Heidelberger Zeitung — 1866 (Juli bis Dezember)

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nemAusflug an den Rhein. (Fortsetzung.)
Unler allen von Preußen annektirten Ländern
ist eö unstreiüg Nastau allcin, wo diese Um-
wandelung am leichtesten hingcnommcn, ja von
der Mehrheit deS BolkeS freudig begrüßt wird.
Die bisherigc herzogliche Regierung halte nach
Kräften dafür gcsorgt, dem wackern Nassauer
Volke dicsen Uebergang leicht und erwünscht zu
machcn. Der leidige Domänenstreit, der schon
unter deS gegenwärtigen Herzogs Vater begon-
nen, hatte zuerst die Bande der Pietät zwischen
der angestammteu Dynastie und der Landschaft
gelöst; ein tiefeS Mißtrauen hatte seitdem zwi-
schen beide sich gestcllt und vcrblieb auch, nach-
dem vor cinigen Jahren durch einen Compro-
miß zwischen Regierung und Ständen die Sache
zum Ausgleich gcbracht worden war. Dieser
Compromiß sichert dem Herzog ein jährliches
Einkommcn von etwa 400,000 fl. auö dem
Erlrag der Domänen zu, das Ucbrige fällt in
die Staatskafse und erscheint seitdem als nam-
hafter Einnahmepostcn in den der Controle' der
Stände unterstellten Staatsrechnungen.

So schien der alte Streit geschlichtet; aber
die guten Freunde des Hcrzogs, hauptsächlich
fremde Junkcr, dic er in seinen Dienst gezogen,
hatten dafür gesorgt, daß die Kluft zwischen
Fürst und Land einc offene blieb, nur schein-
bar mit täuschendem Reisig überdcckt. Denn
in dem Vertrage blieb dem Herzog sein angeb-
liches Recht auf sämmtliche Domänen. und da-
mit auf nahczu ein Viertel alles Einkommcns
des Landes, ausdrücklich vorbehalten. Achn-
licheS ist leider auch in andern deutschen Ver-
fastungen, selbst in unsercr badischen auf An-
rathen und Zuthun der Hofpolitiker und Für-
ften-Schmeichler geschehen. Aber die nassaui-
schcn Staatslenker unterließen in ihrer Weis-
hcit keine Gclegcnheit, um jcnes vorgebliche her-
zogliche Recht namentlich ven Ständen gegen-
über in Erinncrung zu bringen, um damit Ka-
pital zu Gunsten ihreS Herren, d. i. für sich
zu machen. Diescr Staatöweisheit entsprang
auch ein ganz im junkerlichen Geiste abgesaß-
teS Jagdgesetz, das unter Protest der liberalen
Mitglieder der Ständcvcrsammlung und unter
Widerspruch und Klagen dcs Landes zu Stande
gekommcn war; dies letztcre mittelalterliche Ge-
setz ist eS hauptsächlich, das selbst den Bauern-
stand trotz seiner ihm natürlichen Legitimitäts-
neigung auf die Seite der Unzufricdenen und
Opponirenden trieb.

So war in Nassau längst Alles vorbereitet
und reif zu einer Umwälzung; diese wäre sichcr-
lich schon früher pon unten gekommen, wenn
die Führer sie dort für durchführbar crachtet
hatten. Das wußten auch gewiste einflußrciche
Männer in der Umgebung des Hcrzogs, und
wiesen nicht unverständlich mit kecker Selbstge-
fälligkeit auf das nahe Mainz, als das Zwing-
Uri Nastau's hin. Dort sah diese StaatSweis-
heit in den Kroatcn und Slowaken ihre feste
Stütze.

Als diese in Folge der Ereignisse vom Juli
dieses Jahres zusammenbrach und die Rcvolu-
tion von Oben auch über das schöne Nassauer
Land hcreinkam, da ward sie hier von Vielen
freudig. begrüßt, von dcr großen Mchrheit des

Den fünfzig jungcn Damen, wclche beim
festlichen Einzug der Truppcn in Berlin dem
König einen Lorbeerkranz überreichtcn, war fol-
gcnde Toilctte vorgeschrieben: Weißes Kleid in
griechischem Schnitt (ohne Erinoline), an den
Ausschnittcn mit Gold eingefaßt.' Von der Schul-
ter flatterten schwarzweiße Bänder, das Haupt
schmückte ein grünrr Kranz. Das Tragen von
Schmucksachen war verboken, nach einer unver-
bürgten Nachricht sollte sich jedoch das Verbot
auf Ohrgehange- nicht erstrecken. (Also wirklich'
classisch'.)

* Literarisches.

und Meer" ganz besonders aufmcrksam zu machcn.
Dicses Weltblatt, welcheS mit October in scinen
neuntcn Jahrgang eintritt, hat sick bishcr den
guten Ruf, dessen es sich erfreutl, durch die Ge-

- Volkes wenigstens als eine Erlösung vom Uebel
hingenommeu. „Diese Dinge müsten Sie in
Rechnung ziehen. um unS und unset Land in
seiner jctzigen HaUung zu verstehen, und seine
Ehre nichl zu mißkennen." «>o schloß mein
Gastfreund in Wicsbaden, bei dem ich einge-
sprochen, seine Mitthcilungcn über die gegen-
wärligen Vorgänge im Nastauer Lande. Mcin
Freund hat sich alS lreuer Anhänger dcs Her-
zogS und seiner Familie feit mehr alS 30 Jah-
ren bewährt; er hal in jemer Slellung oft An-
laß erhalten, seinem Fürslen die volle Wahrtzeit
zu sagen, was dieser von dem erprobten Manne,
der einen wohlklingenden Namen in ganzDeutsch-
land bcsitzl, ohne Groll, aber auch ohne blei-
benden Erfolg hinnahm. „Unser Hcrzog, be-
merkle mein Freund, und eine Thräne glänzte
in seinem Auge, ist von Haus aus ein guler
Mensch und hal auch treffliche Grundsätze, aber
er ist ein Gemüthsmensch, desten Verstand die
Kammerdiener in Uniform umstrickten, die Lum-
pen. die ihn jetzt zuerst verlasscw haben."

Stuttgarr, 26. Sept. (1. Sitzung der
Kammcr dcr Abgeordneten. Schluß.) Berathung
über den Anlrag auf Erlaß ciner Antworts-
adresse. Hölder: Die Thronrede sei hinsichtlich
der allgemeinen politischen Lage schr mager;
cbenso lasse dicselbe, was die inneren Angele-
gcnheiten betreffe, vicl vermissen. Eine dcr er-
sten Forderungen sci die Revision der Verfas-
sung. Scit zwci Iahren, seitdem die dermaligen
Minister im Amt scien, sei aber nichts gesche-
hen. Er halte eine Adresse auf die Thronrede
bei der Magerkeit der letztern nicht gerade nö-
thig. Probst: Er sei der Ansicht, vaß vas Haus
in einer solennen Weise übcr die deutsche Frage
sich auszusprechen habe. Es werde dieß gefor-
dert durch den Willen deS VolkeS. Zwar werde
es von großer Schwierigkeit sein, den bestimm-
ten Ausdruck der Mehrheit des Hauses zu fin-
den, nichts dcstoweniger aber sei der Gegenstand
der Art wichtig, daß cr ausdrücklich cine Adreste
beantrage. Nachdem Mittnacht beigefügt, daß
daS Haus ganz gewiß übcr die deutsche Frage
und über die innere Ncform sich werde aus-
sprechen wollen, stellt sich Hölder dem Antrage
auf einc Adresse nicht weiter entgegcn, und eS
beschließt die Kammer dic Erlaffung einer Adresse.
Die Fünfzchnercommission wird mit dem Be-
richt darüber betraut. — Das Diarium enthält
Petitionen von den Volküvereincn zu Stuttgart
und zu Gmünd, betreffend die Einleitung einer
Untcrsuchung über die Führung des Comman-
doS über das 8. Armeecorps, bezw. die würt-
tembergische Felddivision.

München, 22. Sept. Dem Vernehmen
nach hat in den jüngsten Tagen zu Stultgart
eine Besprechung der Commistäre der vier süd-
dcutschen Staaten für die nächste Pariser Aus-
stellung stattgefunden. Nach dem Ergebnisse
derselben soll keine AuSsicht gegeben sein, daß
diese Staaten ihrc Ausstellungen einheitlich or-
ganisiren werden. Dagegen werden die nord-
deutschen Staaten jedenfalls als einheitliches
Gänzes auftreten.

Berlin, 24. Sept. Jn sonst wohlunter-
richteten Kreisen verlautet, daß des Grafen v.
Bismarck geschwächte Gesundheit auf dringen-

dicgenhcit seines Jnhalts in Schrift und Bild,
durch einen im Vergleich zu seiner Lcistung ganz
: ungewöhnlich billigcn PreiS wohl zu bewahren ver-
^ standen. Ganz besonders wußte es aber im Laufe
! des nuumehr beendeten, an großartigen Ereignissen
so reichen Jahrgangs sich auSzuzeicknen. Dem von
der Redaction des BlatteS mit Feder und Stift
mobiltfirten und ins Fcld gesanbten Beobachtungs-
heer von Mitarbeitern ist keine der großen Actio-
nen dieses Sommers entgangen; getreulich hat das-
selbe rapportirt und mit Wort und Bild viel zum
befferen Verständniß der so überaus wichtigen po-
litiscken Ereignisse beigetragen. Aber in ricktiger
Auffassung seiner Aufgabe ließ sick „Ueber Land
und Meer" es angelegen sein, neben den erscküt-
ternden Mittbeilungen vom Kriegssckauplatz und nach

zeren Aufsätzen aus allen Gebieten menschlichen
Wissens, durch humortstische Skizzrn, Rebus, Räth-
sel u. s. w. zur Beruhigung und Erheiterung der
durch die Tagcsereianiffe aufgeregten Lesewelt mit-
zuwirken, ein Streben, in dem die Redaction durch
Männer, dercn Namcn in der literarischcn Welt

dkn Lrztlickcn Rirth ein- Fkrnhaltung »o» allcn
G-jchLflkn und einen viclleicht Mkbrmonatlichen
Aufenthalt in einem füdlichcn Klima. es heitzt
in Ztalien, »athwendig machen werdr.

Berlin, 2K. Scpt. Der .Staatsanzciger"
publicirt da« Gesetz, betrcffend di- Erhöhung
des EinschutzkapitalS dcr BankanlheilScigner um
5 Millioncn Thaler uud das Gefltz ibcr Vcr-
tagung deS Landtagcö bis zum 12. Nov. Dai
amtliche Blatt enthält ferner cine Bekanntma-
chung deS Bankdirecwriums bezüglich dcS Vor-
zugSrechtS d-r cingettagencn BankantheilSeigner,
endlich eine tSekanntniachnng des Mnisteriums
dcS Jnnern, welche daS D-rbot dcr „Earten.
laubc" wieder aufhebl,

Bcrlin, 26. Sept. DaS Herrcnhaus hal
dic von der Regiernng beanlragle Vertagung
dcs Landtages bis zum 12. Novcmber, ferner
die DarlehenSkaflenverordnung, sämmtliche Zoü-
und Handelsoerträge und dic Anleihevvrlage
nach dcr Faffnng de§ Abgcordnclenhanscs ein-
stimmig angcnommcn.

Brrlin, 27. Scpt. Sitzung des Abgcord-
netenhaufts. Jn die StaatSschuldcncommlssion
wurden die drci Milglieder Grabow, v. Hennig
und Michaelis gewählt. Dic von der Bodgct-
commisston beantraglen Dechargcn sür daS
StaatSschuldenwesen wurden ohne DiScusston
erthcilt. Hierauf erfolgte nach drcimaligem
Hoch aus dcn Kvnig dle Vertagung des Haujes
bis zum 12. Nodember.

O este rreicbt sche Monarcbie

Wten, 26. Sept. Mit der Ueberlandpost
aus Hougkong cingetroffene Nachrichten Mklden,
daß China jcde Verantwortlichkeit für die Chri-
stenverfolgung in Corca ablehn! und stch bei
allfälligcn ZüchtigungSmatzregel» neutral er-
klärt hat.

Prag. 26. Sept. (Prcffe.) NachtS wurde
die Communalwache aufgebolen, um VolkSan-
fammlungen vor den Wvhnungen der Jesuiten
zu zerstreuen. DaS Volk hatle sich angeschickt,
die Jciuitcnwohnungen mit Slcincn zu bewrrscn.

Prag, 26. Sept. Die Mclniker Bczirks-
vertrelung richtete an dcn LandcSauSfchutz cin
Bittgesuch dahin: dcr Landtag solle die Rechte
der „böhmischcn Krone" gegen den DnaliSmuS
schützcn, die Durchsührung dcr Sprachenglkich-
bercchligung selbst bei dcn höchstcn Acmtern
veranlaffen, lowie die Vorlage dcr neuen Wahl-
ordnung anstrebcn.

A r a n k r e r ch.

Paris, 26. Sept. Marquis v. Boisty ist
diesen Morgen auf feinem Landgute zu Marly-
le-Roi bei Paris gestorben. Er war früher
Pair von Frankreich und seit dem 4. März
1853 Senator des zweiten Kaiferreichs. Seine
parlamentarischen Scharmützel und Schlachten
unter dem frühecn und gegenwärtigcn Regime
haben einen europäischen Ruf erlangt. Er war
geboren am 4. Marz 1789.

Paris, 27. Sept. Der „Moniteur" schreibt:
Der Kaiser hal gestern zu Biarritz eine Muste-
rung über das Panzergeschwader gehalten.

Die „Patrie" erfahrt durch Depeschen aus
Canea, daß sich unter den Anfständischen von
Kandia eine Spaltung gebildet hat. Eine große

auf das Vorthetlhafteste bekannt find, bestens un-
terstützt wurde. Arbeiten von Hackländer, Koffak,
Grosse, Rodenberg, Graf A. Baudisfin, Sckeffel,
Hocfer, Raabe, Bernd von Guseck, Wildenhahn,
Sckweichel, Roquette u. A., so wie bildliche Dar-

non, Fikentscher, Schulcr, SueS, Theukrkauf, Hase,
Katzler, Döpler, Lüders, Diez u. A. m., zieren
reichlich die Spalten dcr Zcitschrift. — Diese viel-
seitigen Bemühungen, Ausgezeichnetes zu liefern,
sind benn auch nicht vhne Erfolg geblieben, und
war, während der Druck der politischen Lage auf
fast alle Verhältniffe deprimirend einwirkte, der
Einfluß dcr schlimmen Zeitverhältniffe auf „Ueber
Land und Meer" gerade ein entgegengesetzter. Wir
zweifeln, da daffelbe auf der betretenen Bahn rüstig
fortschreitct, nicht, daß es sich der Gunst der deutscken
Lesewelt in steigenbcm Maße immer mehr erfreuen
werde, und sckließen mit dem Wunsche, daß fich
dieS schon bei kommendem Quartalwechsel recht leb-
hast bethätigen möge.
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