Heidelberger Zeitung — 1866 (Juli bis Dezember)

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Freitag, S November


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» Auf die „Heidelberger
Zeitung" kann man sich
nych sür die Monatc
November und December mit 42 Kreuzern
abonniren bei allen Postanstalten, dcn Boten
und ZeitungSträgern. sowie der Expedition,
Untere Ncckarstraße Nr. 13 v.

Oesterreichs Noth und Rettung.

Das Kirchenvermögen im Kaiserftaat.

IV.

Karlsruhe, 5. Nov. Wir haben in Jh-
rem Blatte in klaren, vom Clerus selbst ange-
gebenen Ziffern die hauptsäcblichsten Cinküufte
der Kirche, d. i. der Geistlichkeit in Oesterreich,
nach den bedeutenderen Einzelpositionen wie in
ihrem Gesammtbetrage angegebcn. Wir siud
dadurch in Stand gesetzt, die unmittelbaren
Folgerungen, die sich daraus für die Wohlfahrt
und Stärke des Staates ergeben, aus den an-
gegebenen Zahlen ziehen zu können.

Wir haben gesehen, daß die Gesammteinkünfte
des Clerus bei einem Grundvermögen von mehr
alS 366 Millionen sich auf nahezn 24 Mill.
Gulden jährlich entziffern. Es sind aber hier-
bei sehr bedeutende Einkünfte an Zchnten, Stol-
und sonstigen kirchlichen Gebührcn nicht beige-
rechnet. Ferner gründen sich die Zahlen auf
den Stand von 1849, nicht auf den gegenwär-
tigen notorisch sehr gesteigerten Besitz und des-
sen Werth; vor Allem aber ist wohl zu beach-
ten, daß die Zahlen auf die freiwillig von der
Geistlichkeit gemachten, vom Staate jedoch nicht
conkrolirtcu Angaben basirt sind. Man wird
darum durchweg um ein guteS Drittel höher
greifen dürfen, um deur wahren Stand der Ein-
künftc des CleruS im Kaiserstaate näher zu
kommen. Man wird jenc mit Einschluß dcr
gar nicht berechneten Revenüen desJe-
fuitenordens sicherlich nicht zu hoch bestim-
men, wenn man sie in ihrem Gesammtbetrag
zu 36—40 Millionen jährlich annimmt.

Dieser Aufwand für kirchliche Zwccke, d. i.
für Cultus und Unterhaltung der Geistlichkeit,
ist weit höher als in irgend einem andern Lande.
Er übertrifft selbst die Leistungen im frühern
Ztalien, daß hauptsächlich durch die ungeheure
Last der kirchlichen Ausgaben bis zur Verar-
mung niedergedrückt worden war. Er über-
trifft ferner um mehr als die Hälfte den Auf-
wand, den Frankreich, ein katholischcr Groß-
staat, der den österreichischen Kaiserstaat an
Bcvölkerung um mehr als eine Million über-
ragt, für Cultus und Gcistlichkeit macht.

Aber eS ist nicht sowohl die Größe der Summe
des kirchlichen Aufwandcs und dessen Mißver-
hältniß zu allen übrigcn Ausgaben und Be-
dürsnissen dcS staatlichen Lebens, die hier in
Betracht kommt; daS eigentlichc Verderben be-
ruht vielmehr iu der Art und Wcise, wie jene
Einkünfte gewonnen werden. Es ist ein Er-
fahrungssatz aller Zeiten, daß Güter in sogen.
todter Hand in ihrer Bewirthschaftung, also
in ihrer Productivität, zurückblciben Die Gründe
hiervon liegen nahe; es ist überflüssig, sie wei-
1er hier zu entwickeln. Schon die Bezcichnung
„Gut in todter Hand," welche die techni-
sche geworden, drückt hinlänglich das allgemeine
auf Erfahrung gegründete Urthcil aus, welch
ein großer Uuterschied durch die Natur und
Bcschaffenheit des BcsitzerS hinsichtlich der Er-
tragsfähigkeit von Grund und Boden bewirkt
werde. Natürlich je mehr Grund und Boden
in todte Hand gelangt, desto größer das Uebcl;
ein <Ltaat und Land, dcffen Grundbesitz theil-
weise schon zu einem dritten, durchschnittlich
aber zu einem füuften Theil in todter Hand,
d. j. hier in HLnden des Clerus und der Klö-
ster, sich befindet. muß nothwendig in der Agri-
cultur und deren Fortschritte zurückbleiben, wird

schon auö diesem Grunde andern Ländern
und Staaten gegenübcr verarmen, und kann
kediglich nur in der Verarmung selbst noch
Fortschritte machen.

Schon ist es durch dicsen einzigcn Mißstand
und die vielfachen Uebel, die fich an ihn knüp-
fen, dahin gekommen. daß in dcn von der Na-
tur in ihren Dodenverhältnissen so begünstigten
Landstrichen an der mittlern Donau, die bei
einer verständigen Bewirthschaftung zu den ge-
segnetsten und wohlhabendsten des mittlern Eu-
ropa zählcn würdcn, die Maffe des Volkes in
drückcnder Dürftigkeit sich hinschleppt, daß dem
gemeincn d. i. dem armen Manne in letzter
Zeit oft die einzigc Kuh auS dem Stalle weg-
gcschlcppt wcrden mußte, um mit dcren Verkauf
die rückständigc Steuer einzutreiben, während
nebenan.in Palästen und palastähulichen Klö-
stern Prälaten und Mönche an reichbesetztcn
Tischen inmilten froher Gästc, die zum Danke
dafür die klerikale Geistlichkeit in Oesterrcich
in öffcntlichcn Blättern und Rciscbüchern allcr
Wclt zu rühmen wissen, aller Sorgcn des Le-
bens und der großcn Mühe ihres Bcrufcs vcr-
gcffcn.

Und diese geistlichen Hcrren, für die der Kai-
serstaat so väterlich sorgt, werden sich ohne
Zweifel diesem gezenüber der opferwilligsten
Dankbarkeit befleißigen; sie werden,»wenn der
Staat in Noth ünd Verlegenheit geräth, sicher-
lich die Ersten scin, dic dem Gcmcinwesen mit
reichen Gaben zu Hilfe eilen oder wenigstens
mit ihrem überfließenden Reichthum unter die
Armc greifen??

Eine solche Erwartung wäre natürlich und
gewiß gerechtfcrtigt; man sollte meinen, der
ClcruS müßte dort schon auS kluger Bcrcchnuug
dcr cigenen Jnteresscn ganz befonderS patrio-
tisch sich zeigen, wenn der Staat an seine Hilfe
appellirt. Zweimal in ncuerer Zeit sah sich
die österreichische Ncgierung genöthigt zu einem
solchen Schritte, in der Hoffnung, der reiche
Clerus werde dem bedrängten Staate, dcssen
Erhaltung selbst in Frage gekommen war, opfer-
willig seinc Hilfe nicht versagcn.

Jm italienischen Kricge im Jahre 1859, als
Oesterrcich zweimal bcsiegt doch noch im Stande
war, den Kampf nicht ohne Aussicht auf end-
lichen Erfolg fortzuführen, nur daß es an Gcld-
mitteln hicrzu fehlte, wandte man sich mit Ver-
trauen an den vollen Beutel dcr PrälateN und
Mönche. Die Antwort von dieser Seite auf
den kaiscrlichen Hilferuf war, daß einige der
Prälaten, deren Einkünftc aus dem Schweiß
und der Arbeit deS Volkes gcwonnen, zu hun-
derttausenden zählen, ein Paar österreichische
Nationalobligationen, die damalö unter 40
standen und für ihre Besitzer fast werthlos wa-
ren, alö Opfer auf dcn Altar des Vaterlandcs
legten!

Wiederum kam dke Noth über Oesterreich,
alS im vcrflossenen Sommer das wohlgerüstete
Preußen mit überlegenen Hcercn und vollen
Kassen gegen die Gränzen des Kaiscrstaates
heranzog. Jn Oesterreich fehltc es nicht an
Meuschcn und Waffen, wochl aber an Geld,
das für den Erfolg der Waffcn noch einfluß-
reicher ist als selbst das Zünonadelgcwehr.

Abermalö nahm man scine Zuflncht zu Sol-
chcn, bei denen im Kaiserstaat aücin der ner-
vus rerum vorhanden ist. Der Kaiser sclbst
that den Schrilt; man bat die hochwürdigcn
Herrcn, wenigstens gestatten zu wollen, daß
man in der großcn Bcdrängniß deS Staates
daS Kirchcnvermögen als Untcrpfand für ein
zu negocirendes Änlehen anbictc, da sonst kein
Geld zu bekommen war. DieS Unterpfand
sollte nach Herstcüung dcs FriedenS zuerst und
vor Allem durch Heimzahiung deS AnlehenS
wieder gelöst und srcigemacht werden. Jetzt

^ beriethen dic hochwürdigen Prälaten, was zu
thun sei, und kamen endlich zu dem Beschluffe:
daß sie nur mit Gebet, nicht aber mit Geld,
die Dinge diescr Welt fördern könnten; doch
solle eine Liste in Umlauf gesetzt werden, da-
mit jeder einen Beitrag unterzeichne. Dicse
Liste schloß bald mit einigen lumpigen tausend
Gulden ab! So verstcht der dnrch überrcichen
Besitz verweltlichte Clerus seine patriotische
Pflicht. Wir müssen diese moralischen Schä-
den der Ucberrcicherung des ClcruS noch mit
eiirigen Wortcn berühren; denn sie sind in der
That für das Gemeinwohl vielleicht noch ver-
derblicher als die finanziellen Mißstände.

* Politische Nnrschnu.

Heidelberg, 8. November.

Das „Dresdner Journ.". versichert officiell,
daß der König von Sachsen alle im Friedens-
vertrage übernommenen Verpflichtungen treu
und rückhaltslos ausführen wcrde, und fordert
alle die dem Könige huldigenden Tausendr auf,
ihn auf dcn neuen Bahncn in Erfüllung sciner
Pflickt zu untcrstützen.

Das Journal des Debats bespricht das Rund-
schreiben des Hrn. v. Bcust mit einem Anfluge
von Jronie. Es bewundert die Schnelligkcit,
mit welcher der chemalige sächsische Minister
einen neuen Menschen angezogcn, freut sich
aber, übrigcns aufrichtig, daß dicses vielbespro-
chene diplomatischc Ereigniß zunächst nur die
Folge hat, daß eS einen Oesterrcicker mchr gibt.
Uebrigcns findet das Blatt, daß die Stelle, iy
welcher Herr v. Beust von der eifcrsüchtigen
Wahrung und Würde Oesterreichs spricht, ziem-
lich elastischer Natur sei.

Die Justizcommission deS Wiener Gemeinde-
raths hat bcschlossen, es solle eine Pctition ge-
gen dic Zulassung dcr Zesuiten in Wien an
die Regierung gerichtct werdcn.

Bei Gelcgenheit dcr WeltauSstellung wird in
Paris auch eine große Nabbinerversammlung
stattfinden. die alS eine Art von Concil ver-
schicdene Reformcn in Erwägung ziehen soll.
Namentlich würde es sich um die Aufhebung
des Vcrbotcs gcwiffer Speisen, die Abschaffung
der Polygamie der algerischcn Juden und der
Erbfähigkeit der jüdischen Frauen in Algier
handeln.

Die „France" äußert hcnte ihre Bedenken
übcr dic in Rußland angeordnete vollständige
AuSrüstung der Armee und der Flotte. Sie
wciß durchaus nicht, was eine solche Maßregel
bedeutcn svll, und gegen wen Rnßland seinen
Angriff oder seinen Widerstand vorbereitet.
„Sollte es glauben, fragt sie, daß für es der
Augeublick gekommcn sei, aus dieser Periode
deS SammeluS hervorzutreten, in welchcr es
sich seit dcm Krimkriege gehalten hatte? Da
es Preußen, Oestcrreich und so viele andere
Staaten, große wie kleine, den Rechten der
Verträge durchauS keine Rechnung tragen sieht,
möchtc es viellcicht auch, nöthigenfalls auch
durch die Gewalt, die Verfügungen des Pariser
VcrtrageS, welche die Unabhängigkeit des tür-
kischen Reiches beschützen, zu brechen ver-
suchen?"

Nach officiellen Mittheilungen erweist sich
der Sieg der Türken als ganz bedeutungslos.
1000 Jnsikrgenten von 15.000 Türken ange-
griffen, habcu sich, nach heldenmüthiger Gegen-
wehr nach Sphakiä zurückgezogen. (Vergleiche
Konstantinopcl, 7. Novcmber.)

Deurschland.

Karlsruhe, 7. Nov. Se. Kgl. Hoheit
der Großherzog haben gnädigst geruht, dem
großh. Staatsanwalt Kiefer in Offenburg
den Charakter eines Kreisgerrchtsraths zu er-
theilen, ferner den zum Amtsvorstund in Ep-
pingen ernannten Oberamtmann Ruth in
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