Heidelberger Zeitung — 1866 (Juli bis Dezember)

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Ns 28S. Dienstng. « Dezember

* Pokitifche Umschau.

Heidelbertt, 3. December.

* Trotz des eintrctenden Winters regt sich in
gewissen Kreisen eine sehr lebhafte Reiselust.
Abgesehen von den reichen Frankfurtern, welche
der Nekrutirung aus dem Wege reisen, finden
wir auch viele hohe Häupter, die in dieser rauhen
Jahreszeit die Mühsale einer Reise nicht scheuen.
Die fromme Kaiserin von Frankreich beabsichtigt,
dem heiligen Vater einen Besuch abzustatten,
und hat dem Befehlshaber des Seeschiffes
„Aigle" den Befehl erthcilt, fich biS zum 5.
Dezember segelfcrtig zu halten. Ob die Kai-
serin Pius IX. wohl noch zu Hause trcffen
mag, wird von manchcr Seite bezweifelt. da
derselbe glcichfalls ein Project zu einer Reise
nach Spanien entworfeu haben soll, zu dessen
beschleunigter Ausführung vielleicht die Zla-
liener und Victor Emanuel selbst Anlaß gcben
werden. Auch Kaiser Maximilian von Mexiko
wird jetzt wohl die schon geraume Zcit beab-
sichtigte Neise nach Europa antreten, da der
neuen LeSart, daß er nach der Hauptstadt
Mexiko's zurück wolle, wohl kein Glauben bei-
zumcssen ist. Unterdcssen reist aber Präfident
Juarez mit Gcneral Shcrman und nicht weniger
als 20,000 Begleitern ebenfalls nach Mcxiko,
und es wird dicse Reise wahrscheinlich die
Rückreise des Marschall Bazaine und seiner
vielen franzöfischcn Begleiter zur Folge haben.
Auch dem Kaiser Napoleon III. selbst soll eine
große Reise bcvorstehen, die er zwar gewiß
gern so lange als möglich hinausjchiebt, die
aber schließlich doch unvermeidlich sein wird!

Die „Allg. Ztg." tritt entschieden der Nach-
richt entgcgen, als fänden mit Frhrn. v. EdelS-
heim Unterhandlungen wegen Uebernahme des
Staatsministerinms statt.

Herr v. Savigny soll angeblich' „Reichsmi-
nistcr" werden. So schreibt die Berl. VolkSztg.

Wie der „Magd. Ztg." gcschrieben wird, hat
Graf BiSmarck näheren Freunden erklärt, er
werde eine Dotation, ob klein oder groß, in
keinem Falle annehmen.

Jn den sämmtlichen preußischen Lazarethen
befinden sich gegenwärtig noch 1092 Verwun-
dete, wovon 814 auf die preußische Armee
kommen.

Die „Sächs. Constit. Ztg." sagt, die Diffe-
renzen, welche noch über den Friedensvertrag
bestanden hätten, seien, da die sächsische Negic-
rung ihre Ansprüche fallen gelassen, nnnmehr
erledigt. Die Mission deö Herrn v. Wurmb
sei somit beendet.

Der „Schw. M." erklärt die Mittheilung

)*( Das Kind des Glückes.

Man fieht lieber Kinder deS GlückeS, alS Sckmer-

selbst ohne Theater kommt. Darum hat die Nach-
richt von dem ersten Auftreten der Frau v. Glotz
in etnem Lustspiele eine allgemeine Befriedlgung

geisterung hervorrief. Zwei Jahre find seit ihrer
Vermädlung verfiossen. Wir haben seither das
schöne Lharakterlustspiel nikbt mebr geseben. H er-
mance — so heißt daS Kind deS GlückeS — ver-
rinigt alle schönen Eigenschaften in fich, Iugend,
Anmuth, Tiefe und Zartheit der Emfindung, Hei-
terkeit und Lebensfrohsinn und etnen durchauS
wahrhaften, edeln Lbarakter. Die Rolle ist eben
so schwterig zu gebrn, alS fie reizend ist. Krau >

einiger Zeitungen, der Erbprinz von Augusten-
burg habe sein Gut Dolzig verkauft und wolle
nach Genf übersiedeln, für falsch.

Ein hannover'scher Geistlicher hat in der
Hengstenberg'schen Kirchenzeitung die Entdeckung
niedergelegt, daß daS Nichtglauben an den Teu-
fe l die Annexion Hannover'sherbeigeführt habe.

Das Kathol. Kirchenblatt in Frciburg stellt
für Oesterreich eine Nevolution gleich der fran-
zösischen in nicht allzu weiter Fcrne in AuS-
sicht. Warum? Weil die katholische Religion
dort nicht genug geschützt sei!

Nach dem officiösen Wiencr Correspondenten
der „Börsenhalle" ist Ocsterreich, weit entfernt,
Prcußens Pfade in Norvdeutschland noch zu
beirren, eben so entfernt davon, seinen Ausschluß
aus Deutschland als ctwaS Dauerndes hinnch-
men zu wollen. Es gchöre zum Lebenselemeilte
der österrcichischen Politik, die Consolidirung
der staatlichen Unabhängigkeit Süddeutschlands
zu fördern und durch sie zur vollcn Zntegrität der
Znjammengehörigkeit Oesterreichs mit Deutsch-
land zu gelangen, die dcr Prager Fricden nur
formell wegzubiöputiren vermochte. Von die-
sem GesichtSpunkte aus bleibe Kuranda'S Rede
in dcr letzten Sitzung des niederösterrcichischen
Landtages (Protest gegen den Ausschluß Oester-
reichs aus Dcütschland) ein höchst bemcrkenS-
werthcö Symptom. (S. Bcil. Wien, 27. Nov.)

Eine so gründliche Niederlage wie bci den in den
jüngsten Tagen stattgchabten Ergänzungswahlen
sür das Prager Stadtverordnctenkollegium, ha-
ben die Deutschen BöhmenS lange Zeit nicht
crlitten. Unter 32 gewählten Stadtverordneterz
bcfindet sich nur ein Deutscher, und desten Wahl
gelang auch nur in einem Bezirkc, welcher fast
ausschließlich von Jsraelitcn bewohut wird.

Die Ausgabeu von Paris sind von 66 Mill.
im Jahr 1852 auf 215 Mill. 1865 gestiegcn.

Die berühmte Pariser polytechnische Schule
soll unterdrückt weroen. Diese Schule, welche
nach der Revolution von 1789 gegründet wurde,
lieferte die ausgezeichnetsten Mäuner Frank-
reichs. Die „Prcste", der die Aufgabe gcwor-
dcn, die öffentliche Meiuung auf diese Maß-
regel vorzubereiteu, sucht zu beweiscn, daß diese
Schule nicht mehr in die Neuzeit passc! Die
polytechnische Schule,zeichnete sich bckanntlich
von jeher durch ihre freien Tendenzen aus.
Selbstverständlich ist dies der cigcnkliche Grund,
weßhalb man an ihre Unterdrückuug deukt.
Seit 1830 lieferte sie die Officiere zu allen
Nevolutionen. Dies mag nach dcn lctzten Vor-
fällen zu ernstlichen Bedenken Anlaß gegeben
haben.

Die „Nazione" meldet, daß das durch die

Wintern bereitete und dcssen umfichtiger unb eifri-
ger Regie wtr ein so fchönes Enfemble im Lust-
spiele, in der Tragödie und im Schauspiele ver-

nahme an dem Beneficianten durch recht zahlreiche
Anwesenhcit betheiligen.

London, 21. Nov. Eine der merkwürdigsten
Persönlichkeiten, die je auf drn Bänken des briti-
schen UnterhauseS gesessen haben, ist wohl ohne
Zweifel das, auS dem Wablkampfe in Werford
gegen Mr. Pope Henessy eben siegretch hervorge-
gangene neue M'tglicd Mr. Mc. Kavanagh.

> Wir habrn hter rinen Mann vor unS, der ohne


Journale verbreitete Gcrücht bezüglich einer
Mission Vegezzi's nach Nom verfrüht und dar-
über noch nichtS beschlossen sei.

Der „Turin. Ztg." zufolge hat die Regie-
rung die Absicht, mit äußerstem Nachdruck m
dem ganzen Königreich die AuSführung des
Gefetzes über die Aufhebung der geistlichen
Körperschaften zu betreiben.

Jn Dublin und Limerik ist gestern der Be-
lageruugszustand erklärt und mehrere Personen
verbaftet worden.

Die Franzosen haben Befehl erhaltcn, mit
„Glanz" auö Mexico zu scheiden. Sic wer-
den daher noch vor dem Abzug einen Schlag
gegen die Juaristen versuchen. Der Schlag
wird vielleicht tausend Franzosen daS Leben
kosten, aber — was thut man nicht für die
„Gloire!"

D e u t f ch l a « d.

Karlsruhe, 1. Dcz. Ueber die Pariser
UniversalauSstcllung macht die Karlsr. Zcitung
die Mitthcilung, daß von dcr kaiserl. französ.
Commission ein Thcil des Naumcs, der für die
Aussteller dcr süddeutschcn Staaten — Bayern,
Württemberg, Badcn und Hessen — bcstimmt
war, zur Aufstcllung einer Dampfmaschine für
deu Betrieb eines Ventilators in Anipruch ge-
nommen wurde. Die kais. Commission hat
sich nun zwar zur Erbauung eiues AnncxeS
entschlossen; indcsten können den einzelnen
AuSstellern bcstimmte Plätze crst dann ange-
wiesen wcrden, wenn sich die Commission über
die Ausstellung oben erwähntcr Dampsmaschine
entschieden hat, waö jedoch in wcnigen Tagen
der Fall sein wird.

Darmstadt, 30. Novbr. Zufolge ciner
Bekanntmachung des Kricgöministeriums vom
29. d. M. soll nun auch bei unS, gleich wie
in Preußen, die Annahme cinjähriger Freiwil-
ligen stattfinden und können die, welche sich
in diescm Jahr schon zur Stellvertretuug an-
meldeten, hiervon zurücklreten

Bensheim, 30. Nov. Heinrich v. Gagern
ist mit 22 Stimmen von hiesigcm Wahlkreis
gewählt wordem Der Gegcncandidat Land-
richter Königer erhielt 13 Stimmcn.

Wiesbaden, 30. Nov. Eincr Bekannt-
machuug der königl. Negierung zufolge wird
ein Prcis von hundcrt Gulden Demjcnigen
ausgezahlt, wclcher das Anwcrben und Mit-
nehmen von Kindern unter 18 Jahren zum
Musiciren und Hausirhandel rc. im AuSlande
zur Anzcige bringt. (M. Z.)

Koburg, 30. Nov. Der Gesammtlaudtag
hat in seiner heutigen Sitzung daS Neichswahl-

nur einlge Zoll lange Stumpfen ohne Hande, ohne
Füße, Finger und Zehrn — sich als kühner Reitrr,
trefflicher Schütze, alS Zeichner und selbst alS
Schriftsteller bekannt gemacht hat. Der Kopf zeigt
namlich schöne Züge, in denen fich die Zntrlligenz
und ungewöhnliche geistige Energie ausgrprägt
findet, die den Sieg über die Unvollkommenhett
des KörperS errungen hat. Mr. Mc. Kavanagh
steht jetzt im 43. Lebensjahre, ist verheirathet und
Vater einer zahlreichrn Familie von schönrn Kin-
dern. Srine geistvolle Unterhaltung wtrd gerühmt
und rine kürzlich von ihm veröffenllichte Beschret-
bung etner von ihm tn setner Yacht Eva gemachten
Reise, mit setnen eigenen Zrichnungrn illustrtrt,
lrgt fichcrlich Zeugniß von nicht gewöbnlicher Be»
gabung ab. Beim Schretben unv Zeichnen nimmt
er die Fedrr in den Mund und^leitet fie mtt dem
Stumpfen seines ArmeS, wobei er eS zu einer
erstaunlichen Fertigkeit gebracht hat. Zu Pfrrde
fitzt er in einer Art Korbsattel und lenkt daS Thier
mit überraschender Leichtigkett. Am größten aber
dürfte rr wohl in seiner Fahrgeschicklichkeit mit dem
Viergespann scin. Von fern her hört man schon
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