Heidelberger Zeitung — 1866 (Juli bis Dezember)

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R»' 1SS. Samstag. 23. August


18««.

* PoLitische Umschau.

Heidelberg, 24. August.

Das Contingent von Mecklenburg - Strelitz
wird in den nächsten Tagcn auf dem Kriegs-
schauplatz eintreffen. Jn den letzten Tagen soll
daffelbe bereits in der Gegend von Magdeburg
gesehen worden sein.

Zm preußischcn Abgeordnetenhause circulirte
heute das Gerücht von einer Neubesetzung der
Ministerien des Jnnern und der Justiz. Als
Nachfolgcr dcs Grafen Eulcnburg wurde in
sehr bcstimmter Weise Herr v. Rogzenbach be-
zeichnet.

Die von Neucm angcordncte Nachmusteruug der
preuß. Ersatz-Rcservcn aus den Jahrgäugen1835
bis 1843 hat vorläustg keincn andern Zweck,
als nur überhaupt die Frage der Diensttaug-
lichkeit der einzelncn Leute für eincn künftig
etwa einlretenden Fall des Bedarfs festzustellen.
Von cinem Eintvitl der als tauglich Erachkten
in die Armee, sowie von einer Ueberweisung
derselben an einen bestimmten Truppentheil ist
bis jetzt eben so wenig die Rcde, als eine Be-
stimmung über die Dauer der Dienstzeit ge-
troffen.

Gegcn deu Abgeordnetcn Dr. Joh. Jacoby
ist eine neue Anklage wegen Ministerbeleidigung
erhoben worden, welche in der durch ihn vcr-
anlaßten bekannten Königsberger Resolution
über den Krieg und die deulsche Frage enthal-
ten sein soll. Zum 13. L-eptember ist Jacoby
nach Königsberg zur Verhandlung darüber be-
schiedcn.

Die „Allg. Ztg." erfährt siber die Friedens-
bedingungcn mit Bayern Folgendes: Hessen«
Darmstadt verliert nicht Oberheffen, Bayern
nichts von dcr Nheinpfalz. Preußen verlangte
ursprünglich allerdings das ganze ehemalige
Fuldaische Gebiet und Kissingen, ist aber davou
abgegangen, zuletzt auch von Culmbach und
Hof. gegen eine Erhöhung der Geldsumme. Die
abzutretenden Gebietstheile sind sicherem Ver-
nehmen nach das Landgericht Orb, durch wel-
ches die künftig preußischc Fulda-Hanauer Bahn
läust, und das Bezirksamt Gersfeld. An Gcld
sollcn 30 Millionen Gulden von Bayern zu-
gestanden scin.

Ueber den Friedensvertrag mit dem Groß-
herzogthum Hefsen theilt die „Hess. Landesztg."
Folgendes mit: Mil Ausnahme des sogenann-
ten Hinterlandes, der Herrschaft Jtter, dem
Schwalmgrund uud Breidenbach .rc., bleibt die
Provinz Oberheffen beim Großherzogthum, wo-
für dasselbe aber durch andere Bezirke, u. a.
das Soolbad Nguheim, cntschädigt werden soll;

Die Gränzen Frankreichs von 1814.

Man weiß, daß der erste Pariser Frieden im
Iahre 1814 wesentlich auf der Grundlage der
Gränzverhältnisse von 1792 abgeschlossen wurde,
wonach Frankreich im Nordcn und Nördosten einige
Gebietstheile gegen die (damals vereinigten) N i e-
derlandc und den deu tschen Bund, sowie den
westlichen Theil Savoyens und des Nizzaner Ge-
biets gegen daS Königreich Sardinien behauptcte.

Jm zweiten Pariser Friedcn, welcher auf die
Niederlage bei Waterloo (vom 18. Juni 1815)
folgte, wurden die Verhältnisse von 1790 zu Grunde
gelegt, und die franzöfischen Gränzen auf den
minderen Umfang gebracht, welchen sie biS tn
1859 behielten.

ab, wie folgt:

Das Städtchcn Quivrain mit dem zwischen Cond6
und Bavay fich erstreckenden Gebiet.

Den südöstlichen Zipfel des heutigen belgtschen
Hennegau's mit den Städten und Orten Beau-
mont, Mcibe le Ehateau, Barbenxon, Chimay,

das Großherzogthum tritt aber ganz dem nord-
deutschcu Bunde bei. Als Kriegsentschädigung
für die 7 Millionen Guldeu soll das Oberamt
Meisenheim an Preußeu abgetreten werden.

Wie die „Steinitz-Angelst. Corresp." mittheilt,
wäre Prinz Nicolaus von Naffau, dcr Führer
der Linken im nassauischen Herrenhause, zum
Gouvcrneur von Nassau designirt.

Die „Provinzialcorresp." schreibt über die
Friedensverhandlungen: Mit Würtemberg und
Baden ist der Fricden bereits vor einigen Ta-
gcn abgeschloffen; auch mit Bayern ünd Hessen-
Darmstadt ist inzwischen eine Einigung erfolgt.
Bayern lritt an Preußcu cinigc Landstriche ab,
wetche zur Abrundung dcs südlichen Gebiets
deS bisherigen Kurfürstenthums Hessen crfor-
derlich sind; Darmstadt die frühere Landgraf-
schaft Hessen-Homburg und das ausschließliche
Besatzungsrecht der bisherigen Bundesfestung
Mainz, während die Provinz Oberhesscn in den
militärischcn und politischen Verband des nord-
dcutschen Bundcs tritt. Sämmtliche Staaten
zahlcn Kriegökostcn an Preußen , Baycru 30
Millioncn Gulden, Würtemberg 8 Millienen
u. s. w. Die preußische Regierung hat sich bei
den gesammten Friedeusverhandlungen lediglich
von großen politischen Gesichtspunkteu, nicht
von Bcwcggründen klcinlicher Vergeltung oder
bloßer Ländersuch! leiten lassen. Jhre Haupt-
aufgabe war die Schöpfung eincs krästigen
norddeutschcn Bundes und in dcmselbcn eines
starkcn und sest zrzsammenhängenden preußischen
Kerns. Deßhalb mußten in Norodeutschland
alle anderweitigen Rücksichten zurücktreten. Was
Süvdeutschland Lelrifft, so ging die Regierung
davon aus, daß dort die Erwerbung eines grö-
ßeren oder gcringeren LandstrrchS nicht in's
Gewicht fallen kann, gegenüber dem großen
nationalen Jntercsse dcr fofortigen Aubahnung
günstiger Beziehungen zwischeu Preußen und
dem deutschcn Süden. Dieser Gesichtspunkt und
die daraus begründete mildere Behandlung der
süddeutschen Staaten haben uus Seiten dersel-
ben die vollste Würdigung gefunden, und es
ist zuvcrsichtlich anzunehmen, daß die FriedenS-
verhandlungen dazu gedient haben, hoffnuugS-
volle Anknüpfungen zwischen dem Norden und
Süden Deutschlands zu begründen und dadurch
ein neueS Unterpfand für eine heilsame natio-
nale Entwicklung Gesammtdeutschlands zu ge-
währcn.

Frhr. v. Varnbüler hat von dem König von
Würtemberg das Großkreuz des Ordens der
würtembergischen Krone erhalten.

Nach der „Köln. Ztg." hat Professor v.
Treitschke cinen Ruf nach Heidelberg erhalten.

Die Striche links und rechts der MaaS, welche
heute den südlichen Theil ver belgischen Provtnz
Namur bildenmitPhilippevtlle, Marienbourg, Eou-

Das Herzogthum Bouillon (südlicher Theil des

Das den süvlichen Theil der heutigen bayerischen
Rheinpfalz darstellende Gebiet mit der Festung
Landau.

Endlich, nebst dem obgedachten Nizzaner Gebiete,
den westlrchen Theil von Savoyen mit Ehambery.

Diese Abtretungen bildeten einen Theil der Buße,
welcher dem friedensstörerischen Frankreich auferlegt
wurde.

Lhambery war der Standort des Regiments ge-
wesen, dessen Oberst Labedoyöre, als Napoleon
von Elba kam, das erste Beispiel des Abfalls von
den Bourbonen gab und somit den Einzug des
Kaisers tn Grenoble ermögltchte.

Saarlouis war ver Geburtsort des MarschallS
Ney, welcher kurz nachher mit der ganzen unter
seinem Befehl stehenden königlichen Armee zu Na-
poleon überging.

Es sei jedoch ungewiß, ob er dcnselben anneh-
men werde.

Deutfchland.

Karl sruhe, 23. Aug. Der von dem Prä-
sidenten des Ministeriums des Großh. Hauses
und des Aeußern, Hrn. v. Freydorf, als großh.
badischer, und dem Ministerpräsidenten Herrn
Grafen v. Bismarck, als königl. preuß. Bevoll-
mächticjter zu Bcrlin verhandelte Friedcnsvcr-
trag ist am 17. d. M. abgeschlossen und die
Ratificationsurkunden sind am 20. d. M. aus-
getaujcht worden. Nächst den in diesem Blatt
schon erwähntcn Bestimmungen euthält der
Vcrtrag die Festsetzung der von Badcn an Preu-
ßen zu zahlcnden Kriegskosten-Entschädigung
auf 6 Mill. Guldcn. Wir erfahren, daß die
großh. Regierung den bei weitem größcrn Theil
dieses Betrages bereits hat baar berichtigen und
in Betreff des kleinen ResteS cine geschäftsmä-
ßige Garantie hat lcisten lassen. Damit sind
die Bedingungeu erfüllt, welche der Fricdcns-
vertrag sür den Abmarsch der königl. preuß.
Truppcn auS dcn diesseitigen Gcbietstheilen
stipulirt hat, und es sind auch bereits die Ein-
leitungcn dazu getroffen. (Karlsr. Z.)

Karlsruhe, 23. Aug. Die „Karlsruhcr
Ztg." schreibt: Peim Durchmarsch der großh.
hessischen Truppen durch Mannheim sind dort
wicderholt L-traßencxcesse begangeu wordcn,
welchen eine um so schwerere Slrafe gebührt,
alö sie zu einer Zeit erfolglen, währcnd zu
Berlin über den Frieden mit Preußeu und die
Beschaffung von Geldmittcln für Bävcn ver-
handelt wurde. Seitdem haben, wie in öffcnt-
lichen Blättern gemcldet wird, noch mchkfache
Unziemlichkcitcn gcgen königl. preuß. Truppen
dort stattgefunden. Wenn auch vorauSzusehen
ist,»daß die Excesse lcdiglich von einem zucht-
losen Pöbel begangen sinv, so muß doch daran
erinnert werdeu, daß dieselben für die Stadt
sehr ernste Folgen haben können, wenn nicht
die besonneneren Bürger mit den Staats- und
Gemeindebehörden zusammenwirken, um dem
zuchtlosen Treibcn ein schleuniges Ende zu setzen.
Jnsbesondere die Behörden werdcn sich dcr
Veranlwortung bewußl bleiben müffcn, die sie
zwingt, fernerhin ohne jeve Nachsicht gegen die
Unruhestister einzuschreiten. — Wie man übri-
gens vernimml, sind Seitens der großh. Re-
gierung in dieser Richtung strenge Weisungen
nach Mannheim ergaygen.

Öffenbach, 21. Aug. Auch der hiesige
Handelsstand beabsichtigt, sich in einer «Lepa-
ratavresse um Eintritt unscres Landes in dcn
norddeutschen Bund an den Großherzog zu

und Wellington hervorzubrechen.

Phtlippevtlle endlich war des KaiserS erster Rast-
ort am Tage nach der Katastrophe vom 18. Zuni
1815 gewesen.

Diese Grinnerungen der „hundert Tage" wurden
durch die Gränzberichtigung von 1815 beseittgt;
Beaumont und Philtppeville waren nunmehr nie-
derländische Orte, SaarlouiS eine preußische Kestung
und Chambery eine königlich sardintsche Provinzial-
hauptstadt.

Durck die Eesfion Savoyens und Nizzäs an
Frankreich ist inzwischen eine sehr reichliche Rück-
erstattung des im Jahre 18t5 nach dieser Seite
verlorenen Gebietes eingetreten, und handelt eS
fich derwalcn also nur um das vorerwähnte bel-
gische und deutsche Gebiet.

DaS ist der Stand der Frage, wie fie jenseits
angeregt^wurpe. Soweit fie unS angeht, können
wir nicht nur ablehnen, sondern auch mit bedeu-
tcnd beffer motivirten Ansprüchen auf Nordost-
Lothringen und das ganze Elsaß erwidern, denn
da habrn wir Erinnerungen und Bezüge herzustel-
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