Heidelberger Zeitung — 1866 (Juli bis Dezember)

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Wdtlberger Zcilung.

Nr>' 21S. D-nnerstag, 13. September

18««

Die Jahresterichte der großh. Landcs-Com-
miffäre über die Zustände und Ergebniffe der

innern Verwattnng für das Zahr 1865.

(Fortsetzun?,.)

8. Sittlichkeit.

а. Kreise Constanz und Villingen.

Besondere Mißstande in diescr Beziehung

werden nicht hervorgehoben, nur wird bcinahe
allerwärts die znnehmende Genußsucht der ar-
beitenden Bevölkerung als auf dcn ZerfaÜ dcr
Sittlichkeit mitwirkend bezeichuet. Jn Folge der
Untheilbarkeit der Hofgüter fiudet im BezirkS-
amt Triberg das Concubinat häufig statt. Unter
den aufgeführten Vergehen erscheint die Zahl
der Ehcenkränkungen sehr stark Unter den
7749 geborenen Kindern waren 1.574 unehe-
liche, mithin 20,i pCt.; (im AmtSbezirk Ue-
berlingen 28, Radolfzell 12 pCt.).

d. Kreise Waldshut, Lörrach und
Freiburg.

Die unehelichen Geburtcn haben gegen das
Vorjähr ctwas abgenommen (wohl eiue Folge
der jetzt erlcichterten Eheabschließung); doch
sind sie irii Verhältniß zu andern Landestheilen
immer noch sehr stark,. z. B. in Bregenbach
4 unehcliche gegen 1 eheliches, Dittishausen 14
gegen 10, Hammereisenbach 8gegen2, Gutach
10 gegen 4, Oberglotterthal 9 gegen 9, Sie-
gelau 17 gegen 14. Jm Allgemeinen stehen die
Waldorte und die Fabrikdistrikte iu dieser Bezieh-
ung obenan. Von den Aemtcrn Waldshut und
Staufen wird über däs Ueberhanduchnierl des
Schnapstrinkens in Folge des theuern Weins
und schlechten Biers geklagt. Die Zahl der
Brändc beträgt 67, darunter 4 Waldbrände.

o. Kreise Karlsruhe, Bäden und
Offe nburg.

Etwas günstiger gestaltete sich das Verhält-
niß der unehelichen Gcburten gegen das Vor-
jahr, 18,090 eheliche zu 2,559 unehclichc, also
14,i pCt-, im Bezirk Wolfach jedoch noch 24,^7
pCt. Mehrere Acmter (Eltlingen, Gt^lgeubach)
erwähnen der Unsitte des'häufigen Besuches der
Wirthshäuser von Mädchen.

б. Kreise Mannheim, Heidclberg

und Mosbach.

Die meisten Bezirksämter erklären sich mit
den sittlichen Zuständen ihrer Bezirkc zufrieden.
Die unehelichen Geburten haben abgenommen,
sie betragen für den Kreis Mosbach 11,g, Hei-
delberg (ohne Entbindungsaustalt 11,g, Mann-
heim 13,z pCt. Uuter den Polizei-Uebertretun-
gen nimmt die Nubrik „Schlägereien, ruhe-
störender Lärm, grober Uufug" eine auffallende
Zahl in Anspruch, nämlich 1,839, darunter das
Bezirksamt Heidelberg mit 651, Mannheim mit
582.

9. Die Bezirksämter.

». Kreise Constanz und Villingen.

Die Geschäfte der Bezirksämter haben in
Folge der neuen Organisation eher zu- als ab-
genommen, hauptsächlich vcranlaßt durch die
Abhör der Gemeinde- und Stiftuugsrcchnun-
gen, sowie durch eine gründlichere Behandlung
vieler Geschäfte, namentlich aller von dem Be-
zirksrath zu erledigcnden Gegenstände. Als
Mißstand wird erwähnt, daß die gerichtlichen
Polizeianklagen bei der Verhandlung nicht von
der anklagenden Polizeibehörde selbst vertretcn
werden, weil es den Vertretern der Staatsan-
waltschaft häufig an der nöthigen Bckanntschaft
mit den polizeilichen Zuständen, den persön-
lichen uud örtlichen Verhältuissen fehlt.

Die Gesammtzahl der Bezirksräthe be-
trägt 72. L>ie haben sich beinahe ohne Aus-
nahme bewährt. Sie crledigteu in 109 or-
dentlichen und 9 außerordentlichen Sitzungen
184 verwaltungsgerichtliche Streitsachen und
681 Verwaltungssachen. Von ersteren waren
weitaus die größere Hälfte Streitigkeiten um

Bürgerrechtsantritt oder Aufnahme; in zweiter
Reihe kamen die Streitigkeiten über den Bür-
gergenuß. Das Znstitut der Bezirksräthe hat
sich bis jetzt vortrefflich bewährt. Die ergange-
nen Entscheiduugen dienen den Gemeindebe-
hörden bereits als Norm für ihre eigenen Ent-
schließungen. Um die Einzelthätigkeit der Be-
zirksräthe mehr zu beleben, wird vorgeschlagen,
einzelne derselben den Ortsbereisungen des
Amtsvorstanves anwohnen zu laffeu, und ihnen
die Ueberwachung des Vollzugs mancher bei die-
sen Ortsbereisungen getroffenen Anordnungcn
zu übertragen. Die öffeutlichen Verhandlungen
der Bezirksräthe sind fast nicht besucht.

Von den zur Abhör gebrachten 345 Ge-
meinderechnuugen wurde das Verfahren
bei 93 durch mündliche Erörterung erledigt.
Das mündliche Verfahren verdient nach Ansicht
des gr. Landes-Commissärs bei weitcm dcn Vor-
zug. Ju Bezug auf die in § 14 des Verwal-
tungsgesetzes vorgeschriebene Prüfung der Rech-
nungsbescheide durch die Bezirksräthe wird be-
merkt, daß diese Vorschrift nur dazu dienen
soll, den Bezirksräthen eine übersichtliche Dar-
stellung über deu Stand dcs Gemeindehaushalts
rc. zu geben.

Die bei den BezirkMmtern angezcigten Po-
lizeiübertrctunge n haben sich gegeu das
Vorjahr um 184 vermehrt, sie betrugen 1788.
Die Bürgermeisterämter (mit Ausnahme von
den Bezirksämtern Stockach und Donaueschin-
gen) wandelten 6,069 Anzcigen ab, 849Fälle
mehr als im Vorjahr, doch wird diese Zu-
nahme cincr pünktlichcren Führung der Polizei-
straftabellen zugeschrieben.

Die Dienstführung der von den Gemeinden
angestellten Polizeidiener läßt Vieles zu
wüuschen übrig, der Gruud liegt meistenö in
ihrem schlechten Gehalt.

Bei der Feuerpolizei wird bemerkt, daß 65
Feuersbrünste vorgekommen sind, die meisten
im Amt Villingen mit 15, Donaueschingen mit
10, Radolfzell mit 10. Außcrdem eutstandeu
noch 5 Waldbrände in dem einzigen Amtsbe-
zirk Engen. Dcr Brandversicherungsanschlag
aller Gebäulichkeiten in beiden Kreisen betief
sich auf 75,678,035 fl.

Die Rubrik über Gewerbepolizei gibt
Anlaß zur Bemerkung, daß die Aufhebung dcr
polizeilichen Taxen für Fleisch und Brod nir-
gends die beabsichtigten Vortheile gebracht hat.

Jn Bezug auf die Fcldhut bestehen in
manchen Gemeinden Klagen; die in mehreren
Amtsbezirken eingeführte Maßregel, wornach
außer den besoldeten Feldhütern noch andere
Bürger freiwillig und ohne Gehalt sich zur
Mitaufsicht über die Feldhut verpflichten laffen,
verdient Nachahmung.

b. Kreise Waldshut, Lörrach und
Freiburg.

Jn Bezug auf den Dienst im Allgemei-
nen wiro bezweifelt, ob die Vereinigung der
Nevision mit dem Negistratordienst sich bewährt.
Auch nach diesem Bericht haben sich die Ge.
schäfte der Aemter nicht vermindert. Ebenso
wird die Tüchtigkeit der Bezirksräthe constatirt;
ihre Zahl beträgt 114. Sie erledigten in 193
ordentlichen und 12 außerordentlichen L-itzun-
gen 344 gerichtliche u. 761 Verwaltungösachen.
Zur Conformität des Geschäftsgangs hatte der
gr. Landescommissär ein zweckmäßiges Generale
erlassen. Auch hier findet sich kein Publikum
bei den öffentlichen Sitzungen ein, während die
Schöffengerichtssitzungen gewöhnlich besucht sind.
„Es fehlen die Scandale", wie sich der Bericht
ausspricht.

Jn Bezug auf die Polizeiverwaltung
wird bemerkt, daß wir Bezirkö- und ortspoli-
zciliche Vorschriften in Füllc haben, daß viele
aber geduldig auf dem Papier stehcn und des
Vollzugs vergebens harren, weil eben Bestim-

mungen aufgenommen sind, welche dcn bestehen-
j den Zuständen widerstreben, das Hcrgebrachte
abschaffen und Mißbräuchen entgegentreten,
welche durch langen Gebrauch das Bürgcrrecht
erworben haben. Da hängt das Meiste von
der Energie der Ortspolizeibehörden ab.

Die Strafrechtspolizei ist, da die Angeklag-
ten einsehen, daß sie bei deu schöffengericht-
lichen ^Aburtheilungen selten durchdringen und
die öffentlichen Verhandlungen scheuen, durch
die bedingten Befehle im WesentlichHr in den
Händen der Aemter. So haben von 6382. An-
geschuldigten nur 127 ein amtsgerichtliches Ur-
theil verlangt.

Der Bericht klagt gleichfalls über die Thä-
tizkeit der Ortspo lizeidiener, deren Durch-
schnittsgehalt in den Dörfern gewöhnlicher Art
jährlich etwa 42 fl, cheträgt.

Unter der Nubrik „Gewerbspolizei"
geschieht der hohen Preise des Brodes und des
Fleisches Erwähnung. „Zur Wiedercinführung
der Taxen ist es noch nirgends gekommen, in-
dem dic Gemeindepäthe den desfallsigen Atttrag
scheuen, die Beamten aber.sich passiv verhal-
ten, wohl weil sie nicht nach dem Odürm und
der Arbeit trachten, welche solche Taxirungen
im Gefölge haben. Das Publikum ist unwirsch,
aber es bleibt beim Alten."

(F<5dtsetzi,ng folgt.)

* Politische Ums^nu.

Heidelberg, 12. Septcmbcr.

Die „Darmst. Ztg." bringt unter dem 9.
aus Müuchen folgendcs Telegramm: „Se. Kgl.
Hoh. der Großherzog hat den Fricdcnsvertrag
mit Preußcn genehmigt und die Ratifications-
urkunde vollzogen." Der großh. Geh. Lega-
tionsrath Hofmann wird sich nun unverzüglich
zur Auswecksclung der ratificirten Friedensver-
träge von München nach Berlin begeben.

Die Verhandlungen über Berufung einer
Commission zur desinitivcn Regelung bczüglich
der Archive der Bundesversammlung und der
Bundesmilitärcommission werden zwischen den
Cabineten von Wien und Bcrlin gepflogen und
sind dem Vernehmen nach nun ihrem Äbschluß
nahe. Aus den Archivcn wcrden diejenigen
Acten, welche für eine oder die andere der biö-
herigen Bundesregierungen ein specielles Jn-
teresse haben, ausgeschieden und an dieselben
verabfolgt werden. Diejenigen Acten, welche
ein gemeinsames Jntereffe bieten, oder für
welche keine Anmcldungcn erhoben wcrden,
bleiben in den Archiven, welche wahrscheinlich
der Obhut der preußischen Negierung werden
übergeben werden.

Die diplomatischen Verbindungen zwischen
Bayern und Preußen wcrden nach nunmehr
erfolgtem Frieden demnächst wieder angeknüpft
werden. Ebenso werden auch der bayerische
Bevollmächtigte bei dem Ccntralbureau des
ZollvereinS zu Berlin, Oberzollrath Gerwig,
sowie die Bevollmächtigteu bei den verschiedenen
preußischen Provinzial - Stenerdirectionen auf
ihre Posten zurückkehren. Andererseits werden
auch die preußischen Bevollmächtigten bei der
bayrischen Generalzolladministration rc. dorthin
zurückkommen, so daß auch in Betreff der Zoll-
vereinSverhältniffe Alles wieder seinen gewohn-
ten geregelten Gang gehen wird.

Die letzten Occupationstruppen haben nun-
mehr Nürnberg verlassen und ist ihnen auch
dcr Landrath Krupka mit dem Personal des
Civilcommissariats gesolgt. Am 11. sollten die
ersten Abtheilungcn der frühern bayr. Garnison
wieder dort einrücken.

Wie der „Köln. Ztg." aus Dresden, 9. d.,
mitgetheilt wird, soll König Johann den Ab-
schluß eincs Waffenstillstandes mit Preußen in
Bcrlin beantragen lassen. *

Wie verlautet, soll der prcuß. Landtag bis
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