Heidelberger Zeitung — 1866 (Juli bis Dezember)

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Htidtlbtrgtr Irilimg.


Samstag, II August


18««

M.- 187.

Q2 Die Krähe des Suetonius.

Jn der „Königsb. Neuen Zeitung" war vor
cinigen Tagen ein „Programm der Zukunft"
veröffentlicht, worin viel von der neuesten „welt-
historischen Wendung der deutschen Geschichte"
die Rede war, ncbenbei aber gegen jene Mit-
glieder der Fortschrittspartei zu Felde gezogen
wurde, die es sich nicht nehmen ließen, an „welt-
historischen Ereignissen" Kritik zu üben, uud
die mit sonderbarer Zähigkcit auch währcnd der
gegenwärtigen Krisis auf dem alten Staudpunkt
der Vertheidung der Volksrechte gegen die Uebcr-
griffe dcr Gewalt bcharren wollten. Der wackere
Zohann Jacoby hat darauf eincn Brief an die
Redaction der Königsb. Ztg. gerichtet, in wel-
chcm er sich begnügt, an einen Ausspruch des
E berühmten Historikers Joh. v Müller zu erin-
nern. Wir wollen es uns nicht versagen, diesen
Ausspruch zu Nutz und Frommen unserer
Lcser hier mitzutheilen.

„Es versteht sich von selbst" — sagt Joh.
v. Müllcr (im Jahre 1788) — „daß Niemand
schuldig ist, die Gewaltthätigkeiten anderer Sterb-
lichen zu erdulden; und es ist wcltkundig, daß
wir Deutsche nervigte Arme und eine eherne
Brust haben und den Tod im Felde nicht fürch-
ten, so daß wir uns wohl hätten los machen
können. Allein— jene Krähe, vou der Sueto-
nius mcldet, sie habe kurz vor dem Tode des
Kaisers Domitian anf dem Kapitol gcsessen und
geschricen: „Es wird nächstens Allcs gut wer-
den", scheint hierauf nach unserm lieben Vater-
lande geflogcn zu sein, wo sie zahlrciche Nach-
kommenschaft hinterlassen hat, die zu solchen
Ehren stieg, daß vielfältig Professoren, Gesandte
und StaatSbcamte aus derselben erwählt wor-
den sind, die seit Jahrhunderten schrcien: „Es
wird nächstens Alles gut werden."

Dieser Wundervogel, dessen Zauberstimme
unsere erstaunliche Gelehrsamkeit, Gravität, pu-
blicistische Staatskunde nun schon so lange be-
täubt, scheint (aus Gründen, welche die Natur-
forscher untersuchen mögen) gewiffe periodische
Zeiten zu halten, da auf einmal ein ganzes
großes Nest auskriecht nnd ein so entsctzliches
Geschrei hören läßt, daß dem Ungläubigen nichts
R anderes übrig bleibt als — zu warten der
Dinge, die da kommen sollen."

Auch unter uns hat sich dermalen, wie es
scheint, eine ganze Hecke solcher Krähen nieder-
gelassen. Frühcr wußten diese Vögel allerlei
schöne Licder vom Selbstbestimmungsrecht der
Völker, von moralischen Eroberungen und vom
ganzen Deutschland, daS es sein soll, zu zwit-
z schern. Heute führen sie nur noch sehr gewöhn-

2) Gefecht bei Werbach
am 24. Iuli 1866.

(Fortsetzung.)

Nachdem am 23. Juli Abends die Divifion nach
Beendigung des GefechtS bei Hundhetm ei.n Bt-
vouac -inter KülSheim bezogen hatte, wuroe durch
^ OperationSbefehl Nr. 23 angeordnet, daß daS Eörps
eine concentrirte Stellung zu beziehen habe, um
entweder dem von Walldürn und Miltenberg an-
rückenden Feind entgegenzutreten, oder eine Ope-
ration in dessin Flanke auSzuführen.

Dte 2. Division hatte auf zum Theil sehr schlech-
ten, engen und steilen Wegen Hohhausen, Werbach
nnd Werbachhausen zu gewtnnen und dte beiden
erstcren an der Tauber liegenden Orte zu besetzm.

Dieser schwierige und in Feindesnahe sehr gefähr-
llche Marsch wurde in verhältnißmäßtg kurzer Zeit
zurückgelegt, und es war um 12 Uhr die DiSlo-

Hohhausen besetzt durch 2 Lompagnien 2. In-
santerieregtments (die provisorische Brücke über den
vorltegenden tiefen Etsenbahn-Abschnitt war abge-
tragen, ein Steg übcr die Tauber für den Rückzug
geschlagen worden);

liche Sprüche im Schnabel, wie sie unter den
Krähen üblich sind, zum Exempel: „Eine gute
Gans muß mit dem Strom schwimmen!" oder:
„Ein audereS Jahr, ein anderes Gefieder!" oder
den alten Nefrain: „Es wird nächstens besser
werden!? Einige HäiHflinge piepsen sogar: „Es
braucht gar nicht beffer zu werdcn, es ist schon
gut!"

Mehrere Schwalben lcisten den Krähen Ge-
sellschaft, und eine derselben hielt uns jüngst
folgende Standrede: „Wir Schwalben sind die
klügsten unter den Vögeln, denn wir können
den Sommer machcn. Wenn wir nicht wären,
so würde die Menschheit schon lange erfroren
sein. Aber wir machen einen gar vorsichtigen
Gebrauch von unserer Kunst. Der Winter ist
ein unangenehmer Geselle, mit dem avir nicht
gern zu schaffen haben. Sobald er sich blicken
läßt, ziehen wir heimwärtS und warten, bis er
wieder gcgangen ist. Nachher kommen wir und
machen den Sommer!"

O ihr guten Schwalben! Jhr seid klug wie
jene Windfahne, die sich einbildete, sie drehe
den Wind. während sie vom Winde gedreht
wurde. UnS wie euch bleibt freilich vorerst
nichts übrig, als des Frühlings zu harren;
mittlerweile nehmen wir nur das Vorrecht für
uns in Anspruch wie frühcr den Himmel blau
und die Erde rund zu nennen und alle Schön-
särberei, die aus schwarz weiß machcn möchte,
uns zu verbitten. Wenn sich'S aber wieder
darum handelt, auf dem Platze zu sein — dann
werden wir sichcrlich nicht warten, bis ihr den
Sommer gcmacht habt.

* Politifche Umschcru.

Heidelberg, 10. August.

Wie man dcr Agentur HavaS aus Berlin
schreibt, wird die preußische Negierung dcn Kam-
mern für diese kurze Session folgeude Gesetz-
entwürfe vorlegen: über die Wahlcn 'zum deut-
schen Parlament; über die Regelung der Finan-
zen mittelst AuSgabe von SchatzbonS mit kurzer
Verfallzeit; über Ermächtigung der Bank von
Preußen zur Vermehrung ihrcs Kapitals im
Verhältniß zur Ausdehnung deö ^reußischen
Gebiets; über nachträgliche Genehmigung der
durch Ordonnanz eingeführten DarleihenSkaffen;
über definitive Aufhebung der Wuchergesetze.
-Gie Jndemnitätsbill für alle seit mehreren Jah-
ren gemachten Ausgaben ohne gesetzlich votirles
Budgct soll erst in der nächsten Novembersession
eingebracht werden.

Nach der „Kreuzztg." hat Prinz Friedrich
von Augustenburg durch den Geh.-Nath Samwer
einen erneuten Protest gegen die Einverleibung

Werbach befetzr durch das 3. Infanterieregiment,
1 Escadron Dragoner, 1. Batterie;

bei Werbachhausen der Rest der 2. Drtgade und
die Reskrvebatterte;
bei Brunnthal die 1. Brigade.

Die Tkrrainverhältnisse und ntcht minder dte
Beschaffenheit deS DorfeS sind bet Werbach einer
nachhaltigrn Bertheidigung äußerst ungünstig.

Die auf nahe Distanz um mehrere 100 Fuß do-
minirenden Höhen des linken Thalhanges gestatten,
die dteSseitige Aufstellung in allen DetailS eiuzu-
sehen, und zugleich den Thalausgang, aus dem
die Rtserven zu defiliren hatten, wirksamst zu en-
filiren.

Die Beschaffenheit des DorfeS Werbach tst der
Art, daß unter diesen Verhältniffen die Circula-
tion der geschlossenkn Abtheilungen fast unmöglich
gemacht werden konnte, auch wurde jede Brwegung
solcher sofort von Artillerie und Infanterte beschos-
sen. Die AuSdehnung deS OrtS macht überdieS dte
Leitung der Vertheidigung äußerst schwterig.

Um l2»/2 Uhr rtablirte fich rine feindltche Bat-
terie auf der Höhe vor Hohhausen und eröffnete
ihr Feuer gegen etne auf der Höhe bei Impfingen

Schleswig-Holsteins in Preußen auöarbeiten
laffen und beim Bundestage in Augsburg ein-
gereicht.

Die „Kreuzzlg." und die „Nordd. Allg. Z."
beeilen sich, der Auffassung entgegen zu treten,
daß in der Thronrede ein Anerkenntniß des
Budgetrechts des Abgeordnetenhauses in der von
liberaler Seite festgehaltenen Gestalt ausgespro-
chcn sei.

Die Berliner „Post" verlangt Amnestie für
alle wegen politischer Vergehen Verurtheilte,
nicht Begnadigung der einzelnen, die etwa darum
nachsuchen sollten. Wie die Jndemnität, kenn-
zeichne eine solche Amuestie dcn Abschluß mit
einer überwnndenen und abgethanen Vergan-
genheit.

Wie der „Patrie" aus Bcrlin gemeldet wird,
werdcn auch das Großherzogthum Posen und
die beiden preußischcn Provinzen, welche nicht
zum weiland Deutschen Bund gehörten, beim
norddeutschen Parlament vertreten sein.

Das „Dresd. Journ." dcmentirt die Nach-
richt der „Köln. Ztg.", daß von Seiten Preu-
ßens „von den sämmtlichen sächsischen Städten
erhebliche Contributioneu auögeschrieben werden
sollen".

D e u t s ch l a n d.

Karlsruhe, 8. Aug. Durch allerhöchsten
Befehl vom 6. d. M. wird dem Oberst v. La-
roche, Commandant des 3. Dragonerregiments
Prinz Karl. die Führnng des Garnisonöcom-
mando's in Bruchsal übertragen; Werkinspector
Kiefer und Laboririnspector Freyheit wcr-
den unter Ertheilung des Nangcs und der
Gradzeichen des LieutenantS zu ZcughauS-Zn-
spectoren befördert.

Karlsruhe, 7. Aug. Urthcile ans mili-
tärischen Kreisen sind darübcr einig, daß in
dieser Gcstalt kein Krieg der süddeutschen Staa-
ten mehr geführt wcrden varf. Discrction ver-
bietet, dcn Wortlavt jener MeinungSäußerun-
gcn anzugeben, aber die Einheit der militäri-
schen Führung in Deutschland dürfte im Ofsi-
ciersstand wcnig Feinde mchr zählcn. — ES
unterliegt keinem Zweisel, daß die Negierung
beabsichtigt, baldmöglichst eine Auögleichung der
Kriegölasten auf das ganze Land vorzunchmen.
Es ist dies übrigcnö ein nicht gar leicht und
rasch zu erledigendes Geschäft. (S. M.)

Karlsruhe, 8. August. Der Wiederein-
tritt des Justizministers Stabel, und zwar in
Bälde, wird als ganz sicher betrachtet. — Das
Gcrücht wegen Verlängerung deS SpielpachteS
in Baden soll aus einem Anerbieten entstanden
sein, wornach Benazet und ein französischeS

alSbald erwiederte.

Die wegcn drr Terrainverhältniffe und mit Rück-
ficht auf eine im Tauberthal aufwärts ziehende

rettS befohlene Vorrückung deS ResteS der 2. Brt»
gade mit der Rrservebatterie tn die Aüfstellung bei
Werbach wird durch dteses Geschützfeuer beschleunigt,
die Lolonne erhält aber betm Debouchiren auS dem
Thal starkeS enfilirendeS Feuer, was veranlaßt,
die Batterien sofort htnter Werbach gegen die

Bald tritt eine zweite feindliche Batterie auf;
betde Batterien stehen aber vollkommen gedrckt und
bieten den unsern ketn Zielovject, so daß gegen
die dominirende gedrckte feindliche Äufstellung daS
Verhältniß ein sehr nachtheiliges für unsere Arttl-
lerie setn mußte.

Nach länger andauerndem Geschützkampf muß
daher auch das Zurückziehen zuerst der Reservebat-
terte, dann der Brigadebatterie befohlen werden,
um solche nicht ganz gefechtsunfähtg werden zu
laffen.
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