Heidelberger Zeitung — 1866 (Juli bis Dezember)

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Die Wiener „N. fr. Pr " spricht ihre voll-
ständig gerechtfertigte Entrüftnng darüber auS,
daß der „Würt. StaatSanz." gesagt hatte, durch
die fravzösische Bermittelung würden die
deutschen Jnkreffcn gefördcrt.

Bom Kriegsschauplatz.

Vom nördt. Kriegsschauplatz,6 Juli,
wird der „Allgem. Ztg." geschrieben: „Wenn
Europa das ungeheure Elend sehen könnle, wel-
ches von derz Schlachtfeldern in Böhmen stch
im weiten Bogen durch Mähren bis Wien er-
streckt, so würden selbst die grimmigsten Feinde
Oesterrcichs durch die entsetzlichen Scenen ge-
rührt werdcn müffen, welche täglich, sa stünd-
lich sich dort abspielen. Langs der ganzen Nord-
b«hn bis Wicn liegen die Perwundeten haufen-
weise, dazwijchen versprengte, todtmüde Solda-
ten aller Waffengattungen, flüchtige Bewohner
Böhmens, Gepäck, blutige, zerrissene Uniform-
stücke, Geschütze, Wagen und Troß jeder Art.
Von einer ausreichenden Pflcge der Verwunde-
ten kann untcr solchen Umständen selbstverständ-
lich keine Rede mehr sein; man leistet. waS
man leistcn kann, aber das Unglück. welches
stündlich furchtbare Dimensionen annimmt, über-
steigt die menschlichen Kräfte. — Jntereffant ift,
was österr. Cavallerie Officiere über dic Ge-
fcchtSmekhode der preußischen Reilcrei crzählen-
Wo nämlich Cavallerie gegen Cavallerie stand,
erwartete dic preußische die Charge der öster-
reichischen stehcnden Fußcs. Wenn die Oestcr-
rcicher auf fünfzig Schritte herangcstürmt, er-
hielten sie aus den Zündnadelkarabiuern der
preuß. Reiter stets cine vollc Lage, welche je-
dcsmal die vordcre Reihe dcr Oesterreicher nie-
derstrecktc und auch in der Ticse des öslerrei-
chischcn Choks großeLücken riß. Diesen Augen-
blick der Verwirrung bcnfttzten die Preußen und
stürzten sich blitzschnell mit dem Säbel auf die
Oesterreicher. welche, durch die Haufcn todter
und verwundeter Pferde in ihren Bewegungen
gehindert, sich mcht wirksam vertheidigen
konnten."

Der „Frgncc" geht aus Berlin vom 9. d.
die Mittheiluug zu, daß auf die Nachricht, daß
80,000 Oesterreicher von der Südarmee bereits
bei der Nordaxmee eingetroffen stien, 60.000
Mann Landwehr von Preußen nach Böhmen
geschickt scien.

Horitz, 6. Juli. Die Garde-Anfnnterie,
welche zu Chlum lagcrte, ist heute Mittgg in
der Richluug von Pardubitz abgerückt. Heute
Abend um 5 Uhr hörte man eine starkc Kano-
nade in der Richtung von Königgratz. Man
vermuthet einen Angriff auf diese Festung.

Berlin (über Paris), 9. Juli Aus dem
Hauptquartier Pardubitz wird gemeldet: Die
Armee des Kronprinzen, welchc die Tetc der
Verfolgungscolonne bildet, ist bereits weit über
Pardubitz hinaus.

Zn Böhmen setzen die Preußen in den von
ihnen besetzten Landestheilen preußische Gerichte
ein. Jn Neichenberg, Nicmes rc. wird das Recht
bereits im Namen des Königs gesprochen; man
richtet sich also sür eine längere Occupation ein.

Gießen, 8. Zuli. Während bis gestern
Abend noch die Eiscnbahn nach Wetzlar unfahr-
bar war, ist sie in der verflossenen Nacht von
preußischen Pionieren und Jngenieuren herge-
stellt worden, und erwartct man jetzt stündlich
die Ankunft von 8- bis 10,000 Preußen.

Frankfurt, 10. Juli. Angesichts der man-
nigfachen beunruhigcnden, ja sogar vielfach aben-
teuerlichen Gerüchte, welche bei dem Wiederein-
treffen des 8. Armeecorps in hiesiger Gegend
unsere Stadt durchziehen, haben wir uns be-
müht, von officieller Seite Mittheilungcn zu
erhalten, welche dic Bevölkerung über den wah-
ren L-achverhalt aufzuklären geeignet sind. Wir
erfuhxen denn hierbei — in einer, wie bemerkt,
absolnt zuveriässigen Weise — das Folgende.
Das 8. Armeecorps war istFolge yerschiedener
ungünstiger Ereignisse im Lause der verflossenen
Woche (Ereigniffe, welche von dem Befehlsha-
ber unabhgugig waren, indem ste, zum Theil
wenigstens, mit den Erfolgen der Preußen wi-
der die Oesterreicher und Bayern zusammenhin-
gen) zum Aufgeben scines zuerst festgesteflten
OperationSplqucs genythigt, und mußte schleu-
irigst die Vertheidigung der Mainlittle., auf
welche Preußen gegenwärtig anzurücken droht,
sichern. Die Truppen des 8. Armeecorps sind

daher sämmtlich schlagfertig in den betreffenden
Positionen aufgefteül worden, um nicht allein
mit ungeschwächler Krast dem seinvlichen An-
griff begegnen, sonkern im Verein mit Bayern
alsbatd selbft die Offensive ergreifen zu können.
Jnsbesondere soll Frankfurt und Mainz mit
aller Encrgie vor einem Ueberfall geschützl wer-
den, und wäre es hiernach im höchsten Grade
wünschenswerth, wenn in bcr Haltung nament-
lich der hiesigen Bevölkerung das Obercommando
diejenige Unterftützung sände, welche in einer
so schweren Zeit, wie die gegcnwärtige, absolut
nothwendig erscheinl. (Poftztg.)

Krankfurt, 10. Julr. Das Bundesarmce-
corps des Prinzen Älexander von Hessen zieht
sich weitcr südlich zurück. Gießen ist wicder ge-
räumt -und von Preußen besetzl. Das Haupt-
quartier des Prinzen befindel stch im Augen-
blick in Bornheim, 5 Minuten von Frankfurt.
Die Vorposten sind bis Friedberg vorgeschoben.
Frankfurt uud Umgcbung wurden gestern durch
massenhafte Einquarlierung überrascht. 100 bis
200 Mann bei einem Quartiergeber gehören
nicht zu den Seltenheilen. Uebrigetts verköstigen
sich die Truppen saft durchschnittlich jelbst.
Strapaziöse Märsche, anhaltendes Regcnwetter
und lnsbejondere die defensive Haltung des Ar-
meecorps, haben den früher bemerklcn frischen
KriegSmuth mindestens nichl erhöhl.

Müncden, 10. Juli. Die „Bayer. Ztg."
meld?t: Preußische Cavallerie hal in der Gegend
von Rehau die Grenze überschrilten. Auch bei
Brückenau und Hitders sind bie Preußen vor-
gerückt. Gestern Gesecht zwiscHen Kissingcn und
Brückenau; die Preußen zurnckgedrängl; alle
Höheu von Kissingen von den Bayern besetzl.
Das Hauptquarlier sollle heutc nach Münner-
stadt gehep.

DaS 8. Bundes-Armeccorps hat gestern ent-
schieden da^nus verzichlet, sich mit der bayeri-
schen Axmcc zu vcreinigen und ist gegen Frank-
furt zurückgekehrt.

Zwischeu Prag und Pilsen keine Preußen.

Endlich euthält die „France" ein Telegramm
auö Floreuz vom 9. d., dühin laulend: Cial-
dini rückt vor. Es-wird versicherl, daß die
Oesterreicher bereils einen Theil ihrer Streit-
kräflc nach Norden geschickt haben und deßhalb
nicht mehr daran dcnkcn können, das Festungs
viereck zu vcrtheidigen. — Cialdini marschirt
auf Verona. Man sagt, in wenig Tagen werde
diese Festung von den Ztalienern besetzt sein
und wenn die Jtaliener daS Viereck inne HLtten,
würden sie sich aus der nördlichen Linie sest-
setzen.

D e u t f ch t «r n d.

4 Pfd. vom Centner DrlUl^geMchr. — Das Gesetz über
das Budaer der Badanstalren für 1866 iinh 1867: Ein-
nabme 1866 : 382,102 fl., 1867 332,102 ü.; AuSqaben
im ordemUchen^Eiar für 1666 163.750 fl.; für 1967:

Malzach^ in Basel wnrde unker seiner Ernennung zum
Post- und Bahnverwalter die Pdst- und Eisenbahnerpe-
^ition Hauscrch ^i^el^a^i^ ^i^a^sprakl^^

mifsär bei dem Haupchuartierdes L dkuts'chen BundeS-
armeLcorps wurde bestätigt. — Jn dem Königreich Wür-
temberg wurde der Berrag der Uebergangssteuer für ge-

wüttembrrg. Simri ermäßigt. — Verordimng über die
Steuererhebung sür 1866 und 1867. Zür jedeS dieser
Jahre wird erhoben: Grund-, Hänser- und Geiällstmer
von 100 st. Steüerkapiial 19 kr. ; Gewerb- und Klasien-
steuer 23 kr.; Beförderungssteuei- 6 kc.; Küpilaisteuer
6 kr.; Flußbauqeld der Bveinorte 4 kr.; an Webeu-
Msien 2 kr^; DammbaftbHträge nach dcn von der zu-
ständigen Behörde genehmigten Anschlägen.

* Aus Baden, 4. Juli. Es kann nicht

genug vor Denen gewarnt werden, welche den
I jetzigen Krieg zu emem Rasscnkrieg zwischen
> Süv und Nord ftempeln möchten. Durch alles
! Blutvergießen hindurch muß unantastbar der
j Gedanke getragen werden. daß alle deutschen
Stämme gleichbercchkigt find, daß trotz unseres
augenblicklichen Gegenüberstehens die Preußen
dennoch deutschc Stammesgenossen sind. Wir
kämpfen ja kcinen VernichMngskrieF gegen das
preußiiche Volk, wir sind nur einem Gebot der
Nothwendigkeit folgend in den Kampf einge-
trcten, um die bnndeSbrüchige preußische Re-
gierung zur Umkehr zu bewegen. Vergeffen
wir auch nicht, daß die äußere Veranlassung
des Kampses die war, daß man den bedrohten
Bundesmilgliedern Sachsen, Hannover u. s. w.
die angerufene Hiksc des Bundes gewähren
wollte. Wer dem Kampf unedle Gründe nnter-
zuschieben sucht, wer den Haß gegen Nord-
deutschland schürt, der leistet dem Varerland
schwerlich einen guten Dienst. Wir Deutsche
wollen aM)em festhalten: es ist Jeder, der fällt,
ein tief beklagenswerlher Verlust, hüben wie drü-
ben! So die Breisg. Ztg., deren Worte wir voll-
ständig billigen. Jndem wir aber unsern seit-
herigen Standpunkt der preußischen Vergewal-
tigungspolilik gegenüber uNverrückt fest halten,
bekennen wir wiederholt, daß unsere Partei-
nahme nicht gegen das preußische Volk gerichtdt
ist. Nur mit der gegenwärtigen Blut- urtd
Eiscnpolitik der preußischen Regieruug, der Ur-
jache namenlosen Elends, wsslche schon jetzt
Tausende der edelsten Söhne zur Schlachtbank
geführt, werden wir uns nie cinverstandcn er-
klären, mit Freuden aber den Augenblick be-
gnrßen, wo das preußische Volk, den einzig
wahren Weg zu seinem Heil erkennend, stch
mit der deutschcn Nation verbindet und die
dentschen Jnleressen ;u den seinen macht.

Baden-Baden, 10. Juti. Man liest
gegenwärtig m den öffentlichen Blättern häufig
Fälle von Entdeckung angebltchcr Spione. Mei-
stens ist nkchrs an der Sache. Einc neuerliche
Geschichte spielte Ende dcr vergangenen Woche
in Heidelberg und Kartsrude. Ein Beamter des
Verwakrungshyfes in Bruchsat von bundestreuer
unv österreichijcher Gesinnung unterhält stch am
Bahnhof in Heidelberg mit badischen Soloaten
setbstverstänvlich über Diwge, welche diese zn-
nächst angingen. Die Soloaten vermutheten in
dem Fremden einen gehekmcn Abgesandten des
Feindes nnd veranlaßten, daß Anstallen zur
Verhaftung defselben gelroffen wuroen. Da dcr
Zug uach vem Oberland bereils abgefahren
war, wurde der Telegraph in Bewegung gesetzt.
Jn demselben Conp^ besand sich cin Kaufmann
aus Rotterdam Namens K., dessen Reisezrel
Baden-Baden war, wo seine Familie sich auf-
hielt. Jn Bruchsal stieg der Verwaltungsrath
unbehelligl ans. Der Kausmann fuhr weiter,
war abcr nicht wenig erstaunt, aks man ihn
in Karlsruhe zum Aussteigen nöthigte und vor
den Polizeibeamten führte. Wcnn es ihm nicht
gclungen ware, die Unvcrdächtigkeit seiner Per-
son nachznweisen, vielleicht säße er heute noch
unter Schloß und Riegel.

. Frankfurt, 6. Zuli. Sehr viele Lngstliche
Gemüther haben sich in der Schweiz einen Som-
meraufenthalt gesichert. Die Main-Neckarbahn
hat gestern einen schweren Reisezug befördert,
lauter Geldaristokratie, welche Haus nnd Hof
verläß'. nm in dcn Bergen der Schweiz die
Landluft und den Frieden zn genießen. — Die
„Frkf. Postztg." ruft den französischen Kaifer
als Beschützer der deutschen Bundesstadt an.
Man lese und staune: „Eine momentane Be-
setzung der hiesigen Stadt durch preußische Trup-
pen liegt nicht außer der Grenze drs Möglichen,
doch vürfte dcn sich bereits zeigenven Besvrg-
niffen der Einwohnerschaft gegenüber daran er-
innert werden, daß der mächtige Mvnarch, wel-
chem jetzl die Vermittterrolle zugefallen ist,
schwerlich feindliche Maßregeln gegen Bundes-
stadt und Bundesbehörde zulassen wirv, deren
ganzes Verbrechen darin besteht, Sitz deS Bun-
des und von förderätiver Gesinnnng beseelt zu
sein — da er die AufrechthMung des Bundes
als durch die Völkerverträge' garantirt, bisher
bei allen Gelegenheiten als Programm ausge-
sprochen und beim Bünde eine diplomatifche
Vertretung eingesetzt hät." So gedruckt zu
Frankfurt a. E im Jahr deS Heils 1866,
den 6. Juli!
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