Heidelberger Zeitung — 1866 (Juli bis Dezember)

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so hofft der König auch den Frieden mit der
Kirche und eine rechte Wiedergeburt deS kirch. l
lichen Lebens durch und auf dem Wege der
Freiheit anzubahnen und nach und nach zu
erringen.

Der Satz Cavour's, des größten Staats-
manneS der ganzen neueren Zeit, „die freie
Kirche im freien Staat", soll festgehalten
und zur Wahrheit gemacht werden; von der
Freiheit allein hofft der König bas rechte
Heilmittel für die Schäden, an denen Jtalien
noch so tief auf religiösem Gebiete leidet; er
erblickt in ihr zuglcich den rechten Weg zur
Vermittelung zmischen Staat uud Kirche. Diese
Freiheit, die jeden Lebenskreis innerhalb !
seiner Berechtigung unbehindert sich be- >
wegen und schalten läßt, will aber Victor Ema-
nuel und seine Staatsmanner nicht verwechselt
und identiffcirt wiffen mit schwächlicher Jndul-
genz und Nächgicbigkeit gegen hierarchische Ue-
berhebung und Anmaßung, auch nicht mit Ein-
stellung und Abschwächung deffen, waS die
Staatswohlfährt im Ganzen und die Jnteres-
sen der Staatsbürger im Besondern fordern und
nothwendig machen. Und gerade >in dieser Be-
ziehung erscheint der Muth und dic Weisheit
der italienischen Staatsmänner im hellsten Lichte.
Während der Regierung Alles daran liegt, das
Papstthum zu versöhnen und die immerhin
noch sehr mächtige Hierarchie zu gewinncn,
fährt sie fort, all die Gesetze, welche der
Geistlichkeit ganz besonderS zuwider und die
deren Herrschaft zu brechen bestimmt sind, un-
nachsichtlich zu vollziehen, so das Gesetz über
die Civilehe, über Führung der bürgerlichen
Standesbücher, inSbesondere aber über Einzie-
hung und Säcularisirung der Kirchen- u. Klo-
stergüter u. s. w. Die Regierung verstattet den
vertriebenen Prälaten whne Anstand die Heim-
kehr in ihre frühcrn Diöcesen, unterwirft sie
keinen besondern polizeilichen Maßregeln, for-
dert nicht einmal den Eid dcr Treue von ihnen;
ste läßt aber öffentlich erklären, daß die Gerichte
angewiesen stnd, sofort unnachsichtlich gegen je-
den Geiftlichen die Gesetze in Anwendung zu
bringen, sobald derselbe durch gesetzwidriges und
illoyales Benchmen dicS nothwendrq macht. Es i
wird vvrauSsichtlich nur weniger Jahre bedür- '
fen, und Jtalien wird' auch auf kirchlichcin Ge-
biete durch weise und volle Gewährung der
Freiheit wie durch energische Handhabung der-
selbcn gegen Störenfricde jeder Art seine bes-
sere Zukunft begründet haben, und wird man-
chem andern Staate zum Vorbild dienen können.

Mannheim, 18. Dec. Heute wurde vor
dem Schwurgcricht in der Anklagesache gegen
den Gemeinderechner Wehe IV. von Sandhofen
wegen Rechners-Untrcue der Angeklagtc für
schuldig erklärt und von dem Gerichtshof zu
einer Zuchthausstrafe von 2*/, Jahren oder
l^/a Iahr Einzelhaft, zur Rückerstattung der .
der Gemeinde unterschlagenen Summen und
dazu Tragung dcr Kosten verurtheilt.

-s—i- Vom See, 18. Dec. Die in ver-
schiedenen Blättern und namentlich im Oberrh.
Kur. laut gewordenen Klagen über die zu große
Kleinheit der Kreise finden hier durchaus kei-
nen Anklang. Der Kreis Konstanz gehört nun

eine Perrücke Kant'S für 200 Franken, ein Stock
Voltaire'S für 500 Franken, eine Weste Rouffeau'S
für 950 Franken verkauft.

Das tu DreSden erscheinende humoristische Sonn-
tagSblatt „Seifenblasen" bringt in seiner neuesten
Nummer unter der Aufschrift „1866" folgende

Und aufgefunden auch beinah'

Der deutschen Etnheit Schlüssel gar;

Das Erste durch daS Kabel,

DaS Zweite durch den Sabel."

' Weihnachtsbüchrr sür die Jugend.

(AuS drm Verlage von B. G. Teubn er in Leipzig.)

»Irich ». Huttrn, d-r Stritter stir druts«-
Fretheit, in seinem Leben und Wirken für
das deutsche Volk und die retfere Jugend dar-
gestellt von C. Goehring. Mtt7 Stahlstichen.
8. Cartonutrt 1 Thlr. ?Vr Rgr.

f zwar nicht zu den kleinsten, doch auch keines-
' wcgs zu den größeren; er bildet aber mit Aus- ^
nahme einiger Striche in solchem Grade ein
GanzeS, daß eS in der That schwer wäre, hier
eine zwcckmäßige Aenderung vorzunehmen. Es
mag nun zwar zugestanden wcrden, daß dicser
KreiS sich seiner Äbgclegenheit wegen in einer
besonderen Lage befindet; doch gilt von den
benachbarlen Kreisen Waldshut und Villingen,
welche zu den allerkleiufteu zählen, so ziemlich
das Gleiche. Auch hier ließ sich eine durch-
greifende Veränderung gar nicht treffen, ohne
der Natur der Verhältniffe in's Gesicht zu
schlagen.

Die vielen Brände. die seit einiger Zeit in
! hiesiger Gegend stattgefunden haben, ziehen in
sofern erfreuliche Folgen nach sich, als jetzt auch
auf dem Lande überall Feuerwehren sich zu bil-
den beginnen. Wo einzelne Orte zu klein sind,
da vereinigen mehrere sich zu einem gcmein-
samen Feuerwehrcorps.

Der zu Jestetten neugegründete Vorschußver-
ein hat sich alsbald bereit erklärt, einem Ver-
bande sämmtlicher Vorschußvereine des Seebe-
zirks, wie der volkSwirthschaftliche Verein ihn
in Aussicht genommen, beizutreten. Da die
Zahl dicser Vereine im übrigen Baden leider
noch jehr klein ist, so wird der Verband ver-
muthlich das ganzc Oberland umfafsen können.

Die „Frcie Stimme" ereifert sich auf's Aeu-
ßcrste über den Ankauf Hegne's zur Errich-
tung eines Kreiswaisenhauses und sucht auf
alle Weise gegen die Urheber des deßfallsigen
Beschlusses der Kreisversammlung, vor Allem
den Bürgermeister Stromeyer von Konstanz,
zu hetzen. Natürlich ist es in erster Linie der
Geldpunkt, den ste mit den unerhörtesten Ueber-
treibungen in Scenc setzt. Grundsätzlick be-
kümmerl man sich aber hierlands um dieseS
Blatt (das Brüderchen Jhres „Pfälzer Boten,"
aber durch die absoluteste Geistesarmuth von
ihm unterschieden) nicht im Geringsten, waS
dann die Fr. St. zuweilen so in Wuth ver-
setzt, daß sie uch über diese Jgnorirung förm-
lich beklagt.

Mainz, 19. Dec. Zu Abgeordneten für

^ Beide bekcnncn sich zur demokratischen Partei.

Günzburg, 8. Dec. An der Straße von
hier nach BubeSheim steht auf einem Hügel
ein Denkmal seltcner Art. Auf der Vorder-
seite des Monuments befindet sich das nassauische
Wappen aus weißem Marmor imd ist zu lesen:
„Hier sagte Herzog Adolf von Nassau seiner
braven Armee daS lctzte Lebewohl, ein schweres
Opfer znm Wohle — Deütschlands." Links
an demselben, Günzburg zugewendet, steht:
„Zur Erinnerung an die trene nassauische-
Armee von ihren Freunden in Günzburg."

Berlin, 13. Dec. Abgeordnetenhaus. Jn
. der Abendsitzung handelt es sich zunächst um
einen Antrag BergerS (Solingen): die Zei-
tungssteuer vom 1. Jan. 1868 an aufzuheben.
Michaelis: Ueber den Character und die
Bedeutung der Zeitungssteuer ist wohl kein
Wort zu verlieren; ich erinnere an den Zeit-
punkt der Entstehung dieses Stempels. Die
Presse ist ein Bildungsmittel, und wenn man

j ein BildungSmittel besteuern will , warum be-
^ steuert man dann nicht auch den Besuch der
Gymnasien und Universitäten? Warum besteu-
ert man dann nicht auch Göthe uüd Schiller?
Wenn Sie die Wirkung der Zeitungssteuer
erkennen wollen, dann sehen Sie fich das Pa-
pier und den engen Druck unserer Zeitungen
an. Und diese Steuer soll in die neuen Lan-
destheile eingeführt werden! Die Zeitungssteuer
ist eines Culturstaats unwürdig! (Wiederholtes
Bravo links, lang andauerndes Zischen rechts).
Präsident: Je ruhiger wir diefe Sache be-
handeln, desto würdiger ist es; ein doppeltcs
Bravo und doppeltes Zischen ist wohl unpas-
send. Hoppe führt die Nothwendigkeit des
Fortfalls des Zeitungsstempels vom practisch-
geschäftlichen Gesicktspunkt weiter aus. Der
Regierungscommissär: Er bleibe dabei,
daß der Standpunkt der Regierung zu dieser
Steuer kein polizeilicher'. sondern lediglich ein
finanzieller sei. Die ärmere Klasse werde kei-
ncswegs vorwiegend von dieser Steuer betrof«
fen, und damit erledige sich denn auch das Pa-
thos, mit welchem diese Steuer als ein Atten-
tat auf die Bildung dargestellt worden sei. Was
die neuen Landestheile betreffe, so sei die Ein-
führung des Zeitungsstempels in denselben zwar
in Erwägung gezogen, doch sei noch nichts ent-
schieden. Er bitte, den Antrag abzulehnen.
Duncker: Wäre auf der andern Seite des
Hauses das, was Alles zur Herausgabe einer
Zeitung gehöre, näher bekannt, die Herrcn
würden nnmöglich gegen die Aufhebung der
Zeitungssteuer jein können. Die Zeitungs-
steuer sei nichts Anderes, als daß man dem
armen Manne, neben dem Brod, auch noch
das Mittel zu seiner Bildung und zu seinem
Brodcrwerb (wegen der Jnserate) besteure.
Sein, des Redners, Unternehmen (die Volks-
zeitung) zahle jährlich an 30,000 Thlr. <Dteuer.
Glaube man etwa, daß er das aus seiner Tasche
zahle? Nein, er wälze das ab auf die Jnseren-
ten, und so sei es wohl überall. Bcsonders
mit Rücksicht auf die neuen Landestheile cm-
pfehle er die Annahme des gestellten AntragS.

große Propaganda zu machen; aber in wirth-
schaftlicher Beziehung follte man den neuen
Landestheilen doch wcnigstens die Vortheile
gönnen, die aus der Vercinigung mit einem
großen Ganzen entspringen. Bei der Abstim-
muug erfolgt die Annahme des Antrags Ber-
gers. Zum Etat für die Lotterieverwaltung
plaidirt Wuttke für die Aufhebung der Lvt-
terie. Lasker ist aus finanzicllen Gründen
dagegen, doch wünscht er zu wiffen, ob das
Gerückt begründet, daß, mit Rücksichl auf die
neuen Landestheile, eine Erweiterung der Lot-
terie beabsichtigt werde. Dem würde män sich
widersetzen müssen. Finanzminister: Eine
Bestimmung darüber ist noch nicht getroffen.

Berlin, 19. Dec. Jn der gestrigen Abend-
sitzung des Abgeordnetenhauses hat das-
selbe die Regierungsvorlage über die Genoffen-
schaften mit unwesentlichen Amendements, nach
der Faffung der Commission, angenommen,
nur Paragraph 4 der Regierungsvorlage (Be-

Jn diesem mit warmrr Empfindung grschriebenen
Buche wird dem Leser nicht bloß daS intereffante
LebenSbild Hutten's — drS unerschrockenen Käm-

reichen Zeit grboten.

Andersen's sämmtliche Märchen. PracktauSgabe
mit 125 Holzschnitten. 9. Auflage. Glegant
gebunden 2'/» Thlr.

Andersen's ausgewählte Märchen für die Jugend. !
Mit zabireichen Holzschnitten. 11. Auflage. Ele- j

Bis jetzt ist Streit unter den Pädagogen, ob die !

Wer fich aber dafür entscheidet, der wird keine !
beffere Wahl trrffrn können, als durch Ander- i
sen'S Märchen. Der Lharakter derselben ist eine 1
reizende Sinnigkeit und Gemüthlickkeit. Jhre Er- !
findung konnte nur einem wrlterfahrenen und poe- '
tischen Mgune gelingen, und fie finv immer auch
von Erwachsenen mit Dergnügen gelesen worden. !
Dte Ausstattüng dtefer Teubner'schen AuSgabe ist -
vortreffltch^ '

AlS ein ganz vorzüglicheS Geschenk für Mäd-
chen und Frauen ist ein soeben erschienenes Buch

Fromme Minne. Ein Geschenk für Frauen
undJungfrauen. Ausgewählt auS 'den edel-
sten Perlen deutschcr Dichtung. Zweite Auflage.
Mit 5 Holzschnitten und 1 Titrlbtld in Farben-
druck. Miniaturformat, prachtvoll gebunden mit
Goldschnitt. Preis 1 Thlr. 21 Ngr. (Verlag von
B. G. Teubner in Leipzig.)

Diese neue Anthologie zeichnet fich durck ihre
etgenthümliche Tendenz, vortrefflicke Auswahl und
ein sehr ansprechendeS Aeußeres vorthcilhaft auS.
Sie enthält eiue Blumenlese auS der reichen Füfle
unserer deutschen Lyrik, die von sachverständiger
Hand nach den Grundsätzen derreinen sittlichen
und reltgiösenPortik ausgrwählt und sehr
finnig geordnet wurde.

VS wkrd kaum ein andereS Buch ähnlichrr Art
zu einem Festgeschenk für Frauen u. Jung-
frauen so sehr geeignet fein, alS daS vorliegende,
daS zu dirsem Zwecke auf'S angelegentltchste hirr-
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