Heidelberger Zeitung — 1866 (Juli bis Dezember)

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Freitag, 7 Dezember


* Politische Umschnu.

Heidelberg, 6. Decembcr.

Die „Nordd. Allg. Ztg." hat einen Leitar-
tikel, in welchem den Befürchtungen, die Con-
stituirung dcs norddeutschen Buudes werde VÜd-
deutschland veranlasien. sich destnitiv vom Nor-
» den zu trennen, entgegengetreten wird. Es wird
ausgeführt, daß die Jntercsien des Handels und
der Industrie den Süden zwingen, die ganz-
liche politische Abtretung vom Norden nicht
auszuführen; er würdc dadurch die Auflösung
der Zolleinheit herbeiführen und so sich das
Absatzgebiet für seine Erzeugnissc verschließen.

Es sollcn nunmehr fast alle an dcm zu be-
gründendcn „Norddcutschen Bundesstaat" be-
theiligten Negierungen das preußische Ein-
ladungSschreiben vom 21. Novbr. bcanlwortet
und die betreffenden Minister der auswärligen
Augelegenheiten zu Bcvollmächtigten für die
Confercnz crnannt haben, wclche den Entwurf
der Bundesverfasiung festzusteüen hat. Nach der
„Nordd. Allg. Ztg." ist nur noch Darmstadt
rückständig, welcheS, abgesehen von der Einfnh-
rung des FreiwilligendiensteS, mit allen wün-
schenSwerthen Vorbereitungen zu jonstigen ein-
heitlichen Einrichtungen am Wcitesten zurück ist.

Die Berliner „Provincialcorrcsp." sagt, der
Entwurf der BundeSverfasiung der preußischen
Ncgierung entspricht vor Allem dem Strebcn
nach einheitlicher Macht und dem Bedürfnisie
gemeinsamer nationaler Entwickelung. — Graf
Bismarck hält, wie gewohnt, täglich bei dem
Konige Vortrag. — Der KriegSminister v. Noon
wird das Militärbudgct persönlich vertrttcn.

Der König nnd der Kronprinz von Vachsen
werden nächjte Woche in Berlin eintrcffen. —
Sämmtliche Fractionen des AbgeordnetenhauseS
stnd dahin übereingekommen, den DotationS-
gesetzentwurf ohne Discussion anzunehmen.

Vom 1. Dec. an erscheint in Augöburg un-
ter der Nedaction von Dr. Carl Barth ein ncues
^ Blatt „Der deutsche Staatöbürger, bayerische
Volkszeitung"s welches in seinem Programm
zu entschieden freiheitlichcr Nichtung * *mit Er-
strcbung der Einigung aller deutscheu Stämme,
einschließlich Deuts ch-Oesterreichs auf bundes-
staatlichcr Grundlage, sich bekennt.

Das „Frankf. Jourual" wurde wegen der
auszüglichen Mittheilung der Nede Kurnn-
da'ö confiscirt.

Nach der „Florenzer Zeitnng" hat Vegezzi
aus Gcsundheitsrücksichten die Mission nach
Nom abgelehnt, mit welcher jetzt der Nath
Otrcllo und der Advokat Manrizio beauftragt
worden seien.

x Vorträge im Museum.

(Fortsetzung und Schluß.)

Hirrauf schilderte der geistrriche Redner die rei-
zende Erscheinung dcs„Mädchens von Athen", von
dem fich Byron nnr mit sckwerem Herzen losriß.
Dann besprach Hr. Mendrlssohn den rigenthüm-
ltchen Eindruck, den das Reisen in Griechenland
und die griechische Landschaft auf B. machte. In
Byron'S Naturbetracktung mischt sick stets die Er-
innerung an persönliche Bezüge. Aber das Per-
sönliche wirb durch den gewaltigen Gedanken, der
übcr dkeser Landschaft schwebt, vernichtet. ,Dem
Lande ist etn unvergängliches Erbtheil beschieben
worden. Himmel und Erde leuchten noch in alter
Pracht, weithin glänzt der Marmor am Pante-
likon, und der Hymettns bietrt den Bienen duf-
tende Nahrung dar. Dte Oelfrucht schwillt, als
lächle PaUas noch, und dte Platanen flüstern leise
zu einander, wie zu den Zetten des EuripibeS:
die Natur trägt das alte Gewand. Sie tst die
rwig Gletche geblirben, währrnd der stolzeste Bau
wenschlicher Gescllschaft, der antike Staat, in Trüm-
vler gesunken tst, kaum noch hier und.da eine etn-

Bczüglich des dem österr. Kaiserstaate von
Nußland auö drohenden Ungewilter crtheilt die
„Preffe" der Regierung den Rath, sortan we-
nigstens Preußen nicht langer zu provociren,
sie möge daö dcutsche Volk sich selbcr überlas-
sen, dann werde Preußen keiuen Anlaß und
Vorwand zum Kriege gegen Ocsterreich haben;
nach außen hin müsfe Ocsterreich endlich ein-
mal eine rein österreichische Politik treibcn;
vor Allem dürfe indcsien dcn destructiven Ten-
denzen im Junern nicht täglich neue Nahrung
zugcführt werden. „Währcnd FLulniß und
Verwesung alle Pfosten des Hauses uutergra-
bcn. treibl daö Hämmcrn selbftsüchtiger Natio-
nalitäten sein Gcbälk auscinander. Kein Wun-
der, wenu ein italienisches Blatt (der „Pun-
golo") heute allen Ernstes die Nachricht ver-
öffentlicht, daß Preußen und Jtalien schon um
dcn Besitz von Triest streiten; daß die Kriegö-
knechtd schou um unsere Klcider würfclu, che
wir an's Kreuz geschlagen stnd. Oder nein,
wir sind eS ja schon! Kein Wundcr, wenn
die SorHe bleischwer auf allen Gemüthcrn la-
stet und jedes bedrohliche Gerücht, mag es noch
so haltlos scin, in Ocsterreich Hunderttausende
von Gläubigen findet.

Nußland hat England und Frankrcich zur
Vcreinbarung übcr die candischen Angelegenhei-
tcn eingeladen.

Jn Ccylou sind wegen Getreidemangels ernst-
liche Unruhen ausgebrochen.

D e u r s ch t .r n d.

Karlsruhe, 4. Dcc. Dcr seitherige spa-
nischc Gesandte am badischen Hofe, Don Zose
Heribcrto Garcia de Qucvedo, rcichte hcute
sein Abberufungsschrcibcn ein, nachdem derselbc
vorher Sr. köuigl. Hoheit dem Großherzog die
Jnsignien des Allerhöchstdemsclben von der Kö-
nigin von Spanien verlichcncn Großkreuzeö des
Ordens Karl's IH. übergcben hatte.

* Karlchruhe, 6. Dcz. Ein läugerer
Artikel der Karlsr. Ztg. über .die Kohlcntarif-
frage macht es sich zur Aufgabe, die von ge-
wissen Stimmen aus Württemberg ausgespro-
chcne Bchauptung zu widerlegen, als ob Baden
in kurzsichligem Eigcnnutz die Bemühungen
sciner Nachbaru um das Zustandckommcn zweck-
mäßiger Einrichtungen und billigcr Tarife beim
Bczuge von Steinkohlen mittclst der Eisenbahn
fort uud fort zn vereitcln suche. Der Artikel
der Karlsr. Ztg. erwähnt zunächst der Ent-
stehung des Pfcnnigtarifcs und der Vorschläge
der württemb. Negierung, wclche dahin gehcn,
für dirccte Kohlcn-Extrazüge mit mindcstenS
5000 Ztrn. Ladung (25 Waggons) von der

Nuhr nach Wurttemberg die Beförderunqstax"
von 1 Pfcnnig für Zcntuer und Meile mit
eincm Zuschlag von je 1 Thlr. für 100 Ztr.
zu Gunsten dcr absendendcn und der empfangen-
den Bahnverwaltung festzusetzen, und hebt
sodann in längerer Ausführung, ohne jedoch
das Vcrdienstvolle diefer Anträge herabsetzen
zu wollen, die Mängel derselben hervor. Der
Artikel gelangt dabei zu dem Schlusie, daß
durch die württemb. Vorschläge der Nhein-
Schifffahrt eine ganz bedeutende und nachtheilige
Concurrenz erwachse, welche letztere Baden nicht
fördern dürfe, wolle es nicht einen werthvollen
Verbündeten für seine allgemeinen Landes-Jnte-
rcsien wie für scine Eiscnbahn-Jntercffcn ins-
besondere verliercn. Man sei daher in Baden
der Ansicht, daß eine und dieselbe billige Taxe
für Saarkohlen wie für Nuhrkoh.len, für die
auf dem Nheinc angekommenen wie für die
im dircctcn Eisenbahn-Verkehr gehenden, für
Transporte in einzelnen Wagen wie für ge-
schlosiene Zügc, für Coaks wie für Kohlen, für
die nach Württcmberg wie für die nach Baden be-
stimmten Transporte bestchen solle. Jndem Baden
dicscn Grundsatz befolgt, hat es das wohlerwogene
Zntcresse sciner Bahn wie des ganzen Landes nicht
bloS größcrer Consumenten wie cs beidem würt-
tembergischenVorfchlage derFall ist im Auge, und
stcht somit ganz auf demselben Boden wie Die-
jenigen, welchen es fortund fort gefallcn mag.ihm
eine unbcrechtigte Sondcrstellung vorzuwerfen.
Eine offenbare Unwahrheit sei es aber zu be-
hauplen, die LandeSregierung in Baden halte
an einem Kohlen-Frachtsatze von kr. per
Zeutner und Meile, und obendrein eincm Thlr.
Zuschlag fcst. Man braucht nur eincn Blick
in die veröffcntlichten Tarife zn thun, um von
dem Kehlentarif dcr badischen Bahn eincn
andern Bcgriff zu b kommen.

Mosbacd, 3. December. (Kreisversamm-
lung.) Anf der heutigen Tagfahrt stand der
Antrag über Verpflcgung armer Angenkranker
in einer der in Heidclberg bestehenden Augen-
heilanstalten. Zuerst wurde die Frage bespro-
chen, ob überhaupt aus Mitteln dcs Kreisvcr-
bandes für Heilung armer Augenkranker etwas
geschehen solle, und wurde diese Frage bei der
Abstimmung einstimmig bejaht. — Dr. Schach-
leiter spricht sich mit Entschicdenheit gegen Ab-
schluß eines Vertragcs aus und verwcist zur
Begründung seiner Anschauung auf einen Aus-
spruch dcö ärztlichen Ausschuffes, der den Ab-
schluß solcher Vcrträge.im Grundsatze verdammt.
— Dr. Hillcngaß unterstützt den Antrag Schach-
leiter's, von Eingehung eines Vertrages Um-
gang zu nchmen und macht geltend, man sollte

stigrn Hauch ber Erinnerung, der über der grie-
chischen Landschaft schwrbt, erfaßt, und Byron
mußte unwillkührlich an seine Worte zurückt-enken,
ihn ergriff die Vergänglichkcit auch des stoizrsten

ersten gricchischrn Aufcnthalts. Er schilderte nun
deu Entwicklungsgang Byron's bis zum Zahr 18L3.
Scine unglückliche Ehe, scincn Zusammcnstoß mlt
den Anschauungen seinrs Landrs, srinrn Aufrnt-
halt in Venedig und Ravcnna unb deu Hödrpunkt
drr Bctrachtung bildrte scine Liebe zu Lheresa
Guikkioli, drr jrtzigen Marqutse Boiffy.

Dann ging der Redner zu drn politischen Der-
hältnissrn dcr südcuropäischen Völkrr über, brsprach
Byron's Thrtlnahme an dem Geheimbund der
Carbonari's, und setne lctzte Fahrt nach Griechen-
! land im Iuli 1823.

Er sckilderte daS unerquickliche Tretben der grie-

> chischrn Parteien unb die bcwundernswerth feste'

> und taktvolle Art, mit der Byron sich in diefen

> schwierigen Vcrhältnissen zurechtzufinden wußte.

Er zeigte mit einem Schlage, daß er den Dichter
i und Zdealistcn abgestreift habe und Realist sein
! könne. Scin Alkibiadischer Lharaktcr schien neue
! Stählung zu grwinnen, da er Wirken für ein be-
' stimmtcs Ztel erwählt hatte. Zn Griechenland, in
! diesem Wildlingsleben von Prüfungen und Ent-
behrungcn, sprang der praktische Stnn deS Eng-
! länders wie etn grsunder Qucll in ihm empor.

Von Anfang an war sein Pcstreben nur auf Greif-
! barrs, Erreichvares gerichtet.

So zeigte er sich tn der äußeren Politik, in der
Kricpsführung, so in der inneren Politik. Er zeich-
nete sich vortheilhaft vor den übrigen europäischen
Philhrllenrn auS, dik Grikchenland mit unzritigen
Eivllisationsplänen heimsuchten. Der Cbildeharold
war verschwunden, AlleS, was er anqriff, vrr-
ricth einen Wasbington. Aber gerade btese Kraft
sollte grbrochen werden, daS neikische Schtcksal .miß-
gönnte ihm den Erfolg der Reue über dte etgene

> dunkle Vergangenheit. Seine Gesundheit war ohne-
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