Heidelberger Zeitung — 1866 (Juli bis Dezember)

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Undelberger Ieilung.

Rr 281

Sitzung der Kreisversammlung

-s- Heidelberg, 26. November. (Forts.)

Abg. MayS, und nach ihm der Vorsitzende,
sprechen sich gegen die Meinung des Kreis-
hauptmanns dahin aus, daß dcr Anträg auf
Bcnutzung der Röder'schen Anftalt nnr ein
Amendcment des auf der Tagesordnung stehen-
den Antrags sei und deßhalb kein Grund vor-
liege, ein Veto gcgen die Weschlußfassung ein-
zulegen. Dcr KreiShauptmann bcmerkt hier-
auf, daß cr den Antrag wegen der Röder'schen
Anstalt nur als einen neuen betrachten könne.
In der Unterstellung, daß aber der Vertreter
der Rcgierung ein Veto nicht einlege, begann
hierauf die Absiimmung in der oben vom Vor-
fitzenden bezeichnelen Weise. Wir lasien solche
nochmals folgen.

Zu 1 erklärte sich die Versammlung mit cnt-
schiedener Majorität gegen den Antrag von
Lindau und damit für Berücksichtigung auf
Unterstützung sämmtlicher armen Augenkranken
des Kresies.

Bei Frage Z entschied sich die Versammlung
mit 14 Stimmen gegen 10 für die Berücksich-
tigung uur einer Anstalt.

Die Abstimmung über Ziffer 3 fiel nach
dieser Beschlußfassung als überflüssig weg.

Graf Helmst att beantragt hierauf, daß die
Versammlung sich darüber ausspreche, mit wel-
cher der beiden hiesigen Anstalten ein Vertrag
abgeschlossen werden solle, worauf sich die Ver-
sammlung mit entschiedener Stimmenmehrheit
für die Knapp'sche Anstalt aussprach.

Der Vorsitzende untcrbreitete hierauf den
projectirten mit Profcssor Knapp abzuschließen-
den Vertrag der Berathung und Beschluß-
fasiung.

Zu § 2 dieses Vcrtrags stellte Abg. von
Göler- den Antrag, daß es auch genügcn solle,
wenn in dem Sonderausschuß ein Ersatzmann
deS KreisausschusseS sich befinde. Nach erfolg-
ter Discussion, an der sich der großh. Landcs-
commisiär, Abg. v. Göler, Eppinger und Kraus-
mann betheiligten, wurde die vom Kreisaus-
schuß beantragte Fassung mit entschiedener
Mehrheit angcnommen.

Zu § 15 stellt Se. Gr. Hoh. Prinz Carl
von Baden den Antrag, daß der Vertrag zu-
nächst nur auf 1 Jahr, statt auf unbestimmte
Zeit abgeschlosien wcrdcn solle, voransgesetzt
jedoch, daß hierdurch das Zustandckommen des
ganzen Vertrags nicht in Frage gestellt werde.

Graf Helmstatt unterstützt diesen Antrag,
dessen Zweck der Vorsitzende am besten dadurch
zu erreichen glaubt, wenn der Ausschuß beauf-
tragt werde, am Schluß des JahrcS Bericht zu

Donnerft.ig, 28 Rovember

rrstatten und einen Beschluß der künftigen Ver-
sammlung über deu Fortbestand des Vertrags
zu erwirken.

Abg. Mays findet in der Annahme des An-
trags Sr. Gr. Hoheit des Prinzen Carl eine
Rücksichtsnahme, einen Act der Loyalität von
Seiten der Majorität gegeuübcr der nicht un-
bedeutenden Minorität.

Nachdem der Abg. Eppinger sein Befürch-
ten darüber ausgesprochen, daß Prof. Knapp
auf einen Vertrag von so kurzer Dauer nicht
eingehen werde und der Vorsitzende seinen An-
trag zur Annahme empfohlen hatte, wurde zur
Abstimmung geschritten und hierauf die Frage,
ob der Vertrag nach der Fasiung des AuSschusses
bis zu erfolgtcr Kündigung fortoauern solle,
mit entschiedener Majorität verneint, die Frage,
ob der Vertrag nur auf 1 Jahr abzuschließen
sei, mit entschiedener Majorilät bejaht.

Die übrigen §8 des Vertrags wurden ohne
Diöcussion angenommen.

Bei der hierauf erfolgten Abstimniung über
den ganzen Vertrag wurde solcher mit der hin-
sichtlich des § 15 beschlosienen Modification
mit überwiegender Stimmenmehrheit ange-
nommen.

Hierauf wurde die Versammlung für heute
geschlosien und die Fortsetzung der Verhand-
lungen auf morgen Vormittag 8 Uhr anbe-
raumt. "

Dienstag, 28. Nov. Der Vorsitzende eröffnet
die heutige Versammlung mit der Anzeige, daß
von'Seiten des Abg. Mays ein Antrag ein-
gebracht worden sei, betr. die Vereinigung der
Kreise Hcidelberg und Mannheim, eventuell
auch Mosbach. Es wird hierauf zur Verlcsung
des gestr. Protocolls geschritten und solches nach
kurzen Erörterungen genehmigt.

Bei nochmaliger Erwähnung bezüglich des
Vorschlags des Abg. Mays beschließt die Ver-
sammlung, denselben später zu berathen.

Der Vorsitzende beantragt nunmehr die
Ernennung der Commission zur Prüfung der
Rechnungen und des Budgetcntwurfs. Die
Versammlung hält die Zahl von 3 Mitgliedern
für genügend und crklärt sich mit öffentlicher
nicht schriftlicher Wahl einverstanden.

Auf die Aufforderung des Vorsitzenden an
Abg. Hartmann, ein Commissionsmitglied
vorzuschlagen, benennt derselbe den Abg. Ep-
pinger. Jn gleicher Weise benennt der Abg.
Lindau Frhrn. C. v. Gemmingen und
ebenso Abg. Laurop den Abg. Bengel. Da
von keiner Seite Gegenanträge gestellt werden,
so sind die drei Genannten als die Erwählten
zu betrachten.


* Erstes Concert des Jnstrumentals Vereins
in Heidelberg.

Wir kommen soeben aus dem Concert. Es war
ein schönes, wirklich ein glänzendeS Eoncert, ein
würdiger, viek verheißendcr Anfang für unsere
AbonnementS-Concerte. Das Orchester hat ent-
schiedene Fortschritte gemacht und bewäbrt sich im-
mer mehr unter der tüchtigen Leitung unseres Mu-
! fikdirectors. Die 6-sar-, sog. Militär-Symphonie
wurde mit viel Glück gegcben, etne von den
Haydn'schen Symphonien, die außerordentlich leicht
aussehen, aber unendlich schwer zur Ausführung
zu bringen find. Die virlen Nüancirungen und
Schattirungen bilden selber ein Stück deS musika-
lischen Gedankens, und ohne diefelben geht die
ganze Wirkung verloren. Wir dürfen es mit Stolz
-ervorheben, daß in der Beztehung daS Möglichfte
geletstet wurde, und müssen ganz besonders die
Violinen dteSmal loben, welche tm Hio und
Lcberro sehr fetn und weich die Solostrllen vor-
grtragen haben. Auch die Harmonte hatte viele

^ so bildete doch Iean Becker den Glanzpunkt des
AbendS. Als ihm tn diefcn Blättern ein warmer
Nachruf gcwidmet wurde, hatten wir freilich nkcht

denn auch mit stürmtschem Beifall begrüßt. Dies-

das konäo, besonderS hervor. Wenn auch das
ganze Mufikstück auf uns nicht ähnlichen Eindruck
machte, als wir von einem Beethoven'schen oder
MendelSsohn'schen empfangen. so hat eS doch eine
große Jnnigkeit und eigenen Liebreiz. DaS ^äsAi'o
ist wie ein tnbrünstigeS Gebet, daS kolläo klingt
wie eine einfacke, hettere Dolksmelodie, und der
große Künstler hatte wiedrr Gelegenheit, feine groß-
artigen, vielseitigen Eigenschaften auf die glän-
zendste Weise zu entfalten. Vor Allem müssen wtr
hier wieder auf den außerordentlich weichen innigen
Ton zurückkommen. In denselbrn weiß der Künst-


Der Vorsitzende übergibt hierauf die von
der betreffenden Commission, *resp. dem Aus-
schuß und dcn Vertrauensmännern entworfenen
Vorschlagslisten über die zum Kintritt in die
BezirkSräthe geeigneten Kreiseinwohner.

Es wird hierauf zur Berathung der pvs. 4,
die Errichtung ciner Kreisvcrpflegungsanftalt
betr., geschritten, für welche von dem Ausschuß
der Abg. Mays als Berichterstatter ernannt
ist. Der Berichterstatter verliest hierauf den
gedrucktcn Ausschußbericht und erläutert den-
selbeu noch in mündlicher Rede.

Der Vorsitzende spricht sich dahin auS,
daß die vom Ausschuß beantragte Summe von
200*fl. als nicht zureichend erscheine, wenn
man bereits an Fertigung von Bauplänen denke.

Frhr. C. v. Gemmingen erklärt sich zwar
im Allgemeinen mit der Errichtung von Kreis-
verpflegsanstalten für einverstandcn, hält aber
dic Zeil wegen Unsicherheit der politischen Ver-
HLllnisie, insbesonderc deßwegen, weil weder die
Landes- als die Kreisgrenzen als sicher be-
trachtel werden könnten, für nicht günstig.

Se. Gr. Hoheit Prinz Carl von Baden er-
klärt. daß die Unsicherheit der politischcn Ver-
hältnisie keineswegs die Vorarbciten für Grün-
dung solcher Anstalten, wie die beantragte, hin-
dern dürfte, hegt aber wegen den Landesgrenzen
keine Befürchtungcn. Da das Gesetz das Zu-
sammeutreten mehrerer Kreise für einc Anstalt
gestatte, so komme es auch auf die KreiSgren-
zen nicht weitcr an.

Nachdem Abg. Eppinger bernerkt hatte,
daß weder die Vergangenheit noch die Zukunft
die Ablehnung dcs AntragS rechtfertige, be-
merkt Abg. Mays, daß die 200 fl. nicht so-
wohl für Baupläne, sondern für sonstigc nö-
thige Vorarbeiten verlangt werden, die geschehen
müßten, ehc man an Fertigung von Baüplänen
denke. Hierzu seien 200 fl. als zureichend zu
betrachten.

GrafHelmst att beantragt bei vorliegender
Frage die Vereinigung der Kreise Mannheim
und Mosbach,

Abg. Lindau hält 200 fl. mit der Bemer-
kung für genügend. daß die politischen Ver-
hältnisse die Errichtung von Kreisverpflegungs-
anstalten nicht aufhalten dürften.

Nachdem Graf Helmftatt bemerkt hatte,
daß die Fertigung von Bauplänen wegen Vor-
handenseins von mehreren Spitalzebauden im
Kreise, die man benützen könne , unnöthig er-
schcine, läßt der Vorsitzende zunächst über den
Ausschußantrag abstimmen, der von der Ver-
sammlung mit entschicdener Majorität angenom-
men wird. Der Antrag des Grafen Helm-

ist er überdies so rein, so edel gehalten, daß wir
uns schon bei dessen Klang ganz etgenthümlich an-
geregt fühlen.

Mit dem zweiten Mufikstück, welLes vorgetragen

wir uns nicht so zufrieden geben. Zwar zeigte Hr.
Becker darin seine ungeheure Techntk und über-
wand er die fabelhaftesten Schwierigketten mit etnrr
Letchtigkeit und Gewandtheit, die wir nicht genug
zu bewundern wußten; doch konnten wir einen
eigcntlichen mufikalischen Genuß nicht gewinnen.

Dessen ungeachtet war wie immer bei diesem
Künstler der Eindruck so gewaltig und durchgret-
fend, daß wir erst lange nach dem Vortrag zu die-
sem Urthetl un.s bekennen mußten. Wtr dürfen
wohl nicht verfichern, welchen ungemeinen Beifall
er erntete; jedeSmal wurde derselbe mtt stürmi-
schem Applaus zurückgerufen.

Aber noch mehr freuten wir uns, alS unS mit-
getheilt wurde, daß Herr Iean Becker auf vtel-
seitigeS Verlangen seiner Verehrer fich entschloffen
hat, vor seiner definitiven Abreise auS unserer Rähe
noch eine Quartettsoiree zu geben.
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