Heidelberger Zeitung — 1866 (Juli bis Dezember)

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Utidtlbi'rgrr Itilung.


Mittwoch, 3 October


L8«6.

Bestellungen auf die „Heidelberger
Zeirung" nebst Beilnge „Heidelber-
qer Familienbrätter" für das mit 1.
October 1866 beqonnene L. Quartal
werden fortwäkrend anqenommen.

DLe Cxpedition

x Zur romifchen Frage.

Noch im Laufc dieses Jahres soil die rö-
mische Fragc nach dcr September - Convention
von 1864 in cin ncues entscheidenves Stadium
trcten. Spätestens im Monat Deccmbcr soll
Frankrcich vertragsmäßig oen römischcn Boden
räumcn, und dic weltliche Herrschaft des Pap-
stes wird sich dann ihren Unterthancn allein
gegennber schcn. Scit Ver frühcre französische
Minister des Acußern, Drouyn de Lhuys, dcn
verhängnißvollcn Bertrag abgcschlossen, hat sich
Vieles geandcrt. Damals dachtc man cinerscits
noch nicht daran, daß in der für dic Ansfüh-
rung der Convention festgesetzten 2jährigcn Frist
die venetianische Frage cine vollsländige Löjung
gcfundcn haben werde; und noch wcniger hätte
man anderseits die Möglichkeit in's Auge ge-
faßt, daß die letzte Stützc für Restaurations-
hoffnungcn vollständig weichen, daß Oesterrcich
dcfiniliv aus Jtalien verdrängk, das neue Kö-
nigreich anerkennen und sich aller Sorgen um
die italienische Politik entschlagen werde. Und
doch ist es so gekommen, ja Oestcrreich hat,
wie cs scheint beim Naheu dcs kritischen Tcr-
mines, scinen Botschafter aus Rom zurückge'
zogen, um keinen-Zweifel zn lassen, daß cS sich
in die neue Cntwlckclung der römischen Dinge
nicht einmischen werde. Was wird die Curie
unter solchen Umständen thun? Mit einer
yrientalischen Passivitäl hal sie dic zweijährige
Frist verstreichen lassen, ohne irgend eine der
Vortehrungen zu trcffen, welche ihr von Frank-
rcich angerathen wurden. Die Crrichtung der
französischen Lcgion ist nicht ihr Vcrdienst, son-
dcrn das Wcrk Frankreichs und übrigens ohne
praktische Bcdcutung. Der päpstliche Stuhl
rechnete auf ein Wunder. auf cinen unerwar-
tetcn Umschwung; ein solchcr ist allerdings ein-
getrcten. aber nicht in d'em erwünschten Sinne.
Wird man jctzt das „Gottcsgericht" annehmen
oder mit falaUstischer Consequenz an dem IXon
PN88UMU8 festhallen? Die Nachrichten hier-
über lauten noch sehr widersprcchend. Man
kann nur so viel .als gewiß annchmen, daß die
streng ultramontane Partei, namentlich die nicht
italienischen Cardinäle und Prälaten, von keiner
Transaction hören' wollen und dem Papste eher
eine neue Auswanderung als Nachgiebigkeit z

anrathen. Die idalienischen Prälaten, die über-
haupt mehr Vorliebe für ihre behagliche Exi-
stcnz als Kirchenfürstcn, mitunter auch eine
Anwandlung von italienischem Nationalgefühl
besitzen, wirkcn in entgegengesetztem Sinne; sie
glauben, daß das starre I>'on p088umu8 nicht
mehr aufrechl zu halten uud irgend ein leid-
licheö Adkommen mit Ztalien zu erstrebcn sei.

Nach welcher Seite hin der Papst sich «nt-
scheiven^vird, weiß man natürlich noch nicht;
doch dcutet manches darauf hin, daß er cbcn-
falls. lcichter als früher zu einem Verglcich ge-
bracht wcrden könnte. Auch ist ein solcher
durch dic Lösung der venetianischen Fragc für
beide Thcile erleichtcrt wordcn. Der Papst hat
allerdings durch Oest.rreichs Rückzug eine Hoff-
nuug und cinc Stützc verloren, dagegen sind
dic Jtaliener ihrerjcits jetzt in der Lage, ihm
günstigere Bedingungen zu stellcn, als früher.
Dcr Tcrritorialbestand Jtaliens ist jetzt gesichert;
es hal von nun an weniger als irgend eine
anderc Macht eincn Augriff von Außen zu'
fürchten. Die Erwerbung Roms als Haupr-
stadt wirl) jctzt mchr uud mehr von den ilalie-
nischen Staatsmännern als eine reiu formelle
nativnale Gcnugthuuug, nichl aber als eine
Lebensfrage für den Staat aufgcfaßt. Wer
Rom genau kennt, wciß, daß eS sich zu der
wirklichen Hauptstadt, zu dcm Sitz der Regle-
rung cines modernen Großstaates wenig cig-
net. Florenz ist als Hauptstadt fast in jeder
Beziehung zweckmäßigcr. Es ist also wohl eine
Combinalion denkbar, welche dem Papstc no-
minell die Souveränetät über sein jetziges Ge-
biet läßt, die militärische und weltliche diplo-
matischc Lcitung aber dem König von Jtalien
überträgt. Der Letztere würde Schirmherr dcs
Kirchenstaates, das Papstthum seinen äußeren
Glanz bewahren, Nuntien für gcistliche Ange-
legcnheilen unterhalten. Hiezu würde Jtalien
sicher die Hand bieten, auch dcr Papst kcine
Gewissensbevcnken erheben können. Ob freilich
Frankreich zu ciner solchcn Combination gut-
wlllig die Hand bietet nnd sofort Jtalien zu
voller Unabhängigkeit gelangen läßt, ist eine
anvere Frage, die nach dem, was das neuer-
liche Lavalette'sche Rundschrciben hierüber ent-
hält, sich nichts weniger als bejaheno beam-
worten läßt.

* Polilifche Uuksehttu.

Heibeiberq, 2. Ociober.

Gegenüber einer Deputation aus Dillenburg
(Nassau), welche eine Dank-Abresse für die
Vereinigung mit Preußen überreichte, äußerte
der König seine Freudc über die vernommene

Gesinnung, und fügte hinzu, er wisse wohl, daß
noch vielfach andcrc Gesinnungcn vorhanden
seien, abcr er denke, durch die segensreichen Fol-
gen der Angehörigkeit an einen großen Staat
werde sich überall nach und nach cine zufriede-
nere Stimmung einfinden, uud man werde die
früher bcwiesene Treue und Anhänglichkcit auch
auf sein Haus übertragcn.

Zn der preuß. Armec wird jetzt ein Mangel
an Offieieren sehr fühlbar. Es sollen gegen
1900 Officierstellcn zu besetzen sein.

Jn Polen zirculirt das Gericht, daß der Hen-
kcr Murawiew nichl eines natürlichen Todes
gestorben sei und daß derselbe sögar den Groß-
fürsten Konstantin in die Untersuchung über
das Attcntat gegen den Kaiscr habe verwickeln
wollen.

Nach einem Schreibcn der „Times" aus Phi-
ladclphia würde die Union, falls Kaiser Napo-
leon noch nach dem Oktober das mexikanische
Kaiscrreich unterstützte, offen dagegen auftrcten.
Der Präsident Johnson würde zu eincm Krieg
gegen Max und Napoleon auf mexikanischem
Boden die ganze Union für sich haben und cin
solcher Krieg würde seine Position gegen die
Radikalen erheblich siärken. Da dic Blokade
der mexikanischen Häfen einc nichkige ist, so er-
halten die Rcpublikaner aus dem Unionsgebiete
zadlreiche Waffen. Nur sind die Führcr der
Republikaner unter sich schr uneinig.

Der Proccß gegcn Jefferson Davis ist auf
unbestimmle Zeit verlagt.

D e u t f ch i n d.

Karlsruhe, 1. Ocldr. Sc. Körugliche Hoheit der
G^r o ß z o ^i>^ ^nao^st d eipvcnn, ^c,i

königlich bclgischen Lgalimlssecr.lär Baron Godcfioy

Karlsruhe, 1. Ock. Das heulc erschienene Rcgie-
r ngSblatl Nr. 53 cntbäll (außcr Persoualnachricblen):

I. Verfügnngcn und Bckanntmachungen der Ministe-
rien. 1) Bekanntmacdungen deS großh. MinisteriumS
deS Jnnern: s) Daü Berbol dcr in Speyer crscheinen-
den „Psälzcr Zeilung" betrefsend. b) Die .Bornabme
der Ersatzwahlen sür dic Zweiie Kamme. der Slände-
versaMmlung betreffend. a) Jm 8. Aemterwablbezirk.
Schopfheim, Kandern (ausgenelen Frhr. v. Roqgrnbach),

gerichlSrath Dr. Wilhelmi^ /F) im 12. A.mtcrwahl-
bezirk. Breisach (anö.ietreteii Geb. Rath Dr. KnieS),
landcsherrlichcr Wahlcommiffär Hosrichter Fetzer in

^ ll. TodeSfä^e. Gchorben^sind: Am 31. Aug.^ d. I.

Mannheim, 27. Skpt. Jn der heute Nachmit-
tag stattgehabtcn Sitzung deö Schwurßcrichtshofes

heim wegen gkfabrlickkn Diebstahls und Widersttz-
lichkeit zur Vrrhandlung. Friedrich Muth von
Mannheim, 24 Jahre alt, ledig, nicht gut beleu-
mundet, schon mehrfach polizeilich und gerichtlich
bkftraft, befand sich am Abend des 14. Mai d. I.
in der Wirthschaft zur Fortuna dahirr, wo viele

beschäftigt waren. Jn der Einschrnke mar Karl Lud-
wig Hildkbrand, Bruder dks WirthS, und Leopol-
tine Hildebrand, Tochter des Wirths, beschäftigt.
Drr Angkklagte verfügte fich gleichfalls in die Ein-
schenke und benützte da rinen günstigen Augrnblick,
um auS bcm dastkbrnden Gelttellkr, so vtel er fassen
konntr, Geld wegzunehmen und in seine Nocktasche
zu steckrn. Es bemerktrn dieS Gäste und machttn
drm Angcklagten Vorwürfe darüber, er leugnete
aber die Tbat. Znzwischen waren vom HauSknecht
^ Polizetdikner herbeigerusen wordcn und wollten
den Ängcklagtrn verhaftcn, und alS er nicht gut-
willig grhen wollte, mit Gewalt wcgbringen. Der-
selbe widcrsctztc fick jedoch der Aussührung und

mtßhandelre dabet einen Polizeidiener, tndem er
ihm einen Stoß auf die Brust versrtztc. Nur mit
Hülfe 2 wciterer Polizeidieuer konnte die Verhaf-
tung ermöglicht werdcn. Nachdcm Angeklagter am
16. Mat b. I. aus dem Verhafte wieder cntlassen
worven war, verübte er in der Nacht vom 1. auf
2. Juni d. I. im Hause bcs MetzgerS Leonhard
Sohn hier einen gcfährlichen Diebstahi, indem er

eine Kammer einstieg und dort Klcidungsstücke im
Werth von 2 fl. 8 kr. entwenbete. Der Angeklagte
wurbe zu einer gcschärften Zuchtdausstrafe von
1 V- Jabren und zur Polizei-Aufficht auf 2 Zahre
verurtheilt. — Die StaatSdehörde war durch Hrn.
Staats-Anwalt Grohe und die Vertheidigung
durch Hrn. Auwalt Dr. Darazetti vertreten.

der rnglischen Armee von 1863—65 auSgepeitschten
oder mit dem Eisen grbrannten Soldaten veröffent-
licht. Diesem zufolge erhirlten 1863 518 Solbaten
24,150 Hirbe; 136 Soldattn wurdrn mit dem Buch-
staben v — Dkserteur — unb 115 mit v 6 —

Bad- (schlechter) Cbarakter — gebrannt. 1864 rr-
hielten 528 Soldaten 26,100 Pettschenhiebe, 1438
erhielten das Zeichen 0. Zm vorigen Jahre er-
hielten 441 Solbaten Peitschenhiebe, während 1502
das Zetchen v, 90 das Zcichen L 6 erhielten.

(Zm Militärlazareth.) Ein im Bett lic-
gendcr Solbat bittet einen Camrraden, ihm dev
Namen seincr Krankheit zu sagen, die auf der am
Kopfende bcs Bettcs befindlichen Tafel verzeichnei
ist — (OovKestiooes sä esput). — „Za, Bruder,
das brtng' ich nicht AlleS heraus; — aber capui
bist; so viel kann ich deutlich lesen."

* Literarisches. .

Mit der Septembcrnum m er, welch^ soeben
erschienen ist, beschließen „Westermann's Illu-
strirte Deutsche Monatshefte" ihren zehnten
Zadrgang (zwanzigsten Band.) Man kann wohl
behaupten, daß b(e vorliegenden zehn Jahrgange
rinen wahrrn Schatz an trefflicher Unterbaltung
und Belehrung enthalten. Zm Hkrbste 1856 er-
schicn daS erste Heft dieser Zeitschrlft, die sofort
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