Heidelberger Zeitung — 1866 (Juli bis Dezember)

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Heidelbergtr Irilung.

N: 28»


Samstag, 8 Dezember 18KSL.

* Politische Umscbau.

Heidelberg, 7. December.

Zu dem preußischcn Dotationsqcsetz ist*fol-
gender VerbesserunqSantrag vom Abgeordneten
v. Hovcrbeck u. A. gestellt worden: Zur Ver-
leihung von Dotationen an diejenigen preußi-
schen Heerführer, welche im letzten Kriege zu
dem glücklichen Ausgang beigetragcn haben, die
Generale der Jnfanterie v. Molke, Hcrwarth
von Bittenfeld, von Steinmctz, Vogel von Fal-
kenstein wird cine Summe von einer halben
Million Thaler aus den eingehendeu Kriegs-
entschädigungen bereit gestellt. — Die Dota-
tion soll hienach auf die „Hecrführer" be-
schränkt und dre Minister von Bismarck und
von Roon gestrichen werdcn. (Vergl. dage-
gen Berlin, 6. Dec.)

Auch das „Wiener Zournal", indcm es sich
gegen die tendenziösen Gerüchte über eine an-
gebliche Spannung zwischen Oesterreich und
Rußland wendet, vernimmt aus vcrläßlicher
Quelle, daß die Beziehungen zwischen Oester-
reich und Rußland vollkommen freundliche sind
und nicht daS Geringste sich ereignet habe, wcl-
ches als Trübung dargestellt werden könnte.

Anderer Lesart zufolge seien die russischen
Rüstungen bloS zur Unterstützung eincr russi-
schen Note in Wien beftimmt, die folgende
Punkte enthalten soll: 1) das Verlangen der
Abberufung Golnchowski's; 2) entschiedene Un-
terdrückung der augeblich herrschenden polnischen
Agitation; 3) Gleichstellung der Ruthenen in
jeder Beziehung mit den Polen. Man weiß,
daß Oesterreich diefe Zumuthung zurückweisen
muß, kennt auch die auSwärtigen Hilfskräfte
und wird es baher vorläufig bei der Möglich-
keit der Abberufung Stackelbergs bewenden las-
sen, bis die gehoffteu Conjuncturen für die Ac-
tion cingetreten sind. Die Eventualitat eines
Zwiefpaltes, der bis zum Kriege führen könnte,
liegt demnach noch fern.

Die „Wiener Abendpost" meldet als zuver-
lässig aus Compicgne, Napolcon habe dem öster-
reichischen Botschafter mitgetheilt, daß General
Bazaine den Auftrag erhielt. die mericanischen
Legionäre im Falle ihrcs Rnckzuges ganz wie
die französischen Truppen zu behandeln und
den Wünschenden die freie Nückkchr in ihre
Heimath zu sichern.

Die „Ncue bad. Landesztg." bringt die (offen-
bar erfundene) Mittheilung, daß am 29. Nov.
in Darmstadt dcr Südbund zwischen Baiern,
Württemberg und ^ Hessen (Darmstadt ohne
Oberhcffen) zum Nbschluß gebracht worden sei.

Jm südlichen Tyrol (Trentino) wird der Auf-

ruf eines Nationalkomites verbreitet, welcher
auf den Anschluß an Jtalien vorberecket.

Nach der „Gazzetta de Torino" ist eiue Com-
mission zur Reorganisation der Armce nieder-
gesetzt unter dem Vorsitz des Generals Cugia.
— Das „Giornale di Napoli" meldet, daß eine
gewiffe Anzahl Jesuiten von Rom nach Malta,
Frankreich und Spanien abgegangen sind. Ver-
schiedene der Compagnie zugehörige Kostbarkei-
tcn und ein Theil ihrer geheimen Archive sind
nach Marseille gesandt worden.

D e u t s ch l a n b.

Karlsruhe, 6. Dcc. Se. Königl. Hoheit
der Großherzog haben Sich gnädigst be-
wogen gefunden. dem Postrath Alexander
Fischer bei der Direction der Vcrkehrsanstal-
len scinem Ansuchen gemäß, unter Enthebung
von der Slelle als Collegialmitglied. die Füh-
rung der Hauptkasse der Vcrkehrsanstalten zu
übertragcn.

Karlsruhe, 6. Dec. Das heute erschie-
nene Negbl. Nr. 68 enthält:

I. Gesetz, die KriegSkoftenausgleichung be-
treffend.

Der Tarif über die Preise, wclche bci der
Ausgleichung nach § 3 zur Vergütung kommen,
enthält folgende Bestimmungen:

I.-Verpfleg ung der einquarrierlen Truppen.

s) Soldaten. Frühstück 5 kr. Miltagesscn mit Wein
25 kr. Abend^csieu 12 kr.^ Zusammen 42 kr. Für Ci-

fähnriche und in Osficier-stcllcn fungirende Untcrvffi.
cieie. Frühstück 12 kr. Miltagesse» 1 fl. 12 kr. Nach-

II. Fouragc. Centner Haber 5 fl. 30 kr. Centner
Hcu 2 fl. 30 kr. Centner Strob 1 fl. 48 kr.

III. LebenSmittel. Cenlner Mehl 8 fl. 30 kr.
Brod, per Pfund 3'/, kr. Fleisch, lebcndig: Ochsen-,
per Centner 15 fl., Nind-, per Centner 13 fl. Fleisch,
geschlachiet: Ochseu-, per Centner 28 fl., Rind-. per
Centner 24 fl. Wein, per Ohm 30 fl. Bier, pcr Ohm
16 fl.

IV. Fubren. Pr. Tag u»d Pferd 2 fl., sür andere
Zugthiere pr. Tag und Slück 1 fl. 30 kr., für 1 Wagen
30 kr.. iür 1 Chaise 1 fl.

II. Diensterledigung. Die Bezirksarzt-
stelle in Donaueschingen.

Karisruhe, 6. Dec. Die Vollzugsver-
ordnung zu dem Gesetz über die Kriegskosten-
Ausgleichung setzt den Termin, biö zu welchem
alle Dicjenigen, die Entschädigungen für Kriegs-
kosten nach dem neuen Gesctz bcanspruchen,
dieselben amtlich anzumelden haben, auf 22.
Dec. d. I. fest. ' .

Die großh. Regierung hat, wie die „Karlsr.
Ztg.'^ erfährt, den landständischen Ausschuß

zum Behuf der Prüfung der Rechnungen der
Amortisations-, Eisenbahn- und Zehntschulden-
TilgungSkassen und des Grundstocks auf Diens-
tag, 11. d. cinverufen. Das sehr thätige Mit-
glied deffelben, der Abg. Hr. Kirsner, wird
voraussichtlich dieSmal an dcn Arbeiten des
Ausschusies nicht Theil nchmen können, da er
noch nicht vollständig wieder herzestellt ist.

*-f Karlsruhe, 6. Dec. Gewisse Politiker
sind gegenwärtig damit beschäftigt, eine Agita-
tion in Süddcutschland gcgen den Anschluß an
den norddeutschen Bund in'S Werk ;u sctzen,
dem sie einen süddeutschen Bund entgcgenstellen
wollen. ES sind dieselben Politiker, welche be-
haupten, die Theilung Deutschlands durch die
Mainlinie sci das Werk fremder Einmischung,
das verabscheuungSwürdige Product französischer
Machination, um dic gefürchtete Einheit der
deutschen Nation zu hindern, und in dem sich
selbst überlasscnen hilflofen deutschen Süden für
alle Zukunft ein günstizes Terrain zur Ein-
mischung sich offcn zu erhalten.

Diese Behauptung mag zum Theil wahr sein,
wir wentgstens wollen sie nicht bestreiten. Aber
je mehr sie sich der Wahrheit nähert und je
bcgründeter sie ist, desto auffallender muß eS
erscheineu, daß dieselben Politiker, welchc diesen
Erfolg der Deutschkand stetS feindlichen franzö-
sischen Diplomatie beklagen, dennoch die Ersten
sind, welche die Machinationen Napoleon's Hl.
acceptiren, fortspinnen und zum Vollzug zu
bringen ganz besonders eifrig sich zeigen.

Man sollte meinen, die einfache logische Con-
sequenz ihrer eigenen Behauptung müßte diese
Politiker zu den allerschärfsten und entschieden-
sten Gegnern ekncS jeden süddcutschen Sonder-
bundes machen, weil ja dieser nur ein franzö-
sisches Machwerk wäre zu dem Zwecke, Dcutsch-
land stets unten und für bcqueme Einmnchung
sich offen zu halten, damit daö wackere deutsche
Volk nie in Wirklichkeit eine einige große Na-
tion, die übcr sich und ihre Jnleressen selbst
bestimmt, werden möge, sondcrn vor wie nach
die dienende Magd der von Frankreich gcleite-
ten europäischen Politik bleibe.

Hier zeigt sich also cin offenbarer Widerspruch
zwischen den Voraussetzungen diescr Politiker
und den Plauen, die sie verfolgen und zu de-
rcn Begünstigung sie uns einladen. Statt Ein-
tritt in den Bund, der bereits mehr alö zwei
Drittheile des deutschen Volkes umfaßt, schlagen
sie uns einen vor, der kaum ein fchwaches Drit-
tel einschließen würde; statt eines Bundes, der
jctzt schon groß und kräftig genug ist. iu allen
großcn Fragen dcr europäischcn Kulturvölker
sein entscheidcndes Wort in die Wagschale zu

Ein neuer Jason.

Man sckireibt aus Berlin: Ein bedeutcndeS Ge- ^
sckäftshaus in England hatte vor einigerZeit eine !

Mann, das betreffende Geschäft zu beiderseitiger
Zufriedenheit zu reguliren, und Herr B., der
Ehef deS biefigen Hauses, ist so von dem auSge-

den Vermögens ihres Herrn Papas, kein Wunder,
daß ver Iünger MrrkurS ein ganz besonderes Wohl-
gefallen an der jungen Schönen findet, auf die er,
wie er zu bemerken glaubte, rinen gar nicht un-
günstigen Eindruck gemackt hatte. Der Tag der
Abreise naht cndlick, der Sohn AlbionS nimmt
Abschied von der Familie und ersucht schlirßlich !

! bittet. Dieser entgrgnct nach der ersten Ueber-
! raschung: „Mein Herr, ick achte in Zhnen einen
sehr tücktigen Kaufmann, einen vortreffiichen Men-
schen, ich schätze Jhre liebenswürdige Persönlichkeit,
dock vermögenslos, wie Sie sinb, können Sie doch

geben werde, für die ich die reichsten Schwieger-
söhne erhalten kann; bei der Mitgift, die ich ihr
gebe, kann ich dtese tn ganz andern Kreisen sucken."
Auf diese Antwort war ich vollständig gefaßt, Herr
B., versetzte der dreiste Brgutbewerber, ich frage
Sie daher nur noch, ob Sie mir auch die Hand
Ihrer Fräulein Tochter verweigrrn würden, wenn
ich Sie alS Eompagnon deS Hauses, das ich dte

im Gegentheil würde ich mich grrhrt fühlen, mit
Zhrem Hause in solch nahes Band zu treten." —
Haben Sie die Güte, mir dies schriftlich zu ver-

Mißtrauen gegen ihr Wort, nein, nicht im Min-
I destrn, ich bedarf aber dicser schriftlichen Verfiche-

> rung zu einem besonderen Zweck. — Bereitwilligst
gibt Herr B. seinem Schwtegcrsohn in 8pe das

land zurück. Zu Haus angekommen, bittet Herr
S. seinen Chcf um setne Entlassung, eine Bitte,
die denselben höchst unangenebm überraschte, denn

die er bei ihm war, lteb geworden, er war ein
treuer, zuverlässiger Arbeiter, etn heller Kopf und
routinirter Kaufmann. — Aber was beweqt Ste
zu dieser Kündigung, mein lieber Herr S , ist
Ihnen Ihr Salair zu gering, ich will es gern er-
höhen, oder was ist sonst der Grund, sprechen Ste
sich auS; wenn eS in meinen Kräften steht, Ihren

> Wünschen zu entsprechen, soll eS gewiß geschehen. —
In Ihren Kräften steht es allerdingS, mich an
Ihr HauS zu feffeln, ich werde nur bleiben, wenn
ich Ihr Compagnon wrrden kann. — Mein Com-
pagnon, Herr S. — o! daS kann Jhr Ernst nicht
sein, Sie find ein recht tüchtiger Mann, aber ohne
jedes Vermögen, wie kommrn Sie nur auf eine

! so sonderbare Jdee? Nennen Ste diese Jdee auch
noch eine sonderbare, wenn ick alS Schwtegersoha
' deS Herrn B., von bem ich ein großes Vermögen
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