Heidelberger Zeitung — 1866 (Juli bis Dezember)

Page: 267
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/hdtz1866a/0267
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
eidelbrrgkr Irilung.


Freitag, IÄ Septemler

M 21«

X Zur Situation in Nordauierika.

(Schlutz.)

Fast um dieselbe Zeit, wo die srüher beregte
Versammluug abgehalten wurde, fiel das grauen-
hafte Gemetzel in Neu-Orleans vor. Ueber die
schrcckliche Abschlachtung und Verstümmelung
vielcr Dutzendc von schwarzen und farbigen
Menschen, und ihnen, d. h. der Sclavenaboli-
tion gewogencr Republikaner will man vom
Präsidcnten auch nicht ein Wort der Miß-
billigung gehört habcn. — Angeblich zur Grün-
dung, einer neuen Unionspartci, welche alle
verschiedenen uuionstrcuen Fractionen des Lan-
des umsassen soll, in der That aber znr Spren-
gung der jetzigcn republikanischen Partei, und
zur völligen Jsolirung derselbcn erging von
eincr Anzahl deinokratischer Wortführer außer-
halb nnd im Congreß der Aufruf zu eincr sog.
Unions-National-Convention, welche am 14.
v. M. auch in Philadelphiä zusammcntrat.

Das Programm, bezichungSweise die hicr ge-
faßtcn Beschlüsse, waren aber in solcher Weise
abgefaßt, daß dic chrlichen Republikaner sich
nicht daran bethciligen, wohl aber sämmtliche
Südstaatlichen und ihnen geneigte Conservative
deö Nordens sich anjchließen konnten. Das
Programm behauptet ausdrücklich, daß das
Recht der Südstaaten auf Verlretung im Bun-
descongresse, trotz ihres eigenen früheren Ver-
zichts darauf, nicht erloschen sei, und daß es
im Moment, wo die Südstaatlichen ihre Waffen
uiederlegten und sich der Bundesautorität füg-
tcn, wieder in vollc Kraft getreten sei. Es
verdammt jeden Versuch, die Ausübung dieses
Rechts an vom Congreß zu stellende Bedin-
gungen zu knüpfen. Es ficht die Befugniß
eines Congresses, in welchem nicht alle Staaten
vertreten seien, an. Jenes Programm ist aber
zugleich merkwürdig durch das, was es ver-
schweigt. Es schwcigt z. B. gänzlich über
die den Bürgern, beziehungsweise den von der
Ltnion dazu gemachten Negern zu sichernden
Rechte, eS erwähnt mit keiner Silbe der mora-
lischen Verpflichtungen, wclche die Union durch
Abschaffung der Sclaverei übernommen hat.
Was der vorgegebene eigentliche Zweck der Ver-
sammlung war, die Gründung einer die Gegen-
sätze ausgleichenden Gesammt- oder Centrums-
partei, das ist von der Philadelphia-Convention
nicht einmal versucht worden. Die D^mokraten
nämlich sind dcr Ansicht, daß Johnson und die
ihm zugcthanen sonstigen Abtrünnigen und
Ueberläufer aus der republikanischen Partei sich
schon zu sehr compromiltirt haben, um zurück-
gehen zu können, und daß sie dem Gesetze der

politischen Schwere folgend, in kurzer A'eit ohne
allen Vorbehalt in die demokratische Partei ein-
treten wcrdcn. Zn Folge dcs aufgestellten
zweideutigen Programms jst dieser letztgenann-
ten Gattung vou Politikern in der That der
Uebertritt in's demokratifche Lager ziemlich er-
leichtert; und bercits sind alle „Gleichgesiunten"
aufgcfordert worden, bei den nächsten Congreß-
wahlen für diejenigen Candidaten zu stimmen,
die sich zu „diesem Programme" bekennen wer-
den. Auf dicse Congreßwahlen, die uoch in
diesem Jahre stattfindcn, darf man nun mit
Rechl sehr begierig sein; von ihnen. sowie von
der im Jahr 1868 vorzuiwhmenden neuen Prä-
sidentenwahl hängt vornehmlich die politische
Gestaltuug, das staalliche Wohl und Wehe der
großen transatlantischen Nepublik sür die nächste
Zeit ab.

Zn Philadelphia svll nun in ehester Zeit auch
eine andercVersammlung zusammentreten, näm-
lich eineConvention der loyalen und unionstreucn
Südländcr(die während derRebellion dem Bunde
ihre Treue bcwahrt haben). Daß dicse Con-
vention in cinem Nordstaate tagcn muß, ist
der deutlichste Commentar zu dcm Programme
der Zohnson'schen Partei und zugleich dasje-
nige Merkmal, wclches die jetzigen Zustände
der vereinigten Staatcn am sicherstcn kenn-
zeichnet. Jn keiner Stadt des Südezrs würde
zur Zeit eine solche geduldet werden; ja es
sind dort schon Stimmen laut geworden, daß
— fü-r den Fall eines solchen Versuchs — Prä-
sident Zohnson das Bundesmilitär zur gewalt-
samen Auflösung der Vcrsammlung aufbieteu
^müsse und werde(l).

* Politische Umschau.

Hei?>elberg, 13. September.

Der Mittheilung der Nordd. Allgem. Ztg.
bczüglich der orientalischcn Frage (s. Hdlb. Ztg.
Nr. 215, NeuestcNachrichten, Berlin II.Sept.)
ist durch den Telegraphen eine Fassung gege-
ben worden, nach welcher die Nachricht von
großer Wichtigkeit erscheint. Tljes ist jedoch
nicht der Fall. Der Artikel, dessen vollständi-
ger Wortlaut nunmehr vorliegt, befindet sich
unter der gcwöhnlichen politischen Umschau des
Blattes, und darf somit kaum als eine der of-
ficiösen . Mitthcilungen' gelten, denen stets ein
besonderer Platz angewiesen ist. Damit wird
schon der Bedeutung, welche der Telegraph der
Mitthcilung beilcgte, die Spitze abgebrochen; um
jedoch nach allen Seiten zu beruhigen, geben
wir nachfolgend den Wortlaut des ganzen Ar-
tikels, dcr sich nur durch einige gnt vcrbürgte
neue Nachrichten auszeichnet. Er lautet:

18««

talischen Frage würde Prcutzen in der Reqelun-i der
staatlichen Verhältiüsse Norddeutschlands stören, seine
Aufmerksamkeit von der Gestaltung der deutschen Ver-

die Misfion Mustapha Pascha'S scheitern werde^ Der-
selbe, jetzr 90 Jahre att, hat zwar mehr alü 40 Jahre
auf Caudia die Vcrwaltung gcleüet^ sich aber dorl k^eine

er, obglelch erster Verwallnilgsbeainler, gleichzeitig die
grotzartigsten HavdclSgeschäfle lrieb, gegen welche natLr-
lich üne Concurrenz unmoglich^war. Bei diesen An-

Der Kronprinz hat an die zweite Armee bei
der Nückkehr in die Heimath folgenden Armee-
befehl erlasscn: „Der Friede mit Oesterreich ist
geschlossen. Ein Feldzug, wie ihn glänzender
die Geschichte nicht aufzuweisen vermag, ift in
weniger als drei Monatcn ruhmvoll zu End^
geführt. Preußens Ansehcn und Stellung sind
mächtig gehoben, für Deutschlands Geschicke die
Grundlage einer, so Golt will, gedeihlichen und
glücklichen Entwickelung gewonnen. Die zweite

^X'j' Baden-Baden, 12. Sept. Die Zahl ber
seit dem 1. April hier angekommenen Fremden be-
trägt, die TageSgäste nicht eingerechnet, bis jetzt
nahezu 27,000. Unter denselben find besonders zu
nennen: Profcssor Städeltr aus Zürich, Graf
Benoit Tyskiewicz aus Paris, Prinz Löwenstein,

munb Radziwill auS Rußland, von Koudriaffsky,
russischer Gesandter aus Lissabon, der Deputirte
Picard aus Paris. Die Höhe der Saison wurbe mit
dem 9. September rrreicht. Das von einem Pariser
Pyroteckniker verferttgte Feuerwerk mit feenhafter

vollendeter war das darauf folgende Concert, wortn
nnsere trefflichen Jtaliener Ausgezeichnetes letsteten.
Die Prtma Donna, Fräulein Vitali, sang mit ret-
zendem Ausdruck unter Anderem den Bolero aus
Dirdl's Sicilianischer Vesper, welchen sie nach
stürmischem Verlangen wiederholen mutzte. Fräul.
Grosfi, eine Altstimme, breit, rund und voll, zu-
gleich von erstaunlichcm ümfang, trug das bekannte ^

Trtnklieb aus Lucrezia Borgia so feurig und frisch
vor, daß auch fie bei dem stürmischen Verlangen

Baß-Buffo Herr Zucckini setzte der hetterrn Gat-
tung von Mufik, vie fich besonders für diesen Abend
eignete, durch Darstellung einer Scene „Sinfonia"
von Cagnoni die Krone auf, worin er alS „Don
Bucefalo" einen Symphonie-Satz einstubirt mit
den Leiden und Friuden cineS Capellmeisters und
Componisten. Der Hauptvorzug dteser italienischen
Sänger ist die vortrefflicke Sckule und insbesonbere
das auf unsern vaterländischen Brettern gar so oft
in Vergeffenheit gerathene Maßhalten. Heimiscker
finden^sich die Jtaliener in ihrer eigenen Musik,
welche die Leidenschaften fast lediglich in die mensch-
liche Stimme und in deren Ausdruck legt, und
dartn sind sie unübertroffln. Weniger spricht uns
zuwcilen ihre Auffaffung beutscher Musik an. Flo-
tow's Marthawurde mit einer gewiffen Gemessen-
heit gegeben, die wir gerade in dieser Oper nicht
gewöhnt sind. Die Sänger fühlten sich nicht so
auf ihrem eigensten Felde, wie in dem rlassiscken
Zusammenspiel von Ricci's „Crisptne". Uebrtgens
hat unseres Erinnerns keine beutsche Sängerin bie

„lrtzte Rose" inniger, etnfacher und dadurch ergrei->
fenver gesungen, als Fräulein Vitali. DaS Trink-
lied des 3. ActeS war ein wahrer Meistergcsang
des mit herrlicherSttmme begabtenBasfisten Agnefi.

(Ein hübscher AnachronismuS.) Jn riner
Vorstellung von Sckillers „Räuber", welche dieser

die alle Welt beleckt, hat auch auf dte Räuber fich
erstreckt."

(Rührende Treue.) Alfred ünd Marie lieb-
ten fich mit glübender Leidenschaft, aber dte Eltern
u. s. w., der Rest ist bckannt. „Die Grausamen!"
rief Marie, „ich will mich tödten! Und Du, Al--
fred?" — „Jch? ich werde auf Deinem Grabe
weinen!"

' Logogryph.

Sie schließt ihn in sich ein,
DaS heißt nicht sein Gebein.
loading ...