Heidelberger Zeitung — 1866 (Juli bis Dezember)

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Ueidelbergkr Ieilung.


Samstag, 18 August


N5 183

* Polilische Umschau.

Heidelberg, 17. August.

* Die Parlaments-Session in Eng-
land hat vor einigen Tagen ihr Ende erreicht,
jedoch die Erwartungen, die wir in sie sctzten,
im Ganzen nicht befriedigt. Jn gesetzgeberischer
Beziehung war sie lange nicht so productiv, als
man gehofft hatte; dagegen war sie nicht ohne
politische Ueberraschungen und neue Partei-
combinationen. Das Jnteresse des Partei-
kampfes concentrirte sich ganz in den Vcrhand-
lungen des Unterhauses, und war vorüber, als
die betreffenden Geschäfte das Oberhaus er-
reicht hatlen. Jm Unterhause erregte besonders
die Uebernahme der Führung durch Hrn. Glad?
ston großes Jntereffe. Einen Palmerston zu
ersetzen, war er jedoch nicht im Lrtande und es
wird die Tactik der Führung seiner Partei von
dieser selbst vielfach getadelt. Ebenso großes
Jntereffe erregte der Eintritt des bekannten
Socialisten und Radicalreformers Stuart Mill
in das Unterhaus. Die ganze Session war
wesentlich der Parlamentsrcform gewidmet.
Dieser hochwichtige gesetzgeberische Act ist aber
zu, keinem cndgültigen Resultate geführt wor-
den, obwohl ein hiezu eingebrachteS Amende-
ment, welches mit 11 Stimmen Mehrheit vom
Unterhause angenommen wurde, dem eine Reihe
von Jahrcn hindurch bcstehenden Whigministe-
rium ein Ende bereitete. Durch Lord Russells
Rücktritt vom Amte wurden die Verhandlungen
des Parlaments factisch vom halben Juni bis
zum halben Juli unterbrochen. Lord Derby
hat alsdann bekanntlich von der aus Schott-
land zurückkehrenden Königin den Auftrag er-
halten, aus seinen Anhängern ein neues Mini-
sterium zu bilden. Es hat dieses Toryministe-
rium auf das Bestimmteste erklärt, in den con-
tinentalen Angelegenheiten eine strenge Neu-
tralität zu wahren, und Gladstone hat bei dieser
Gelegenheit eine kräftige Nede für die italie-
nische Unabhängigkeit und deutsche Einheit ge-
halten. Dic Session schloß mit Discussionen
über Finanzen, über die Unruhen in Jamaica
und .Aufhebung der Habeas-Corpus-Acte in
Jrland. Die nächste Session wird jedenfalls
den Reformkampf erneuern, und in Betreff
deffen vielleicht Entscheidendes bringen.

Die officiöse „Nordd. Allg. Z." spricht sich
über die Schicksale einiger der von Preußen
occupirten Länder wie folgt aus: „Mit der
Ernennung des Generals v. Voigts-Rheetz zum
Gouverneur von Hannover tritt die preußische
Verwaltung dicses Landes in eine neue Phase
ein. Es werden nun die Kräfte desselben und

namentlich die Beamten wohl in ernstlicher
Weise zur Erfüllung der Staatszwecke heran-
gezogen werden, und die Beamten werden sich
über ihre Stellung zu Preußen entschieden zu
erklären haben. Ein Zweifel über ihre Pflich-
ten kann ihnen um so weniger bleiben, als
ganz Hannover sich in preußischem Bcsitz be-
findet. Eher lassen solche Bedenken bei dem
Beamtenstand in Oberheffen sich erklären, da
das Großherzogthum Hessen nicht in seinem
ganzen Umfange von Preußen occupirt ist;
doch wird die prcußische Regierung darum nicht
dulden können, daß die oberhessischen Beamten
sich als Organe der Regierung von Hessen-
Darmstadt zu betrachten sortfahren. Jn Naffau
haben die preußischen Behörden vollständige'
Anarchie vorgefunden. Alle Kaffen waren leer,
der Herzog hatte alles bewegliche Staatseigen-
thum mit fortgenommen, namentlich 1 Million
Gulden in Werthpapieren, für 300,000 Gulden
Wein und auch die Landesgestüte. Der bürger-
liche Kern der Bevölkerung Nassaus hofft mit
großer Entschiedenheit auf die Einverleibung
des Landes in Preußen, nur die österreichisch-
gesinnte Hofpartei sträubt sich dagegen. Man
kann jedoch überzeugt sein, daß, wenn die Ver-
einigung mit Preußen erst ausgesprochen ist,
gerade in Nassau Alles sich leichter wird ord-
nen laffen, als irgendwo.

Trotz des „Vae viotis" des Hrn. v. Varn-
büler schcint Würtemberg von allen Staalen,
die mit Preußen Krieg geführt haben, am besten
wegzukommen; aber nicht wegen eigenen Ver-
dienstes, sondern in Folge verwandtschaftlicher
Verwendung. An Gebiet verliert es nichts,
und Kriegsentschädigung zahlt es bloß (so l) acht
Millionen Gulden; außerdem 600,000 fl. für
das Vergnügen, Hohenzollern cinige Wochen
als erobertes Gebict behandclt zu haben. (Die
„Krcuzztg." gibt letztere Summe auf 400,000
Thaler an, und fügt hinzu. daß auch das
Großherzogthum Heffen es übernommen habe,
eine Contribution von 7 Millionen Gulden zn
zahlen.) (Vergl. Stuttgart, 15. Aug.)

Die von den „Heff. Volksbl." gebrachte Nach-
richt, daß es dem Minister v. Dalwigk gelun-
gen sei, die Provinz Oberheffen bei dem Groß-
herzogthum Darmstadt zu erhalten, ist nach
eingelaufenen dirccten Nachrichten wenigstens
verfrüht. — Die oberhessischen Beamten sind
von dem Ministerium autorisirt worden, den
von Preußen geforderten Nevers zu unter-
schreiben.

Wie die „Köln. Ztg." mittheilt, wäre die
Veranlassung der Unterbrechung der Friedens-
verhandlungen zwischen Preußen und Bayern

18««

in der Höhe der Kriegskosten (angeblich 20
Mill. sl.) und in Gebietsabtretungen am rech-
ten Mainufer (theilweise Entschädigung des
Großherzogthums Heffen durch pfälzisches Ge-
biet) zu suchen.

Die „Bayer. Ztg." ist — den Aeußerungen
öerschiedener Blätter entgegen — im Stande,
zu versichern, daß die bayrisch-preußischen Frie-
densunterhandlungen ihren ununterbrochenen
Fortgang haben.

Zwölf bayerische Blätter haben sich bereits
gegen eine Trennung SüddeutschlandS aus-
gesprochen. Die ultramontanen Blätter sind
für die Trcnnung.

Nach der „Pfälz. Zeitung" soll die Festung
Landau dem Vernehmen nach geschleift werden,
da Bayern ohnehin genug Fcstungen zu besetzen
und zu unterhalten habe.

Jn Kurheffen ist die öffentliche Feier des Ge-
burtstages des Kurfürsten (20. August) von
dem preußischcn Generalgouverneur v. Werder
und dem Administrator v. Möller verboten
worden, da — so heißt es im Verbot — zu
besorgen steht, daß die öffentliche Feier zur Er-
regung von Unfrirden im Lande führen würde.

Aus Trautenau bringt die „Kreuzzeitung"
einen Bcricht, wonach die oft erzählten Schand-
thaten der Bevölkerung gegeN preußische Sol-
daten erdichtet sein sollen.

Jn der nächsten Sitzung des preußischen Ab-
geordnetenhauses wird die Annepionsvorlage
eingebracht werden.

Das Reuter'sche Bureau sagt: Preußen hat,
in Erwiederung auf den französischen Vorschlag
bezüglich einer Grcnzberichtigung, erklärt, diese
Grenzberichtigung sei unannehmbar. Der Kaiser
soll crklärt haben, die öffentliche Meinung habe
ihn bestimmt, diesen Wunsch auszudrücken, den
er als gerecht betrachte; aber er erkenne auch
die Gerechtigkeit der Gründe Preußens an. Das
gute Einvernehmen zwischen Preußen und
Frankreich werde in keinem Fall unterbrochen
werden. Schlicßlich drückte der Kaiser die Hoff-
nung aus, daß Preußen die Mainlinie nicht
überschreiten werde.

Auch das officiöse „Pays" tritt heute den
Gerüchten entgcgen, daß FraNkreich von Preu-
ßen Gebietsabtretungen verlangt habe und ter-
ritoriale Aenderungen zwischen Preußen, Hol-
land, Belgien und Frankreich beabsichtigt wären.

Nach der „Bresl. Z." ist der vielbesprochene
Brief dcs Generals v. Blumenthal, Chef des
Generalstabes des Kronprinzen, den die Oester-
reicher aufgefangen haben wollen, apokryphisch
in Wien fabricirt und von dort in alle Welt
geschickt.

Wien, 10. August. Bei der militärischen
UntersuchungScommisston in Wiener-Neu-
stadt soll nach der „Köln. Ztg." folgender Fall zur
Sprache gekommen sein. Ein österreichischer Tele-
graphenbeamter, welchem es gelang, sich, kurz vor
dem Einrücken der Preußen in seine Station, mit
dem Telegraphen-Apparate zu flüchten und fich in
einem Gebüsche zu verbergen, bemerkte in seiner
Nähe den Draht eineS preuß. Feld-Telegraphen.
Er brachte denselben mit dem Drahte seines geret-
teten Apparates in Berbindung und fing auf diese
Weise eine Depesche ab, in welcher Köntg Wilhelm
dem Kronprinzen die genauen Dispofittonen zur
bevorstehenden Schlacht bei Königgrätz übermittelte.
Diese wichtige Depesche überbrachte der Telegraphist
noch rechtzeitig dem Feldzeugmeister Bencdek. Letz-
terer aber soll, nachdem er einen flüchtigen Blick
auf daS Papier geworfen, dasselbe in den Papier-
korb geschleudert und unwilltg ausgerufen haben:
„Lassen Ste mtch mit solchem unnützen Zeuge in
Ruhe!" Ein anderer Theil dteseS Verhörs soll fich
auf den Sohn des katserl. OberststallmeisterS Gra-
fen Grünne bezogen haben, der Adjutant Bene-
dek's war, neben ihm schwer verwundet wurde und

! drei Tage darauf starb. Jn dem Privatbriefe eines
! Eingeweihten findet fich über diesen Vovfall fol-
gende dunkle Andeutung: „Uebrigens hat derselbe
Schuß, welcher den Grafen Grünne an der Seite
Benedek's vom Pferde warf, sehr erheblich zu dem
unglücklichen Resultate der Schlacht beigetragen,
und wird daher wohl eine historische Bedeutung
erhalten." Die Aufklärung dteser räthselhaften
Worte bleibt abzuwarten. — Als Beweis, wie sehr
der österreichische Ober-Feldherr, der seinen Feld-
zugsplan äußerst geheim hielt, von Verräthern um-
geben war, wird folgender Fall erzählt: Beim Ab-
rücken cines preußischen Regiments aus Reichenberg
(Böhmen) vergaß ein preußischer Major in seinem
Quartier ein Buch. Als der Herr des Hauses
dasselbe öffnete, fand er, vaß es der vollständige
Feldzugsplan Benedck's sei, gedruckt in der Decker-
schen geheimen Oberhofbuchdruckerei zu Berlin (?).

(Einem Berliner Privat-Jrrenhause)
ward, wie das „Berliner Fr.- und Anz.-Blatt"
erzählt, in der verflossenen Woche erne junge schöne
Frau — die Wittw.e eineS Gutsbefitzers aus der
Umgegend von Stoikow — in rasendem Zustande

übergeben. Der Gemahl der Dame gehörte zu
Denjenigen, welche sich auf den ersten Ruf des
Königs zu den Fahnen stellen mußten. Schwer
ward den jungen Leuten, welche fich noch in den
Honigmonaten der Ehe befanden, die gegenseitige
Trennung, zumal da ihre Vereinigung erst nach
jahrelangen Hinderniffen stattgefunden hatte. Das
Verhängniß wollte es, daß dem jungen Manne bei
Königgrätz durch eine Kanonenkugel beide Beine
abgerissen wurden; Dank seiner kräftigen Eonsti-
tution überstand er jedoch die gräßliche Operation
und ward auf seinen und seiner Gemahlin Wunsch
nach seiner Heimath transportirt. Dteser Letztern
hatte man auf die schonendste Weise daS Unglück
ihres Gatten beigebracht, fie versprach, mit Faffung
sich in das harte Geschick zu ergeben — doch als
fie statt ihres blühenden Gemahls den abgezehrten
Numpf eines Sterbenden erblickte, »stieß fie ein so
gellendes Geschrei der Verzweiflung aus, daß der
in der höchsten Erschöpfung daliegende Kranke so-
fort verschied. Nun packten die Furien des Wahn-
finns das liebende Weib, und da alle privaten
Mittel nicht im Stande waren, fie zur Vernunft
zurückzuführen, mußte fie, wie erwähnt, nach einer
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