Heidelberger Zeitung — 1866 (Juli bis Dezember)

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Veidtlbergkr Ieilung.


Mittwoch, S Dezember


N

* Politische Umschnu.

Heidelberg, 4. December.

* Jn sämmtlichen stimmfahigen Staaten der
Union sind nnn die Wahlen so ziemiich been-
digt, und die Politik des PrLsidenten Johnson
in lctzter Jnstanz verurtheilt. Die Vetogewalt,
d. h. der indirecte Antheil, welchen die Ver-
fafsung dem Präsidenten an der Gesetzgebung
zugesteht, ist damit vernichtet. Bekanntlich kann
der Präsident gegen ein vom Congresse erlasse-
nes Gesetz sein Veto einlegen; dieses Veto aber
hat keine Bedeutung, wenn der Congreß das
Gesetz mit einer Mehrheit von */z der Stimmen
aufrecht erhält. Jm Ganzen sind nun 162
Rcpräsentanten neu gewählt worden. Von die-
sen gehören 128 dcr rcpublikanischen, und nur
37 der demokratischen (d. h. der südstaatlich ge-
sinnten) Partci an. Von 22 noch ausstehen-
den Wahlen sind 18 den Nepublikanern eben-
falls gewiß, und das Parteiverhältniß im Ne-
präsentantenhause stcllt sich daher wie 140 zu
44. Der Scnat wird mindestens 37 verläß-
liche radikal gesinnte Rcpublikaner zählen, und
es ist somit gcwiß, daß die widerspenstigen
Südstaaten im Congrcsse nicht zug^lassen wer-
den. Jedenfalls ist damit auch die Gcfahr eines
zweitcn, durch Präsident Johnson selbst herbei-
geführten Bürgcrkriegs gehoben. Dafür bürgt
die in amerikanischen Verhältnissen fast noch
nie dagewescne Ruhe und Ordnung, mit wel-
cher die Entschcidungsschlacht vor den Wahl-
urnen stattgefunden hat; dafür bürgt auch die
völlig ruhige Haltung der bcsiegten Partei.
Dagegen schcint Johnson den sich von selbst
ihm darbietenden Ausweg, sein geschwundencS
Ansehen auf dem Gebiete der auSwärtigen
Politik wieder etwas herzustellcn, nicht miß-
achten zu wollen. Die diplomatische Jnterven-
tion in Mexiko durch iLherman und Campbell,
der man eine möglichst hohe Bedeutung beizu-
legen sucht, gibt hievon znr Genüge Zcugniß.

Bckanntlich ist die Ausführung der Bcschlüsie
der KarlSruher Postconferenz vertagt worden.
Wie die „Bank- u. H.-Z." meldet. bcabsichtigt
Preußen, die diesfälligen Verhandlungen wieder
aufzunehmen und folgcndeVorschläge zu machen:
1) Einheitliche Briefmarken für das ganze
deutsch-österreichische Postgcbiet, Zentralisation
deS Postwesens; 2) Ermäßigung dcr Packet-
posttare; 3) die AuSdehnung der Postanwei-
sungen, wie in Prcußen (1 Sgr. bis 25 Thlr..,

2 Sgr. bis 50 Thlr.) auf ganz Deutschland;
4) Neduction deS Porto auf Kreuzbandscndun-
gen, als: Preislisten, Aviöbriefc, Zirkularc rc.
von 1 kr. auf ^ kr. nnd Beseitigung der

Marke für dieselben (in Frankreich ein Cen-
time); 5) Ermäßigung der Bricftaxe auf
1 bezichungsweise 2 Sgr.

Die Verhandlungen zwischen Preußen und
dem Herzog von Nassau, der sehr große For-
derungen stellt, haben bis jetzt kein Resultat
ergeben.

Die „Nordd. Allg. Ztg." stellt die Nach-
richten, daß der König von Preußen dem Papste
ein Asyl in Preußen oder Truppen zur Ver-
fügung gestellt habe, in Abrede.

Von der Gcreiztheit der ministeriellen und
feudalen Organe gibt folgcnde Auslassung der
Berliner Rcvue einen Beweis: „Bei der so
rasch wieder aufkeimenden oppositionellcn Ten-
denz der Parteien wird die Regierung ihrer-
seits zu überlegen haben, wie weit sie an das
Programm gebunden sci, das sie an die Bcan-
tragung des Jndemnitätsgesetzes knüpfte. Ent-
zieht sich das Abgcordnetenhaus den Pflichten,
die in seinen Bcschlüsien lagen, so wird auch
daS Band zerschnitten, welches die Negierung
mit aller Aufrichtigkcit und mit einer in der
parlamentarischen Geschichte seltenen Selbstbe-
scheidnng sich diesem Hause gegenüber anlegte."

Der Moniteur bcrichtet, die Unterhandlungen
über den Handclsvertrag mit Oesterreich seien
dem Abschlusse nahc.

Das päpstliche Schreiben, wclches alle Bischöfe
der katholischen Christenheit zu dcm Feste deS
nächstcn 29. Juni nach Rom beruft, um das
Hubiläum des MLrtyrerthums Petri zu fciern,
wird am 8. Dcc. veröffentlicht werden. Nach
Abzug der Franzosen werden 6000 Mann Trup-
pen in Rom zusammengezogen.

Nach dcm „Movimento" ist in klerikalen
Kreisen von einer Abdankung Pius IX. die
Rede.

Die Militärschule in Athen, deren Zöglinge
heimlich nach Kreta gehen wollten, ist auf sechs
Monate geschlossen worden.

Der Vicckönig voü Egypten hat am letzten
Dienstage die Versammlung dcr Volksvertreter
mit einer Rede eröffnct, worin er än DaS er-
innertc, waö sein Großvatcr und sein Vatcr
für Egypten gcthan haben, indcm sie dort einen
mit der übrigcn europäischen Gesellschaft har-
monirenden Zustand zu schaffen strcbtcn; er
selbst wolle dieses Werk fortsetzen und habe
deshalb dicse repräsententative Neichsversamm-
lung geschaffen, welche für die inneren Angcle-
gcnheiten sorgen und alle Jnteresien sicher stel-
len solle.

Untcr dem Geschwader von Schiffen vcrschie-
dener Nationen, wclches jetzt vor Civita-Vecchia
eingetroffen ist, wird sich nun auch cin nord-

amerikanischcs Schiff befindcn, desien Ankunst
unlängst angekündigt worden ist.

Die neueften Nackrichlen aus Mexico con-
statiren, daß Kaiser Maximilian die Hauptstadt
Mexico nicht vcrlasien hat. Die Unionisten
haben nicht Matamoras bcsetzt. Ein Telegramm
aus Southampton meldet damit in Uebereinstim-
mung: Kaiser Maximilian ist nicht an Bord der
Seine. Bei Abgang dieses Schiffcs von Veracruz
ging das Gerücht, daß Kaiser Mvximilian, der
sich in Orizaba befänd, abgedankt habe und
mit der Absicht umgehe, sich gegen den 15.
Nov. auf ciner österreichischen Fregatte einzu-
schiffen.__

Deutfchlnnd.

Karlsruhe, 3. Dec. Zu Mitglicdern der
durch das Gesetz über die Ausgleichung der
Kriegsschäden bestimmten AusglcichungScom-
mission sind, wie die „KarlSr. Ztg." hört. er-
nannt die HH. Ministerialrath Dusch als Vor-
sitzender, Ministerialrath LandeScommisiär Win-
ter, VerwaltungsgerichtShofs-Nath Gerwig. fer-
ner dic Abgg. HH. Gastwirth Karl Friederich
von Durlach und Bürgermeister Ludwig Para-
vicini von Brelten.

Karlsruhe, 3. Dec. Die „Karlsr. Ztg."
wendet sich in officiöser Weise gegen die Blät-
ter, welche in jüngster Zcit die Absichten groß-
herzoglicher Regierung durch eine Reihe von
Erfindungen zu verdächtigcn suchten, und er-
klärt besonders die Nachricht als eine der drei-
stcsten, nach welcher die Negierung eine Do-
mänenauSschcidung beabsichtigc und sogar schon
vorbercitende Anordnungen gctroffen habe. Man
würde indcß diesen Gerüchtcn keine Beachtnng
gcschcnkt haben, wenn dieselben nicht in weitern
Krcisen Eingang gcfundcn hätten, so daß die
Karlsr. Ztg. glaubt noch besondcrs vcrsichern
zu müsien, daß absolut nichts Thatsächliches
vorlicge, was zu der Vermuthung bercchtigte,
daß die großh. Negierung irgend eine Aende-
rung der verfasiungsmäßigen Verhältnisse de^
Domänen oder der Verwendung der Erträgnisie
derselben für die allgemeinen Staatszwecke, wie
dieselbe biSher stattgefunden hat. beabsichtige.
Ebenso wenig sind die Gerüchte übcr angebliche
Beschränknngcn der Dotirung der Kunstinsti-
tute rc. begründet. Die der Kunft und der
Jndustrie an hohen Stcllen gewidmete Auf-
mcrksamkeit und die für die Pflege dersclben
bcstimmten Gcldmittel haben bisher die besten
Früchte getragcn, dem Gemeinwohl gedient und
auch nicht wenig dazu bcigetragen, den guten
Namcn des badischen Staates im Ausland zu
erhöhcn.

m Der Postillon von Müncheberg.

Heidelberg, 3. Dec. Wir haben bks jetzt noch

hältniffe hier nur zn gut kennen, als daß wir nicht
wissen sollten, mtt welcken Schwterigketten ein hie-
figer Theaterdirector zu kämpfen hat. Deßwegen
auch liegt es unS ganz fern, unS in rine soge-

legen, ist gegen den diesen Winter öfters gemach-
ten Versuch, uns mit ganz ordinären Poffen und
schlechten Berliner Bühnenstücken unterbalten zu
wollen. Dock nte haben wir unS hierüber so tief
empört, alS über daS angeblich in Berlin zum
hundertsten Male, hter leider zum ersten, hoffent-
lich auch zum ietzten Male aufgefuhrte Stück unter
dem Namen Postillon von Müncheberg. Dirses un-
bedrutende frivole Stück, fast durchweg von den
albernsten und unanständigstrn Witzen strotzend,
übertraf abrr das feitber noch in diesem Grnre
Grlieferte. Wenn daS Theater den Zweck bat, vor
allen Dingen eine Bildungsschule zu sein, so wären

schönste Gelegenheit geboten wird, auf die größere
VolkSclaffe durck befftre Stücke veredelnd und bil-
dend einzuwirken.

fetzt war und Jrdrr mit drr Befrtedigung heim-
gegangen ist, welche die wirklich sittliche Darstel-
lung deS Edlen und Schönen unfehlbar bei jedem
Menschen zurückläßt.

Zeugniß davon abgibt, welchen Effect man damit
zu machen hofft.

nöthig sei, unsern Widerwillen schlicßlich noch mit
solchen,. allen Anstand verletzenden Witzen zu stei-
gern.

Wir verlangen baher denn auch, daß derart un-
geziemende Anspiekungen, wie dieS gestern haupt-
sächlich ber Fall war, fernerhin unbrdingt unter-
bleiben, und glauben wir wohl nickt versichern zu
müffen, daß bei einem gemischten Publikum dieS
vollends unschicklich ist.

Mögen wir nicht gezwungen werben, auf diesen
Gegenstand zurückzukommen, und hegen wir zu der
Dtrection daS Vertrauen, daß sie in Zukunft dafür
sorge, daß der Anstand und die Achtung für gute
Sitten beffrr gewahrt bleiben.

(Wenn wir-obigen Auslassüngen über dte gestrtge
Vorstellung writere Folge geben, so geschieht eS,
weil wir das darüber Grsagte nur bestätigen kön»
nen, und wril wir nickt nur dte Ueberzeugung haben,
daß die vorgebrackte Rüge l/dtglick im Jntereffe deS
Gedeihens und des AufblühenS unsereS hiefigrn Thea-
terö erhoben wird, sondern wrtl fie auch von einer
Seite hrrrührt, welche von der wohlwollendsten
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