Heidelberger Zeitung — 1866 (Juli bis Dezember)

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Ueidklbrrgtr Ieilung.

M- 2LS. Dienstag, I« Octobcr 18««.

* Politische Umschau.

Heidelberg, 15. October.

Jakob Venedey tritt bekanntlich in dem
frühcren Wahlkreise Roggenbach'S als Candidat
auf. Jn einer Ansprache an die Wähler legt
verselbe sein politisches Glaubensbekenntniß in
folgenden Worten dar: Ob Sie mir Jhr Ver-
trauen schenken, mich zu Jhrem Vertreter wah-
len wollen, das ist Jhre Sache, zu entscheiden.
Gcwählt, würde ich in Jhrer Kammer nicht
anders handeln, als ich in einem dreißigjähri-
gen öffentlichen Leben gehandelt habe, ich würde
Freiheit und Einheit der Nation, Ehre, Wahr-
heit und Recht vertheidigen gegen Jedermann,
ob Minister oder radikales Oppositionsmitglied.
Jn ber brennenden Frage des Tages bin ich,
nachdem cinmal Deutschland in drei Theile zer-
riffen ist, für die zcitweiligc Organisation des
Südbundes, als Mittelglicd, als Brücke zwi-
schen dem Nordbund und dcn Deutschen in
Oesterreich, bis Preußen sclbst eine deutsche
Politik erlangt, dic deutsche Fahne erhebt, ein
deutsches Gesammtparlament will, und eine
deutsche Centralgemalt. -dcm Parlament verant-
wortlich für alle Regicrungshandlungen, an-
nchmbar findet; dann wollen wir freudig mit
Preußen gemeinsam die deutschc Einheit be-
gründen helfen."

Der Württemb. „Staatsanzeiger" meldet die
Pensionirung des Generallieutenants v. Baur,
Generalstahschefs des 8. deutschen Armeekorps,
„wegen körpLrlicher Dienstuntüchtigkeit".

Die LanMverwaltung des chcmaligen Kur-
fürstenthMls Heffen hat eine Verfügung dahin.
erlaffeus daß, nachdem jctzt Kurhessen der preu-
ßischett Monarchie einverleibt ist, die LandtagS^
wahien nicht mehr stattzufinden haben.

Das „Dresd. Journal" erklärt in offiziöser
Weise alle Zeitungsnachrichten über die Frie-
densverhandlungen für tendenziöse Erfindungen,
da die beiderseitigen Untcrhändler fich Schwei-
gen gelobt hätten. Die Vcrhandlungen hätten
jctzt wirklich begonnen, und der König von
Sachsen werde bei seinen Entscheibungen vor
Allem von der Rücksicht auf das Wohl des
Landes und von dem Wunsche bestimmt, den
auf dem Lande lastenden Druck möglichst ab-
zukürzen.

Das Berliner Telegramm des Wiener „Wan-
derer" über angebliche Demisfionsaussichten des
Ministeriums, sowic über die Erkrankung des
Kaisers, ist vollständig grundlos.

Jn den preußischen Lazarethen zählt man
gegenwärtig noch 13,000 Verwundete u. Kranke.

Der „Nordd. Allg. Ztg." zusolge gingen die

von der österreichischen Regierung gegen die
ungarischen Legionare ergriffenen Maßregeln
uichl über gewöhnliche Polizeimaßregeln zur
Ordnung hinaus; die österreichische Regierung
habe ausdrücklich erklärt, sie werde die Am-
nestiebestimmuug des Prager Friedens auf daS
Strikteste ausführen.

Wie aus Wien gemelvet wird, wird der
früyere König von Hannover eine neue Pro-
klamation erlaffen, welche zum Vertrauen aus
die Zukunft ermahnt.

Die „Wiener Ztg." publizirt den österreich.-
italienijchen Friedensvertrag und ein kaiserl.
Handschreiben an dcn Staatsminister Grafen
Belcredi, welches die dankbarste Anerkeunung
des Kaisers für den werchvollen Beweis von
Treue und edler Aufopferung, den die österr.
Völker in den verfloffenen unglücklichen Tagen
abgelegt, ausspricht. Der Staatsminister wird
deauftragt, dies zur allgemeinen Kenntniß zu
bringen, besonders auch den Landesvertretungen
bei deren nächster Versammlung mitzutheilen:
Der Kaiser erwarte die angeftrengteste Thätigkeit
aller Regierungsorgane, um die Wunden des
KriegeS zu heilen.

Von Unterhandlungen, welche die englische
Regierung rücksichtlich des Privateigenthums
des Königs von Hannover bei dem Berliner
Hofe angeknüpft haben soll, ist hier an unter-
richteter Stelle nichts bekannt.

Einem Berlchte aus Paris zufolge, hat die
belgische Regierung nach dem Lavalette'jchen
Circular, welches so durchfichtig Belgiens Un-
abhängigkeit bedroht, die Frage an das englische
Arbinet gerichtet, ob man eventuell auf deffen
Unterstützung zählen könne. Die Antwort soll
sihr befriedigend lauten; die englische Regie-
rung läßt durchblicken, daß sie eintretenden
Falls energisch für BelgienS Selbstständigkeit
einstehen werde.

Jn der Waffenfabrik von Tulle hat die frattz.
Regierung 50,000 Chasiepotgewehr bestellt.
Aehnliche Bestellungen sind, wie ein Journal
von Tulle, „le Correzien" meldct, bereits an
andere kaiserl. Waffenfabriken ergangen.

Die italienischen Truppen haben bei den Er-
eigniffen in Palermo 7 Offiziere todt und 27
vcrwundet verloren. Die Zahl der getödteten
und verwundeten Soldaten beläuft sich auf 332.

D e u t s ch l a n d.

-j-* Karlsruhe, 14. Oct. Die Commission
der zweiten Kammer, welche mit der Berichter-
stattung über die von der Regierung vorgeleg-
ten Vcrträge über Waffenstillstand- und Frie-
densschluß bctraut ist, hat den Abgeordneten

Obkircher zum Referentcn bestellt. Selbst-
verständlich ist an der Sache nichts zu Lndern;
die Kammern haben cinfach zu gcnehmigen, was
nicht zu andern ist. Jn soweit licgt die Sache
einfach und hat der Bericht ledigkich die That-
sachen zu constatiren. Dagcgcn liegt die Auf-
gabe nahe, die deutsche Frage überhaupt zur
Sprache zu bringen. Jn dieser Beziehung liegt
in der Wahl des Berichterstattcrs eine bestimmte
Tendenz ausgesprochen. Denn der Abg. Ob-
kirchcr ist längst bekannt alö ein ganz ent-
schicdener Auhänger Preußens; auch soll das
von der bisherigen Majorität der Kammer auS-
gegebene Programm über die Lösung der dcut-
schen Frage ihn zum Verfaffer haben. DieseS
Programm schlägt vor: 1. den Anschluß an Preu-
ßen und den norddeutschen Bund mit allen
Mitteln zu erstreben; 2. biS zur Erreichung
dieseS ZieleS jede irgend möglichc Annähe-
rung Badens an Preußen und den uorddeut-
schen Bund, sowohl auf volkSwirthschaftlichen
Gebieten, als auch namentlich durch organische
Verbindung der militärischen Einrichtungen zu
suchen.

Dieses Programm verlangt demnach bedin-
gungslosen Auschkuß an Preußcn; die Einigung
mit diesem yusock mewe ist ihm die wahre
Lösung der deutschen Frage; cs stellt keine
Bedingungen im Jntereffe der Freiheit und re-
lativen Selbstständigkeit drr übrigen Staatcn.
Consequent muß eine solche Auffaffung noth-
wendig zuuächst zur willcnlosen Unterordnung
unter Preußen, und wiederum in Folge dieser
zu einem endlichen Aufgehen in Preußen süh-
ren. Ob eine solche Lösung der deutschen Frage
wünschenswerth ist, und ob sie im Sinne des
süddculschen Volksstammes und deS bad. Volkes
insbesondcre wäre, wollen wir jetzt nicht untersu-
chcn. JedenfallS dürftc die Sachc selbst in der
2. Kammer auf starken Widerstand stoßen; wie
wir erfahren, wird der Abg.Moll einen Gegen-
antrag stellen, auch von anderer Seitc soll dieS
bei den Verhandlungen geschehen. Letzterc wer-
den am künftigen Freitag beginnen, unv dürf-
ten von besonderem Jntereffe werden.

Freiburg, 13. Oct. Heute fand in
Breisach die Ncuwahl eines Abgeordneten zur
zweiten Kammer sür den dortigen Bezirk statt,
nachdem der seitherige Deputirte, Geh.-Rath
Dr. KnieS in Heidelberg, sein Mandat frei-
willig niedergelegt hatte; die Wahl fiel auf
Bezirksrath Stocker von Rothweil.

Aus Buden, 12. Oct. schreibt der „Schw.
M.": Eine neue Broschürc über die in Wien
geschriebenen Enthüllungen steht bevür, aber-
mals noch nicht die officiöse. — Dem Verneh-

Dom Bodensee. DaS fürstl. Fürstenbergische
Gchloß Heiligenberg, welches durch seine rei-

erhalten, den das erlauchte Fürstengeschlecht seit
Zahrhunderten bort mit sorgender Liebe gepflegt
und behütet hat. Am 7. October, dcm hohen Na-
mensfeste.der Fürstin Amalie zu Fürstenberg, geb.
Prinzesfin von Baden, wird das kolossale Stand-
hild des Grafeu Joachim zu Fürstenberg enthüllt,
welcheS in etner Ntsche deS neuen ThorbaueS ge-
genüber deS tm vorigen Iahr aufgestellten Stand-
bildrs des letztverstorbenen Fürsten Karl Egon zu
Kürstenberg setnen Platz erhalten hat. Das Modell
zu dem Kunstwerk ist auS der Mristerhand deS
BildhauerS F. H. Reich in Hüfingen hervorge-
gangen, der Guß in Goldbronze in der altbewähr-
ten Werkstatt der Gcbrüder Lenz und Herold in
Nürnberg meisterhaft gelungen. So treten künftig
brim Uebergang über die Schloßbrücke hte Stand-
bilder der beidrn Männer dem Besucher zuerst zum

freundlichen Willkomm cntgegen, deren einer daS
Schloß vor. nahezu 300 Jahren zur Perle von
Schwaben erhob, die bann der andere mtt finn-
voller Fassung zum schönsten Kleinod tm Fürsten-
bergischen Hausschatz gestaltete.

Zn Augsburg hat fick ein drolligeS Geschicht-
chen am Michaelistage zwischen einem Miether und
Vermiethrr zugetragen. Zn früher Morgenstunde
sandte Ersterer dem Letztern seinen schuldigen Mieth-
zinS in 54 halben Guldenstückchen in sinniger Weise,
in einem kleinen Blumentöpfchen auS Moos gebettet l
und mit etnem Blatt bedcckt, durch dessen Knaben
zu. Der Kletne fragte, waS in dem Topfe set, und !
der Miether machte Spaß und sagte: „ein großer
Wurm". Als nun der Knabe seinem Dater, der
noch nicht aufgestanden war, den mit Moos und
Silber gefüllten Scherben mit dem Bemerken, „er
habe einen großen Wurm", an's Bett brachte, ge-
bot der HauSbefitzer seinem Söhnchen, daß er dieS
sogleich in den Eanal zu werfen habe, wa« auch
grschah. Den andern Tag klärte fich vie Sache erst
auf, und mit Mühe, aber glücklicher Weise wurde
daS Geld zum Theile noch aufgefunden.

schaft ruft nun hinwieder dessen Kamilie vor Ge-
richt, um fie zur Rückzahlung der schon geieiste-
ten Summe verhalten zu laffen. Sie motivirt ihre
Klage damit, daß Linfreet, da er nicht sein Fahr-
billet bezahlt, nicht daS Recht hattc, den Zug zu
besteigen, somit auch nicht alS Eisenbahn-Passagier
der Gesellschaft getödtet worden sei.

Fast unglaublich plump find die Betrügereien, die
tn Amerika mit Lotterie-Loosen verübt werden. Die
Methode ist immer dieselbe. Man fttzt Loose einer
Lotterie, die gar nicht ertstirt, in Umlauf und for-
! dert den Einsatz.' Zahlt der Adreffat nicht, so er-
bält er nach einiger Zett die Anzeige, daß er
„200 DollarS' gewonnen hat, aber erst ben Gin-
satz decken muß, ehe der Eollecteur den Gewinn
sür ihn erheben kann. Zetzt zahlt er gewtß vnd
ist — betrogen.
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