Heidelberger Zeitung — 1866 (Juli bis Dezember)

Seite: 127
DOI Artikel: DOI Seite: Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/hdtz1866a/0127
Lizenz: Public Domain Mark Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
Ueidtlbkrger Itilung


Samstag, 4 August

«8K«.

eingezeichnet werden müssen, daß mit dem Kriegs-
system nach der alten Weise oder gar mit Hee-
ren, die nur aus dem Papiere stehen, nichts
ausgerichtet werden kann, und daß sich an die
Kopflosigkeit und.Sorglosigkeit in der Lejtung
auch bei aller Geschultheit der Truppenmassen
unausbleiblich ein Mißerfolg der ausgewendeten
Krafte und Mittel anknüpft. Wir begrüßen auf-
richtigen Herzens die Heimkunst unserer jungen
Krieger, und freuew uns des rühmlichen Zeug-
nisses von Muth und Ausdauer, das sie sich
erworben habcn. Möge der Friede nahe sein
und dem Lande gute Früchte bringen! Das
aufrichtige Gefühl, das stch in diesen Worten
kundgibt, beseelt Allc. An eine Bergrößerung
unseres Landes auf Kosten eines Nachbarstaats
denkt bci uns Niemand im Ernstc, und es ist
unserm edlen Fürsten so wenig alö dem Lande
gedient, wenn man die Vorsicht so weit vergißt,
ehrgeizige bis auf Nangerhöhung hinaüfge-
schraubte Plane vor die Oeffentlichkeit zu brin-
gen, während man sich dankbar damit begnügen
sollte, wenn daö Bestchende erhalten, der Wi-
derstreit dcr Meinungen mehr ausgeglichen und
unser Volk in allen seinen Schichjen durch zu-
nehmende politische Reife bei allem Bewußtsein
der Güter, die es besitzt, gehoben und gekxäftigt
wird.

* Politische Umschau.

Heidelberg, 3. August.

Die Berliner „VolkSzeitung" setzt ihre Be-
mühungen gegen eine Trcnuung von Nord- und
Süddeutschland und fnr die deutsche ReichSver-
fassung in anerkennungswerther Weise fort.
Dem neuesten Leitartikel entnehmen wir fol-
gende Schilderung der auch für Preußen höchst
traurigen Folgen, welche daraus auch für Preu-
ßen entstehen müßten, wenn sich Preußen auf
einen norddeutschen Bund beschränken wollte.
Die betreffenden Stellen lauten wie folgt: „Wie
die' Dinge gegenwärtig liegen, stehen uns einige
Annexionen in AuSsicht, welche die Abrundung
Preußenö im Norden Deutschlands bewerkstel-
ligen. Wie weit dicse Abrundung gehen wird,
ist zweifelhaft; allein alS gewiß kann man an-
nehmen, daß sie schon an Sachsen ihre Grenze
finden und kaum den südlichen Theil Kurhessens
in sich einschließen würde. Wie wesentlich aber
auch die Vergrößerung Preußens hiernach wäre,
es bliebe doch immer nur dicses vergrößerte
Preußen ein buntes Territorium, das viele kleine
Staaten einschließt, welchen man die Selbststän-
digkeit garantirt hat. Mccklcnburg und Anhalt,
Oldenburg und einige thüringische Staaten wür-
den als Bundesgenossen, die nichl annexirt wer-

den, die Karte deS preuß. StaateS mit bunten
Flicken versehen und fogar die sogenannte Ab-
rundung insofern verhindern, als das hambur-
gische Gebiet im Verein mit Oldenburg und
Mecklenburg eine Trennung Preußens von Hol-
stein bildet. Sehen wir aber von diesem kleinen
Ungemach ab, das man wohl würde bewältigen
können, so bleibt immerhin die Nothwendigkeit
bestehen, neben den Annexionen noch ein bun-
desftaatliches Verhältniß mit den nicht annexir-
ten Ländern herzustellen, und wenn dies im
Norden Deutschlands bewerkstelligt ist, wiederum
auf ein Bündniß mit Süddeutschland zu sin-
nen, damit es nicht in Oesterrcich oder in Frank-
reich oder gar in einer Allianz mit Beiden seine
Stütze suche. .Lassen wir hierbei auch die poli-
tischen Gefahren unbeachtet, die möglicherweise
in zwei Jahren alle Erfolge des 'jetzigen Kriegs
wieder in Frage stellen könnten, so bleibt doch
immerhin die Thatsache bestehen, daß dicse Ver-
größerung Preußens eine Zerreißung Deutsch-
lands ist, daß diese die Sympathicn des deut-
schen Volkes nicht minder verletzen würde, wie
die Jnteressen der Höfe, und daß damit für
Preußen die Nothwendigkeit eintreten würde,
seine militärischen Anstrengungen im höchsten
Grade zu steigcrn und namentlich für die Ver-
werthung der maritimen Erwerbungen die Fi-
nanzkräfte aufsHöchste anzuspannen. Wir wür-
den damit also nicht die-Einheit, sondern Vie
Zerreißung DcutschlandS herbeiführen, und weil
wir Deutschland zerreißen, würden wir genö-
thigt sein, uns noch stärker zu bewafincn, und
die Pflicht haben, eine Seemacht aus eigene
Kosten, entsprechend dem weitsn und reichen
Seegebiet, zu fchaffen, das wir dadurch gewin-
nen würden. Wenn auch für die ersteZeit der
Annexions-Tcenen solch ein Resultat als ein
glorreiches ausgeschrien werden wird, so wird
.unzweifelhaft sehr bald der Tag kommen, an
dcm man sich fragen wird, ob der Gewinn cin
wahrer, ob der Erwerb ein sicherer,. ob die
Pflichten, welche der Zuwachs uns auferlegt,
in einem richtigen Verhältniß zu der Macht
stehen, die wir inne haben. Die Antwort auf
diese Fragen wird nach aller Vorausstcht nur
eine sehr unbefriedigende sein. Wie anders
aber, ja wie ganz anders gestalten sich die
Dinge, wenn wir die Neichsverfassung als Hiel
hinstellend!"

Durch eine Verordnung des preuß. Civil-
commissärs in Frankfurt a. M. wird dem „Miß-
brauch", daß bei einzelnen dortigen öffentlichen,
und namentlich bei Cassen von Verkehrsanstal-
ten daö preußische Papiergeld nur mit Verluft
angenommen wird, gesteuert und fämmtliche

Auf die „Heidelberger
Zeitung" kann man sich
noch für die Monate
Äugust und September mit 42 Kreuzern abon-
niren bei allen Postanstalten, den Boten und
Zeitungsträgern, sowie der Expedition Untere
Neckarftraße Nr. 13 v.

H Zeitbetrachtuugen.

I

NichtS thut in unserer Zeit mehr Noth, als
Versöhnung der Parteien. Die Ereignisie der
jüngslen Tage gingen ihren chernen Gang und
ließcn alle Bcrechnungen hinter sich. Auch die
Sieger hat dcr Erfolg überrascht. Den Besieg-
ten aber hat der Krieg in furchtbarer Weise die
Schäden des alten Systems bloßgelegt, und es
drängt darum der bevorstehende Friedensschluß zu
neuen Entschließungen und kräfligen Thaten, zu
denen Alle sich erheben müssen, wennihnen des Va-
terlandeS Wohl am Herzen gelegen ist. Mit Vor-
würfen und Beschuldigungen, >ie so Viele in
der Siegestrunkcnheit auszustoßen bereit sind, ist
nichts gethan. Jetzt gilt es, den durch die Jn-
lelligenz und die Waffentüchtigkeit errungenen
Sieg zum Vortheile für die deutsche Sache, für
die wir immer in die Schranken getreten sind,
auszunntzcn und für die Blüthe des gesammten
Vaterlandes, das ausschließlich der Leitstern un-
seres politischen Denkens und Strebens ift, das
Mögliche zu erreichen. Wir stimmen daher auch
den mit Ausnahme der ultramontanen und der
ultrademokralischen Partei erhobenen Antragen
auf ehrenv ollen Anschluß an die Macht, in de-
ren Hand sich jetzt thatsächlich dieGeschicke Deutsch-
landS besindcn, bei, weil wir in einer verfas-
fungsmäßig gcregeltcn Leitung derselben und
in dem längst erstrebten Parlämente, worin alle
Kräfte der Nation zur Erreichung des gemein-
samcn und gleichartigen Ziels sich einigen und
eine dynastisch-hochstrcbende und übergreifende
Politik ihr Gegengewicht finden würde, aller-
dings unser künftiges Hcil erblicken. Unscr en-
geres Vaterland ist von den Drangsalcn des
Krieges größtentheils verschont geblieben, wenn
wir cs auch bedauern müssen, daß desscn Gei-
ßcl in der Schlußepisode des blutigen Dramas
am Maine u. derTauber hart genug auf einigen
Gegenden deffelben gelastet hat. Aber man hat
in verschiedenen Kreisen aus der Führung die-
scs Kriegs Manches lernen können, und gerne
wollen wir uns dem Glauben hingeben, daß
die dargebrachten und vielleicht noch darzubrin-
genden Opfer für die Wohlfahrt des Ganzen
nicht verloren gehen. Mit feuriger Schrift wird
es insbesondere in die Annalen der Geschichte

Der atlantische Telegraph.

Ein Freudenruf durchschallt dte ganze Welt!

Die Siegeshymne tönt uns froh entgegen!

Dte Säule Volta's sei zum Prets gestellt
Der Wissenschaft für ihren reichen Segen!

Das größte Werk tst herrlich nun vollbracht!
Schon längst hat sie dem ZeuS den Blitz entrungen!
Jetzt ist besiegt des Fluthengottes Macht,

Denn auch Neptun, der mächt'ge, ist bezwungen!

Durch sein Gebiet, den weiten Ocean,

Läßt er ein Herr von lichten Geistern ztehen!

Den Silben-Sckaaren brachen off'ne Bahn
Galvani'S kräft'ge Friedens-Batterteen.

Das wunderbare Riesenwerk, es krönt

Mit höchstem Ruhm dteS rtngenbe Jahrhundert,

Die Völker steh'n erstaunt, entzückt, versöhnt,

Ahr GentuS den schönsten Sieg bewundert!

Drr große Sieg vollbringt noch höhere That;

Er führt und drangt die Menschheit fröhltch weiter!
Zum Feuernerv wird der belebte Draht,

Zum Götterboten der metaü'ne Leiter! —

Nun sendet durch drs Weltmeer's Guß,

Von Eanada's so weit entlegnem Ufer,

Die neue Welt uns ihren Schwestergruß,

Wir hören geistig ihre Vivat-Rufer!

Nun jauchzr der Katarakt am Erie-See
Jm Donnerfall' und schaumumhüllten Fltehen:
Mein Bruder Rhetn, grüß deine süße Fee,

O, mich bezaubern ihre Melodieen!

Beseligt, wie im hochentzückten Traum,

Frohlockt die Menschheit zu des Himmels Sternen
Entschwunden ist auf meinem Ball der Raum,
Nur ihr alletn, ihr Freunde, bleibt dte fernen!
Amerika, das Recht gabst du dem Sclav,
Europa's Wohl mit Edelmuth erwäge!

Die Btlvung förd're unser Telegraph,

So wie die Freiheit srine Funkenschläge!
Hagen. ^_ Ed. Schulte.

Mitteldeutscher Kriegsschauplatz.

Vom 27. Iuli, AbendS, an war thatsächliche
Waffenruhe in der Würzburger Gegrnd, welche
erst am 30. in eine rechtlich abgeschloffcne mtt

24stündtger Kündtgungsfrist verwandelt wurde, und
zwar zwischen der Armee Manteuffels und dem 7.
und 8. Ärmeecorps. Dagegen wurde nach der
Bayer. Z. erst in der Nacht vom 30. —31. Juli
vom bayer. Kriegsmtnisterium der Oberstlieut. Roth
mittelst Ertrazuges nach Bayreuth entsendet, um
auch bezüglich der unter dem Befehl deS Großhrr-
zogs von Mecklenburg stehenden Truppen sofortigen
Eintritt der Waffenruhe und Stillstand aller milt-
tärischen Bewegungen zu bewirken. Daß diese Sen-
dung zu spät erfolgte, daß man bayerischerseitS
versäumt hatte, wte mit General Manteuffel, so
auch mit dem Großherzog von Mccklenburg, der
eine andere preußische Armee selbstständig comman-
dtrt, über dte dem Waffenstillstand vorausgehende
Waffenruhe zu unterhandeln, hat die bayerische
Armee noch schwere Verluste gekostet. „DaS 4. Ba-
taillon deS bayer. Jnfanterie-Leib-Regtments er--
fuhr auf dem Marsche nach Bayreuth vor den Tho-
ren der Stadt die Besetzung dieser Stadt durch die
Preußen. Dte Bayern mußten annehmen, daß,
nachdem Waffenruhe (aber nur am Main) einge-
trrten, ein Vorgehen der Preußen nach Bayreuth
nicht mehr stattstndeu konnte; die preußischen Lom-
loading ...