Heidelberger Zeitung — 1866 (Juli bis Dezember)

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^ Das Zusammentreten der Bundes»
LiquidarLonscommission

in Frankfurt ist immerhin geeignet, mit einiger
Aufmcrksamkeit behandelt zu merden.

Die Aufgabe diescr Versammlung ift die Ab-
theilung des früheren BundeSeigenthums und
somit die Cassirung der letztcn Ueberbleibscl
der bisherigen dcutschen Gemeinschast. Man
kann ste füglich eine Erbtheilungscommission
nennen, in der auch der lachende Erbe nicht
fehlt, dem der Löwenantheil zufallt. Bis auf
diesen (Preußen) haben die Theilnehmer aller-
dings keinen sonderlichen Grund, sich der Aus-
scheidung ihres Antheils an der gcmeinsamen
Masse zu freuen. Was Baden specicll betrifft,
so würde die alleinige Ucbernahme der Festung
Rastatt dem Geschenke eines Elephanten gleich-
kommen, der genährt und gepfiegt werden muß,
ohne mehr als die Ehre, ihn sein zu nennen,
einzubringen, und der unter Umftänden sogar
recht gefährlich werden kann. Würtemberg
würde mit Ulm nicht besser daran sein. Gleich-
wohl müßten die süddeutschen bishcrigen Bun-
desfestnngen, da sie nicht dem Schntz eines
südlichen Bundes (der bekanntlich nicht existirt)
übergeben werden können, den einzclnen Staa-
len, in denen sie liegen, vorläufig überlassen
werden, wenn die damit für Nord- und Süd-
deutschland gleichmäßig vcrbundene Gefahr und
die in Aussicht stehende enorme Belastung der
bctreffenden Staaten nicht. zu einem andern
Ausweg führt. Würde nun aber mit Preußen
zunächst eine Vereinbarung über den gemein-
samen Schutz der bisherigen Bundesfeftungen
zu Stande kommen, so würde schon dadurch
ein neues Band um die auSeinander gerissenen
deutschen - Staaten geschlungen sein. Selbst
dieser beschränkte Zweck würde nicht ohne eine
Arl Bundesdirectorium aä doo, nicht ohne eine
Art Bundesmatrikcl zur Regelung der Beiträge
an Mannschaften und Gcld zu erreichen sein.
Damil würden aber zugleich die Elemente
für eine kräftige weitere Entwicklung dieses
militärischen Bundes — den man in den
Kreisen der badischen Regierung und Volks-
vertrctung nun doch einmal eifrig herbeiwünscht
— gewonnen sein. (Außcrdem wird der Zoll-
vercin, der bereits alle süddeutschen Staaten
mit Prcußen und seinen Bundesgenossen ver-
bindet, ein zweites gewichtiges Mittcl bieten
für die Herstellung einer engcrn Verbindung
zwischeu allen deutschen Staaten.) Jene Vor-
schläge wegen Regelung der Bundesfestungs-
verhältnisse würde Preußen nicht ablehnen kön-
nen, ohne dadurch vor aller Welt den Beweis
zu liefern, daß es nur leere Phrasen sind, wenn

Sonntag, 4 November

die Organe seiner Regierung fort und fort von
dem historischen Berufe Preußens in Deutsch-
land reden und die Eroberungen des lctztcn
Krieges dadurch zu rechtfertigen suchen. Wie
es nun auch mit dieser angeblich deutschen Ge-
sinnung beschaffen sein mag, so ist doch auch
zu berücksichtigen, daß das eigene Jnterefse
Prenßens eine Vereinbarung über die gemein-
same Vertheidigung der frühern Bundesfestun-
gen dringcnd erheischt.

* Politische Umschau.

Heidelberg, 3. November.

* Der Schritte, die man in Frankreich für
eine bessere Militärorganisation unternehmen
will, und der besondern Commission, die man
deßhalb niedergesetzt hat, haben wir neulich
schon Erwähnung gekhan. Zngleich fällt aber
in der Sprache der Pariser Blätter in neuester
Zeit zweierlei auf: eine verschärfte Sprache ge-
gcn Prenßen und Hindeutungen auf eine fran-
zösisch-österrcichische Allianz. Besonders die
„Siecle" und „Opinione" predigen eifrig Miß-
trauen gcgen Preußen und verlangen schleünige
Verbesierung der französischen Waffen. Der
Allianz mit Oesterreich wird besonders in dem
AIeworiuI lliplomutique das Wort geredet und
zwar mit Hinweisung auf die drohcnde Gefahr
eincr zwischen Preußen und Rußland sich bil-
denden Allianz. So viel ist richtig, daß Ruß-
land schon durch die Conccssion, die den Polen
Galiziens mit der Ernennung des Grafen Go-
luchowski zum Statthalter gcmacht wurde, zu
einer drohenden Haltung gegen Oesterreich sich
veranlaßt sah, und daß anderscits wieder in
Wien dieser Umstand gerechte Besorgniffe er-
regt hat. Nach cinem in Preußisch-Polen er-
scheinenden Blatte wären die Allianzverhand-
lungen zwischen Rußland und Preußen durch
folgende Vorschläge des Petersburger Cabinets
eingeleitet worden: Rußland tritt Preußen das
polnische Gebiet auf dem linken Ufer der Weich-
sel ab (das Preußen früher schon eine Zcitlang
besaß), dagegen gestattet Preußen die Annexion
Galiziens, wenigstenS des östlichern Thcils, an
Rußland, und läßt dieser Macht freie Hand
im Oriente. Diese Comblüation, die an und
für sich etwas unwahrscheinlich oder doch ver-
früht klingt, ist übrigens in dem preußischen
officiösen Organe, der Nordd. Allg. Ztg., de-
mcntirt worden.

Der „Württemb. Staatsanzeiger" dementirt
gleichfalls die von der „Köln. Zeitung" und
der „National-Zeitung" grbrachte '?iachricht übcr
Verhandlungen zwischen Württemberg und Preu-
ßen wegen Besetzung der Festung Ulm.


Die auf den 11. d. M. nach Eisenach an-
beraumten Sitzungen des Abgeordnetentages und
des Sechsunddreißiger-AuSschuffes sind vorerst
wieder verschoben worden.

Wie die „Voff. Ztg." hört, sollen in der
Uniformirung und Ausrüstung des preußischen
resp. norddeutschen Heeres die umfaffendsten
Aenderungen in Aussicht genommen sein. Statt
der Helme und Feldmützen soll eine bcqueme
Kopfbedeckung eingeführt werden, die Stehkra-
gen der Uniformen sollen fortfallen, die Waf-
fenröcke überhaupt und namentlich in dcn Aer-
meln weiter gemacht werden. Statt der Tor-
nister beabsichtigt man die Einführnng von
Wachsleintaschen, welche wie die Brotbeutel ge-
tragen werden. An die Stelle des Zündnadel-
gewehrs soll das vom Commissionsrath Dreyse
erfundene neue eiserne Gewehr treten, deffen
neues Geschütz zur Prüfung eingegeben worden
ist. Der kurze glatte Zwölfpfünder wird wahr-
scheinlich ganz ausgemerzt, da er sich nicht be-
währt haben soll.

Wie dic „N. D. Z." vernimmt^ ist die
auf den den 11. d. nach Eisenach auSgcschrie-
bene Versammlung sowohl des Ausschusses des
AbgcordnetentagS als des 36er Ausschuffes auf
den 18. und zwar — nach Bcrlin verlegt
worden.

Der Wiencr „Debatte" vom 2. Nov. zufolge
wird der ungarischc Landtag bestimmt am 19.
Novembcr zusammentrcten. — Die Staats-
männer Belcrcdi, Beust, Majlath sind in voll-
stem Einverständnisse bezüglich der zn befolgen-
den Politik nach Außen wie im Jnncrn. —
Die AuSgleichungsbestrebungen des Cabinets
Ungarn gegenüber erlangten durch den Ekntritt
des Frhrn. v. Beust in das Ministerium einen
Förderer mehr.

Die „France Centrale", ein schon oft heim-
gesuchtes legitimistisches Departementalblatt, hat
am 29. October wegen Verbreitung falscher und
ungegründete Besorgniß errcgcnder Nachrichten
über die Gesundheit dcs Kaisers eine zweite
amtliche Vcrwarnung erhalten.

D e u t f ch l a n d.

-f* Karisruhe, 2. Nov. Die Beurlau-
bung der zweitcn Kammer wird schon in näch-
ster Woche in eine Vcrtagung übergehen, der
dann später der Schluß des Landtags für 1866
bis 1867 folgen dürfte, ohne daß die Kammern
nochmals zusammenberufen wcrden. Dies ist
wenigsiens zur Zeit die vorwiegende Ansicht
selbst in den Kreisen der Regierung. Eine
definitive Eutschlicßung ist indeß zur Stunde
noch nicht festgesetzt, nur so viel ist gewiß, daß

Solc-aten den heranrückknben Prenßen zu entziehen.
Der AppellationS - GerichtS-Director eilt auf daS
RathhauS', er blickt durch den dort aufgestellten
TubuS, hat anfangS einige Zweifel, doch auch er
überzeugt fich bald, daß die Preußen herannahen.
Scknell eilt er heim zu seiner Frau, die kleidet fich
schleunig um und binvet sich die kostbarsten Pre-
tiostn, die fie befitzt, auf den Leib, und dte gauze
Stadt erwartet voll Angst den Einmarsch der fürch-
terlichen Preußen. Es wird Nacht — fie kommen
nicht, es graut der Morgen, fie find noch nicht da,
man eilt auf das Rathhaus, blickt durch den TubuS,
die schrecklichen Reihen haben fich vermebrt und im
Glanze der aufgehenden Sonne blinken die Bajo-
nette. Da sendet man, um der Nnruhe ein Ende
zu machen, einen Boten aus; der kommt, nachdem
die Väter der Stadt und die Beamten des Stadt-
gerichteS eine Stunde voll quälender Etwartung
zugebracht, wieder heim und bringt die Nachricht,
die Reihen, die fie gesehen und für Preußen ge-

)* *( Das zweite Gastspiel der Frau v. Glotz.

ES find vierzehn Tage verflossen, seit Frau
von Glotz in überfülltem Hause als Auerbachs
Lorchen zum Erstenmale wieder auf unserer Bühne
auftrat. Dic Gkmüthsrollen find besonders die-
jenigen, welche für die Begabung und Darstcllung
der talentvollen Künstlerin die geeignetesten find.
Das Fach der ersten naiven und sentimentalen ju-
gendlichen Liebhaberin im Lustspiele und in der
Tragödie ist etnes der schwierigsten. Denn nirgends
tst die Vereinigung innerer Begabung und äußerer
Darstellung mit jugendltcher Anmuth und Gestalt
nothwendiger, als gerade in diesem Fache. Dte
Reflerion über die Rolle und die Darstellung der-
selben lassen bei den ersten Künstlertnnen in dtesem
Fache, bei der Seebach und Ianauschek, gewiß
nichtS zu wünschen übrig und verdienen die allge-
meine Anerkennung, die threm geistvollen Spiele
zu Theil wird, und doch ist bei der ersten als
Iane Eyre das Alter. bei der letzten als Gretchen
die Dimension des UmfangS ein Hinderniß des wah-
ren KunsteffectS. Wir finden uns von jenem natür-
ltchen und durchdachten Spiele der Frau v. Glotz

Täuschung nothwendig tst, die uns über Alter und
Gestalt htnwegführt. Wir haben die Natur nicht

(Die Furcht vor den Preußen) führt auch

hinaus und bemerkte am jenseitigen Ufer der Donau
etne Reihe von Gestalten, die er vorher nte ge-
fehen; rr macht seinen Nachbar darauf aufmerksam,
der blickt ebenfalls hin, Andere thun es auch, und
in einigen Minuten ging daS Schreckenswort durch
den Saal: „Die Preußen rücken an." Schnell wird
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