Heidelberger Zeitung — 1866 (Juli bis Dezember)

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Ueidelbtrger Ieitung.

5kreisveMndigMgsblatt für den Kreis Heidelberg unü amtliches Berkündignngsblatt für die Aints- und Amts-
Gerichtsbezirke Heidelbcrg und Wicsloch unö den Amtsgcrichtsbezirl Sieckargemünd.

N» 1S2. Sonntag, ». Zuli


18««

* Poütische Umschau.

Heid'elberg, 30. Juni.

* Die preußischen Heerführer haben nach
langem Herumtasten an der höhmisch-schlesischen
Grenze endlich die Offensive ergriffen, jedoch
in drei, ziemlich hartnäckigen und blutigen
Treffen den Kürzeren gezogen. Die Oester-
reicher und Sachsen balten wohl ihre guten
Gründe, wenn sie den Feind soweit nach Böh-
men vordringen ließen. Sie erwarteten ihn
hier, unferne von starken Festungen uud ge-
sicherten Stellungen, und waren daher um so
leichter im Stande, ihn zu überwältigen. Auf-
fallend ist eS, daß die Preußen so großes Ge-
wicht auf ein Durchdringen bei Auschwitz (pol-
nisch: OSwiecim) im Krakauischcn legen, wo
ste zweimal ansetzten, aber jedesmal blutig zu-
rückgeschlagen wurden. Hr. v. BiSmarck hat
zwar Wunderdinge verrichtet, er hat — wer
HLtte es je gedacht — in neuester Zeit sogar
noch den Kurfürsten von Heffen populär ge-
macht! Er hat, nachdem er die Menschen voll-
auf in Versuchung geführt hatte, selbst Gott
durch Anordnung eines allgemeinen Bettages
versucht! — Sollte er sich mit dem verwege-
nen Gedanken tragen, eine preußische HeereS-
abtheilung durch Galizien hindurch nach Ungarn
driugen zu lassen, um dieses Land zu insur-
giren?? Es würde ihm bei der jetzigen Stim-
mung der Ungarn schlecht bekommen. Alle
Nachrichten vom Kriegsschauplatze waren bis
jetzt so günstig, als man sie immer erwarten
konnte. Sogar die im Eisenachischen eingeeng-
ten Hannoveraner sollen ein preußisches Corps
geschlagen haben; und dem Anscheine nach
machen jetzt die Bayern an der thüringischen
Grenze Miene, den Halbverlornen über Mei-
uingen die Hand zu reichen, nachdem ein Thcil
der bayerischen Truppen die Nordgrenze ihreS
Landes bereitS überschritten und gegen Koburg
vorgerückl ist. Von Frankfurt ist ein Theil
der Bundestruppen nach Norden, ein Theil an
den Rhein gegen Bingerbrück, zum Schutze der
Bundesfestung Mainz vor einem Handstreiche
der Preußen, abmarschirt. — Garibaldi treibt
sich mit seinem Parteigänger Corps am Garda-
see herum, hat jedoch nichtS Erhebliches bis
jetzt verlauten lassen. Was den italienischen
Kriegsschauplatz betrifft, so stellt es sich immer
mehr heraus, daß die italienische Armee der
riesenhaften Aufgabe einer Bewältigung deö

Gotha, im Juni. Die hiesige Lebensver- j
sickerungsbankhat ihren Rechnungsadschluß für
1865 beendiat. Nach demselben war diese Geschäfts-

rend derselben der stärkste Zugang an neuen Ver-
ficherungen stattfand, die Stcrblichkett am Wei-
testen h,nter der rcchnnngSmäß'gen Erwartung zu-
ruckblieb, der Bankfonds den größten Zuwachs er-
suhr und der höchste Ueberschuß zur Dividenden-
vertheilung für die Vcrsicherten erzielt wurve. In
allen diesen Beziehungen stehen die vorjährigen Er-
gebnisse denjcnigen früberrr Jahre weit voran. An
"kuenVerficherungen kamen im Iahre 1865 für
5Vr Mtlllvnen Thaler zu Stande, wodurch der
Verficherungsbestand auf 50 Millionen sich erhob;
inzwischen hat derselbe burch fortdauernd starken
Beitritt den Betrag von 52'/r Millionen auf daS
Leben von 29,200 Personen erreicht. Für 590
Sterbefälle waren im Zahre 1865 958.900 Tbaler
zu vergüten; so bedeutend dieser Bctrag eischeint,
so war rr boch und nickt weniger als 177,548Thlr.
geringer als die rechnungSmäßige Erwartung.
Die Einnabme an Prämien und Zinsen war um
165.652 Thaler größer als 1864 und betrug
2,832,944 Tbaler. Da die gesammte Ausgabe sich
auf 1,613,994 Tdaler beschrankte, so wuchsen dem
BankfondS 718,950 Tbaler zu und erhoben den-
felben auf 13,346,934 Thalrr, worunter 10,544,499
Thaler fürPramirnreserve und Prämirnüder-

Festungsvierecks nicht gewachsen ist. HLtte sie
selbst in der Schlacht bei Custozza gesiegt, so
würden die Schwierigkeiten jetzt erst recht be-
ginnen. Es wären vier langwierige Belage-
rungen, unter fortwährendcn Ausfällen des
FeindeS aus seinen vier gewaltigen Festen,
durchzumachen. Wie viel hat nur das eine
Ptanlua in den 90r Jahren selbst einem Bo-
naparte zu schaffen gemacht, und wie leicht hätte
er hier schon das Grab seines Ruhmes finden
können, wenn ihm nicht die damalige Kriegs-
führung des Hofkriegsralhes in Wien zu Gun-
sten gekommen wäre. — Jn der Schlacht von
^ustozza (am 24. Juni d. I.) stand neben den
piemontesischen Kerntruppen die Blüthe der
italienischen Jugend aus Mailand und Genua,
Rom und Florenz und anderen Städten des
Landes. Dcr Patriotismus dieses intelligenten
und thatkräftigen Thciles der Nation vermochte
nichts auszurichten gegen die militärifche Elite
der kriegerischen Stämme, welche das weite
österreichische Kaiserreich in sich vereinigt, gegen
ihre zähe Ausdauer und Gewalt, gegen ihre
überlegene physische Stärke, und wird auch in
der Folge, ohne französische Hilfe, so wenig
wie in den Jahren 1848j4Ö, etwaS auszurich-
ten vermögen. Nur ein mitleidiges Lächeln
kann es erregen, wenn jetzt wicder einzelne
Blätter mit dem mehr als sonderbaren Ansin-
uen hervortreten, Oesterreich möge, nachdem
seine militärische Ehre eine glänzende Genug-
thuung erfahren, Venetien sammt seinen vier
Fcstungen an Jtalien freiwillig abtrcten (wor-
über von Seite Oesterreichs jetzt eher Verhand-
lungen möglich wären, als vor dem Siege).

Vom Kriegsfchauplatz.

Ueber daö Schicksal der Hannoveraner ist
man leider noch immer nicht im Klaren. Es
sind zwar solgende bestimmt lautende -Nach-
richten eingetroffen, die Bcsiätigung darüber ist
aber vorerst noch adzuwarten, da die Mitthei-
lungen nicht officiell, sondern von „gläubwür-
digcn Augenzeugen, Privattelegrammen rc." her-
rühren. Die Nachrichten sind folgende:

Aus Meiningen, 28. Juni, wird der
„A. Allgem. Ztg." von einem glaubwürdigen
Augcnzeugcn'berichtet: Gestcrn blutige Schlacht
bci Langensalza. Die Hannoveraner siegten über
die gesammten Kräfte der Preußen und Go-
thaer. Die Niederlage der Lctztern furchtbar.

Der „Karlsruher Ztg." wird auö Frankfurt

I trag und 2,548,438 Thaler reine Ueberschüsse
begriffen smd. Dicser Fonds^ist^fast ausBNeßlich

Zinsfuß von durchschnittlich 4'/r Procen/ auSge-
lieben, — etne Bclegungsweise, die auch für stür-
mische Zeiten als eine böckst fichere erscheint. AlS
reiner Ucberfchuß brs allein crgab

ten entspricht. Durch diese unb ähnliche reichliche
Dividenden stellen sich bei sparsamer Verwaltung,
deren gcsammte Kosten im vorigen Iahre wiederum
Nnr 4V, Proc. ber Iabrcscinnahme betrugen, die
Beiträge der Versicherten auf das äußerste Maß
der Billigk.it herab, und es erfüllt dadurch die
Bank immer Mkhr ihren Zwcck: frei von der Spe-
culation Einzelner, dte Wohllbat der Lebensver-
sicherung auf solidester Grundlage gegen dte
gertngst mögltchen Opfer zu gcwähren.

' Literarisches.

Mlt der Aprilnummer eröffneten Weftermann's
Illustrirte Deutsche Monatshefte den 20.Band.
Der Inhalt diiscs crsten Heftcs laßt auf bie Folge
deS bereitS allgemein grsckätzten Unternehmens die
günftigsten Erwartungrn sctzen. Eine Novelle von
Otto Roquette: „Radulfs Buche", steht voran
und frffeit durch die feinfinnige Weise deS bekanntrn

vom 28. Juni, Abends 11 Uhr, telegraphisch
berichtet: Die Hannoveraner haben gestern die
Preußen bei Langensalza geschlagen unv ihren
Mursch zur Vereinigung mit den Bundestrup-
peu dann fortgesetzt.

Eine Proclamation, welche der hanno-
verfche Gcneral v.-Arnschildt bei seinem Ein-
marsch in die preußische Provinz Sachsen an
die Einwohner erließ, hat folgenden Wortlaut;

„Gin trauriger Act verwerflicker brudermörde-
rischer Politik hat Preußen zum Feinde HannoverS
grmacht, Länder, die das innigste Band verknüpf-
ten,^ die^sert Iahrhunderte^ nur^gewußt^aben, da^

bringen bestimmt ist. Wenn ich jetzt die hannöver-
schen Trupven als deren Befehlshaber in Euer Land
fübre, so werdet Ihr nicht glauben, caß wir als
Keindc kommen; fordern aber muß ich von E"ch,
daß Jhr der militärischen Gewalt Gehorsam leistet
für die Anforderungen, die der Krieg mit sich fiihrt.

der hannöver'schen Truppen. Sie fordern friedlicken
Marsch durcb Euer Land und wcrden nur gezwun-
gen als Feinde auftreten. Kommt den nothwendi-
gen Anforderungrn nach und macht unser Gcschick
nicht noch schmerzlicher, indem Jhr uns zu harten
Maßregeln zwingt Unser Feldruf wird sein wie
vor 100 und vor 50 Iahren bei Minden und bet
Waterloo: „Gott schütze das Vaterland!""

Vorpoftcn der Bayern sollen bereits bei Vacha
(4 Stunden südwestlich von Eisenach) stehen.

Die Kriegs-Contributionen. welche
die klcinen sächsischen Amtsbezirke Ostritz, Nei-
chenau und Herrnhut alle drei Tage an die
Preußen zu entrichten haben, sind nach einer
authentischen Mittheilung der „N. fr. Prefse"
folgende: 15,000 Pfund Brod, 16,875 Psund
Fleisch, 11,250PfundBohnen, ebensovielErbsen,
5625 Pfund Graupen, 1500Pfund Neis, 67,000
Pfund Kartoffeln. 33,750 Pfund Salz, 7050
Pfund Kaffee, 22,500 Kannen (ü 2 Seidel)
Bicr, 225,000 Cigarrcn, 33.500 Nationen
Hafer, 8000 Natiouen Heu, 9750 Pfund Stroh.

Ueber die Bedeutung der am 27. d. stattge-
fundenen Gefcchte in Böhmen läßt sich noch
nichts Bestlmmtcs sagen. Es scheint ein blu-
tigeS Vorspiel zu einer großen allgemeinen
Schlacht geliefert worden zu scin, hervorgerufen
durch die Anstrengungen der Preußcn, die öster-
reichische Aufstellung zu vereitcln, was den-
selben aber nicht gelang. Sichcr ist, daß der
Angriff der Preußen auf das zum Marsch nach
Skalitz beorderte (6.) Armeecorps Namming

Dichters. Die Biographie Dahlmaxn'S mit Por-
trät, als Fortsetzung der Srrie „Deutsche Gcsckicht-
schrciber" von W. Hoffner, reiht sich dcn bereitS

von Müller's, Niebuhr's unv Schlosser's

geschriebene Abhandlung von Wilhelm Iordan,
„Die Weüe und das Obr", gibt einr ebenso geist-
volle wie anztehende Darlegnng ber Schallempfin-
dung von der einfachsten Erklärung des mechanischen
Vorganges bis zum feinsten psychologischen R-sul-
tat. Dieser Aufsatz und ^ie ausgezeichnetc Abhand-

zwei Bc^trage von so bedeutendem Wert^, daß sie
allein ganz«- Jahrgänge anderer obrrffächlicher Zeit-
schriften aufwägen nnd dte bervorrag« nde Bedeu-
tung der Monatshefte binlänglich bewähren. Auch>
der Aussatz: „Was ist Mafik", von kem ehema-

SLolz, dann der biographiscbe Beitrag: „Die
Familie Hcrrschel", von I. H. von Mädler, so
wie die kleinerrn Artikel des HeftcS, verdienen volle
Anerkcnnung. Ganz bksonders lcstnswertb ist ferner
die Beschreibung riner Besteigung drS Vulcans Po-
pocateprtl in den Anden die mtt sehr gut auSge-
führten Jllustrationen versrben tst. Ueberhaupt ent-
hält dieseS neue Hrft des Westermann'schen Nnter-
nrhmens wieder eine große Anzahl vortreffficher
Holzschnttte.
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