Heidelberger Zeitung — 1866 (Juli bis Dezember)

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eidelbkrger Zeilmig.

2SS


Samstag, 13 Dezember


' Politische Umsciiliu.

Heibelberg, 14. December.

Der bayr. Staatsminister Frhr. v. d. Pfordten
hat dem König sein Entlassungsgesuch einge-
reicht. Eine Entschließung des Königs ist noch
nicht erfolgt.

Der König von Preußen hat bestimmt, daß
denjenigen Personen, welchen wegen cines bis
zum 20. September d. I. mittelst dcr Presse
begangenen Vergehens odcr Verbrechens die
Befugniß zum Betriebe eines der in Rede
stehenden Gewerbe, als Buchdruckcr, Buchhänd-
ler rc. aberkannt ist, die Genehmigung zu dic-
sem Betriebe von den Bczirksregierungeu nach
Maßgabe des § 1 des Preßgesetzes wieder er-
theilt wcrdcn könne, jedoch vorbehaltlich der er-
forderlichen inzwischen nicht altcrirten Unbe-
scholtenheit.

Der Landrath Steinmann zu Thorn ist zum
Generalpolizei-Director in Hannover ernannt.
Wahrend dcs Krieges war er Civilcommissär
in Prag.

Die von dem preußischen Abgeordnetenhause
bewilligten Dotationen sollen in der Weise ver-'.
theilt worden sein, daß Graf Bismarck, von
Roon und v. Moltke je 300,000 Thaler, und
Herwarth v. Bittenfeld und Vogcl v. Falcken-
stein je 200,000 Thlr. erhalten haben.

Die „Nordd. Allg. Ztg." sagt: Die Be-
hauptungen der „Patrie" über die Haltung
Preußens bezüglich der römischen Frage redu-
circn sich darauf, daß Preußen sich in Florenz
für Aussöhnung zwischen Rom und Jtalien
ausgesprochcn hat.

Zn österr. Deputirtenkreisen sind nach der
„Presse" Gerüchte verbreitet über eine große
Ministerkrisis, die Belcredi und Beust, ja das
ganze System umfasse.

Ein Privattelegramm der „Hamb. Nachr."
aus Wien meldet nach Gesandtschaftsberichten
aus Rom, daß das Eintreffen der Kaiserin
Eugenie daselbst ganz bestimmt avisirt sei.

Der schweizerische Bundesrath hat die Re-
gierung von Wallis aufgefordert, den dortigen
Jesuiten jede öffentliche und private Lehr- und
Erziehungsthätigkeil in Schule und Kirche zu
untersagen.

Wie die „Jtalie" unter dem 13. d. meldet,
scheint jeder Gedanke an eine Abreise des
Papstes aufgegeben. Rom ist ruhig.

Aus Jrland hört man fortwährend von
ncuen Verhaftungcn. Ein Theil der Presse
räth zu den schärfsten Maßregeln, man solle
alle betheiligten Militärs erschießen und die
Civilisten hängen.

Das Ergebniß der Untersuchung der Militärs
Commisfion über die Unfälle der österr.
Nordarmee. (Fortsetzung.)

Um gegen Niemanden unbillig zu sein, wollen
wir uns ertnnern, wie groß und allgemein daS be-
gründete Vertrauen war, mit dem man einen Ge-
neral an der Spitze der Nordarmee begrüßte, der
schon bei Gdow, wie später auf den Schlachtfeldern
Italiens und Ungarns, vollgültige Prckben seiner
militärischen Einsicht, ungewöhnlichen Energie und
kühnen Entschlossenheit gegeben hatte. Wer war
wohl beim Ausbruche des letzten KriegeS zu einem
Zwetfel an der Eignung des FeldzeugmeisterS Be-
nedek berechtigt, wer konnte den Irrthum vorher-
sagen, den wir heute beklagen? Hätte ntcht mit
Recht lauter Tadel fick damals erhoben, wenn man
dem höheren mtlitärtschen Range oder der Geburt
eine Rückficht bei der Wahl eingeräumt hatte? und
dürfen wtr es etnem Manne von BenedrkS Lha-
rakter bet seinem unbedingten Gehorsam verargcn,
daß er, wenn auch widerstrebrnd, auS treuer Er-

Die nordamerikanische Regierung schickte an
ihren Gesandten in Parts in voriger Woche
ein Telegramm von mehr als 4000 Worten.
Dasselbe wurde in 10 Stunden besördert und
kostele über 2000 Pfd.

Mit dcm Steamer „City of Washington"
sind folgende Nachrichten aus Neuyork bis zum
1. Dec. eingetroffen: Dic Staatsjchuld wurde
im vergangenen Jahre um 200 Millionen ver-
mindert. — Aus Mexiko bis zum 25. Novbr.
Der Kaiser Maximilian verweilt in Orizaba,
ohne officielle Functioncn auszuüben. Die
kaiserliche Garnison in Jalapa ergab sich den
Republikanern.

Die „Patrie" erfährt aus Mexiko, daß
Porsirio Diaz, dcr Commandant der Juaristen
in Ojacca, cine Proclamation crlassen habe,
welche unter Androhung'strcnger Strafen den
Einwohnern bcfiehlk, das Leben und die Güter
der niedergelassencn Franzosen zu rcspectiren.
. Telegramme aus Washington berichten, die
Unionsregierung sei durch die Absicht Napo-
leons, seine Truppen aus Meriko zurückzu-
ziehen, vollkommen befriedigt. Sherman wird
Havannah am 25. verlassen und nach Mcxiko
gehen.

Deutschland.
Karlsruhe, 12. Dec. Wie verlautet,
ist Hoffnung vorhanden, die beiden süddeutschen
ehemaligen Bundesfestungen, Rastatt und Ulm,
in ihrem dermaligen Bestand zu erhalten. Es
soll dies durch besonderc Conventionen gesche-
hen, dic von Preußen in seinem und im Na-
men des nordveutschen Bunde^ mit den betref-
fenden süddeutschen Territorialstaaten, in deren
Gebiet die Festungen liegen, abgeschlossen wer-
den. Dies Verfahren wärc correct und würde
die Bestimmungen des Prager Friedens in kei-
ner Weise alterircn. Durch Auflösung des al-
ten Bundes sind die süddeutschen Staaten durch-
aus unabhättgige und selbstständige Staaten
geworden, die je nach Umständen und je nach
ihren Jnteressen auswärtige Bündnisse jeder
Art schließen können. Diescs für sich selbst-
verständliche Recht ist überdies sowohl in den
Nicolsburger Präliminarien, als in dem defi-
nitivcn Friedensschluß zu Prag denjenigen deut-
schen Mittelstaaten, die dem norddeutschen Bund
nicht angehören, ausdrücklich vorbehalten und
anerkannt worden.

Oesterreich könnte sich daher über ein solches
Verfahren in keiner Wcise beschwert halten.

Der Kaiserstaat ist vcrtragsmäßig, also
mit seiner freien Zustimmung, aus Deutsch-
land ausgeschieden; das übrig gebliebene Deutsch-

! gebenheit ein Commando übernahm, das seines
Allerhöchsten Kriegsherrn Wtlle ihm anvertraute?
So schwcr es uns fällt, wir müffen das harte Wort
! wiederholen, daß Feldzeugmeister v. Benedek letder
^ einer so großen Aufgabe nickt gewachsen war, daß
in seinen Plänen und Dispofitionen Mtßgriffe statt-
gefunden haben, welche nach den Regeln der Kriegs-
kunst ketneswegs zu rechtfertigen find^ und die —
an und für fich betrachtet — vom richterlichen Stand-
punkte sogar Anhaltspunkte zur Fortsetzung des ge-
richtlichen Verfahrens bieten konnten, wenn nickt
die gewicktigsten Gründe für etne andere mildere
Auffaffung der Sache sprechen würden. Wäre durch
die vorgenommenen Erhebungen nur das mindeste
Merkmal einer üblen Abfickt oder wiffentlichen Ver-
säumniß zu Tage getreten: die strengste Auslegung
und Anwendung deS GesetzeS wäre berechtigt gewe-
sen und ficher auch erfolgt. AuS der Untersuchung
hat fich jrdoch ein solches Merkmal keineswegs er-
geben; nicht auS Fahrläsfigkeit oder Mangel an
Thatkraft, nicht aus Gleichgültigkett oder Unvor-
fichtigkeit find die Kehler der KriegSführung Dene-
drks entsprungen. Niemand HLtte mit besserem Wil-
lrn und größerem Eifer nach dem Siege unsereS

land, beziehungsweise die noch bestehenden Staa-
tcn desselbcn, können darum für sich AlleS daS
thun und unter sich feststellcn, was ihre Sicher-
heit nach Außen erfordert. Oesterreich hat
frühcr etwa 2 Millioncn Gulden jährlich scinem
deutschen Bundesverhältniß zum Opfer gebracht;
so viel haben seine. Stellung am Bund, seine
Besatzungen in dcn verschiedenen BundeSfestun-
geu u. s. w. gekostet. Jn finanzieller Bezie-
hung also hat die Lösung des Bundesverhält-
nisses zu Deutschland Oesterreich nicht unbe-
deutende Vortheile gebracht, die der geldarme
Kaiserstaat wohl zu beachten haben dürftc. Ob
aber Oesterreichs Machtstellung nach Außen,
nämlich Frankreich oder Rußland gegenüber,
durch scine frühere Stellung in Deutschland.
wesentlich vermehrt und verstärkt worden sei,
ist eine Fragc, die nach frühern Erfahrungen,
z. B. während des orientalischen oder sogen.
Krimkrieges, eher verneint als bejaht werden
muß. Wie dies aber auch sei, so viel ist ge-
wiß, daß es jetzt lediglich in der Hand Oester-
reichs, in seiner verständigen, offenen und fried-
lichen Stellung zu Deutschland liegt, an diesem
eine viel zuverlässigere und mächtigcre Stütze
gegen Rußland und Frankreich zu finden und
zu erhalten, als dics in der That früher trotz
dcs Bundes der Fall war; denn hier ist die
Jnteressengemeinschaft, die Oesterreich u.
Deutschland aneinander weist, fester als jencs
ohnmächtige Bundesverhältniß, und wird nicht
durch Eifersucht, Mißtrauen und diplomatische
Jntriguen von vornherein zur Schwäche und
zum Nichtsthun verurtheilt.

Man darf hoffen, daß wenn einmal die blos
perfönliche Gereiztheit und Leidenfchaftlichkeit
einer nüchternen Auffassung Platz gemacht ha-
ben, solche verständige Erwägung der wirklichen
Sachlage und der wirklichen beiderseitigen Jn-
teressen in Oesterreich wie im übrigen Deutsch-
land zum Heile beider mehr und mehr obsie-
gen werde. Oesterreich's Unglück wäre, wenn
es seinen angeblichcn alten Freundcn und deren
blinder Leidenschaftlichkeit auch fernerhin mehr
Gehör schenken wollte, alS gesunder Vernunft.

Karlsruhe, 13. Dec. Aus den von der
großh. Rezierung dem landftändischen Ausschuß
gestern vorgelegten Rechnungsnachweisungen er-
fährt die „Karlsr. Ztg." FolgendeS: Nach der
Rechnung der Amortisationskasse belief
sich deren Activstand am 31. Dec. 1864 auf
16,160,836 fl.; dagegen 31. Decbr. 1865 auf
15,574,630 fl.; es hat also im Jahr 1865 eine
Vermindernng von 586,205 fl. ftattgefunden.
DieZehnt-Schuldentilgungs-Kasse hat
seit jhrer Gründung (1833) bis 1. Jan. 1866

Hkeres, nach dem Ruhme der Waffen Oesterreichs
streben können; aber politische und militärische Ver-
hältniffe, wie fie bekanntermaßen vor und während
dieses unglücklichen KriegeS eintraten, bedurften zu
ihrer Beherrschung eineS jener genialen Feldherren,
deren es zu allen Zetten so wentge gab und zu
denen eben Feldzeugmcister Benedek bei allen seinen
hervorragenden Soldateneigenschaften nicht mehr
gezählt werden kann. Daß dem so ist, müffen wir
nach dem entstandenen, in seiner ganzrn Tragweite
kaum abzusehenden Unhcil ttef bedauern; aber es
gibt.kein Gesetzbuch, das den Mangel höchster gei-
stiger Begabung straffällig erklärt, und ntchts er-
übrigt wohl in Lhnlichen Fällen, als die unerläßlicke
Sühne, welche tn der sofortigen bletbenden Ent-
fernung der Betreffenden aus einem angemeffenen
WirkungSkreise liegt; eine Sühne, dte um so schwe-
rer wiegt, je höher und ehrenvoller jener WirkungS-
kreis war. Von diesem Standpunkte muß jetzt auch
die vor MonatSfrist exfolgte Penfionirung deS Feld-
zeugmetsterS v. Benedek, Feldmarschalllieutrnants
Baron Henikstrin und GeneralmajorS v. KriSmanic
aufgefaßt werdrn, welche Maßregel damals noch
keineSwegS drn völligen Abschluß deS gegen die ge-
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