkeit erwachfen ifl. Der reine
Menfch, mit dem Ahnen Gottes im Kerzen, das ift diefe Frau, fo wie fle in ihrer Kunft
vor uns fleht, ünd diefe felbfl, motivifd) immer dem Leben angelehnt, ergründet den
ewigen Sinn alles Seins, der hinter den Dingen verborgen ruht. Darum greift fle fo
flark an unfere Seele, weil fle immer das efoterifcfle Weltbild zu erfaßen vermochte.
Der Kopf eines Moorbauern, die von Ärbeit zerfurchte FJand einer Frau, ein Blumen-
flrauß in einer blauen Vafe, was immer diefe Künftlerin aufgriff, es verdichtete fid) im
Nu fymbolifd) zu Vorftellungen von ewiger Geltung. Daher wäre es auch verkehrt,
dies ülerk kunftgefd)id)tlich nur einzufpannen in den engen Rahmen eines einzelnen
3eitabfd)nittes, der etwa dem Leben diefer Frau parallel verlief. Im Gegenteil: (Denn
irgendein Schöpfer diefer Gage als überragender Gipfel neben den ganz Großen der
Vergangenheit zu flehen berechtigt wäre, dann ift dies Paula Moderfohn. Glücklicher
3ufall, daß wir dank der Briefe und Gagebudßblätter, die fle hinterließ und die zuletfl
im Verlag Kurt Cüolff-München erfcßienen find, auch über die ülefensart diefes feltenen
Menfcflen orientiert find, für den das ganze Leben in feiner faft zärtlichen Bejahung
ein einziges Feft fliller Befchaulichkeit gewefen ift. ünd hätte man felbfl diefe Be-
kenntniffe nicht, das ülerk würde auch in diefem Sinne Beftätigung der reinen Größe
feines Schöpfers fein. — Als Paula Moderfohn 1907 in ülorpswede flarb, wußten nur
wenige, was die Kunft fd)led)tl)in mit diefer Frau verloren hatte. Seither ift ihre Be-
deutung immer nachhaltiger in das Bewußtfein unferer Generation eingegangen. Die
großen Mufeen haben längft begonnen, Arbeiten diefer Künftlerin zu fammeln. Den
Anfang haben Bremen und Hamburg gemacht, was nicht vergeffen werden foll, und
es ift nicht nebenfächlicl) feflzuftellen, daß heute auch die Sammlungen im Auslande
bereits nach der Fjinterlaffenfchaft einer Paula Moderfohn greifen. Sicher haben die
bisher erfcßienenen Publikationen (Guftav Pauli, Paula Moderfohn-Becker. Verlag
von Kurt ülolff in München [2. Aufl. in Vorbereitung], Carl E. üphoff, Paula Moder-
fohn, Bd. 2 der Serie „Junge Kunft“. Verlag Klinkßardt & Biermr.m in Leipzig) ihren
Geil dazu beigetragen, das Verftändnis für das ülerk der Künftlerin weiten Kreifen zu
vermitteln. Aber auch ohne die Literatur würde es eines Gages in feiner überrafcflenden
und zeitlofen Größe erkannt worden fein.
Das hier reproduzierte Stilleben mit Blumen in blauem Krug ift in der lebten Parifer
3eit der Künftlerin, wahrfcheinlid) 1906 entflanden, und es gibt dazu eine kleine Ge-
fd)icl)te, die immerhin intereffant genug ift, um bei diefer Gelegenheit mitgeteilt zu
werden. An einem fcflönen Sommermorgen ift Paula Moderfohn vor die Bannmeile
von Paris gewandert und hat fid) dort einen Strauß frifcßer Feldblumen gepflückt, die
Fjunderte bunter Schmetterlinge umfpielten. Am Spätnachmittag heimgekeßrt in d)r
Atelier, feßt fle diefen Strauß in einem blauen Krug aus norddeutfcßer Bauernkeramik
ans geöffnete Fenfter und im Nu find die Falter wieder da, angelockt von dem flarken
Duft der Blumen, ünd aus diefem Vorgang heraus erwäcßfl das Bild in feiner ein-
fachen Selbftverftändlid)keit als ein Bekenntnis der Liebe zu der Natur, die diefe gott-
gefegnete Frau ihr kurzes Leben hindurch mit inbrünftiger Sehnfuclfl umfangen hat. B.


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