Heidelberger Volksblatt — 5.1872

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eilelheree lolishlnt.
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Nr. 10.

Samſtag, den 3. Februar 1872.

5. Jahrg.

c cheint Mittwoch und Samſcag. Preis monatlich B2 kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt in der Druckeret, Schgaſſe4
und bei den Trägern. Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Die Gräſinnen von Schauenſtein

Novelle von Wilhelm Blumenhagen

(Fortſetzung.)

gen Blicken. "Jch will ſie nicht mehr ſehen, nicht mehr
leben, wo ſie iſt und er! Mein Pferd ſteht mir zu Ge-
bot, ich werde verbergende Kleider finden, werde einen Be-
gletter finden, und Du mußt mir beiſtehen, mir dazu hel-
fen, oder auch Du haſt mich betrogen; ich will ſelbſt zu
dem Könige, er muß mir mein Recht geben, er ltebte mei-
nen Vater und ſprach oft freundlich mit ihm." Die Sig-
nora zuckte die Achſeln. "Armes, unwiſſendes Kind! Der
König ſandte ſeine Räthe; ſie werden berichten; die Mut-
ter wird das unmündige, eigenſinnige Kind zurückfordern,
und Mutterrecht iſt ein großes Wort. O, wenn ſie im
Grabe läge, dieſe unnatürliche Mutter, im Grabe ſtatt
Deines Vaters!"
Viktoriens Augen rollten wie im Fieberwahnwitz, ihre
zarten Hände griffen um ſich, als haſchten ſie nach geſpen-
ſtiſchen Schatten und in ſich hinein murmelte ſie mis zucken-
den Lippen: Das würde retten. Es ſterben ſo vtele Men-
ſchen. Weinen würde ich nicht, wenn mir die Botſchaft
käme; trauern würde ich auch nicht. Jch ſterbe ja und
ſie ſieht es und ſie weinet nicht; ſie trauert ja nicht, ſie
lacht mit ihm über das kindiſche Kind, und das Kind iſt
doch ihre Tochter." - Sie zuckte zuſammen,lachte plötz-
lich laut und grell auf, und ſank dann faſt ſinnlos und wie
gebrochen in die Arme der erſchreckenden Signora.

"Los? O wer mich löſete! Wer mich fortbrächte von
hier, wo jeder Gegenſtand mich anwidert!" rief die Com-
teß aus, indem ſie aufſprang und ſich aus den Armen der
Signora frei machte.
"Hoffe, mein Kind; die Jugend iſt die Zeit der Hoff-
nungen und Du ſtehſt eben auf ihrer Schwelle. Was kann
der Augenblick nicht umgeſtalten. Jch ſehe eine Hülfe für
Dich wie Morgenroth am Nachthimmel herauf ziehen. Die
Herrſchſucht, der liebloſe Stolz Deiner Mutter wird einen
Zügel bekommen, wenn Du die Schwächen zu benutzen
verſtehſt, welche die Männer zum eigenen Schaden ſelten
verhehlen. Der Obriſt gilt für einen edeln Mann; er iſt
der Schönheit nicht abhold; er trägt Deinen Ring am
Finger; die reizende Geberin, wenn ſte nur auf kurze Zeit
ihren kleinen Trotzkopf zu bändigen verſtände, würde viel-
leicht bei ihm einen Platz gewinnen und den Stiefvater zu
ihrem feurigſten Advokaten umwandeln."
"Stiefvater?" fragte Viktorie mit ſtarren, weit aufge-
riſſenen Augen.
"Es iſt leider zu befürchten oder vielmehr nicht mehr
zu bezweifeln. Die kluge Gräfin hat Eile, ſie weiß, daß
Männerliebe der Wetterfahne ähnelt und abgeblühte Schön-
heit, will ſie des Fanges gewiß ſein, metallene Ringe be-
darf. Du biſt Deinem Stiefvater zugethan und der ſtatt-
liche, ſchöne Mann verdient es." - Viktorie ſtieß die ihr
ſich Nähernde faſt mit Widerwillen zurück.
"Meinem Stiefvater?" rief ſie von Schamröthe über-
goſſen. "Jch haſſe ihn, ich verabſcheue ihn, nichts in der
Welt iſt mir ſo widerwärtig. Seine unglückſelige Ankunft
hat mein Verderben vollendet."
Die Marquiſe lächelte ſchlau. "Das ändert freilich
Deine Lage und macht ſie hoffnungsloſer. Dieſe ſeltſame,
plötzliche Abneigung zerſtört meine Pläne für Dein Glück,
da ich der Meinung geweſen, manches Mädchen würde
Deine Mutter um den Mann beneiden müſſen."
Viktorie warf ſich mit Heftigkeit an die Bruſt ihrer
ſataniſchen Quälerin. "O hätte ich keine Mutter!" rief
ſie. "Jch hatte ja nie eine Mutter, wie Du ſie mir vor-
hin gemalt. - Und ich will keine Mutter haben, die
mich gängelt, wie ein ſtrauchelndes Kind, die mir Alles
verſagt, die mir Alles genommen," verſetzte ſie mit feindſeli-

Graf Auguſtin begegnete dem Obriſt in der Gallerie
des Schloſſes und trat ihm mit beleidigender Traulichkeit
in den Weg, ſo daß jener ſtutzig und fragend auf ihn
ſchaute.

"Man darf alſo gratulieren, mein Herr Richard, wie
ich ſo eben von unſerer Marquiſe erfahren?" redete er wie
mtt Fröhlichkeit den Obriſt an. "Glück zu, mein Freund!
Schauenſtein iſt eine treffliche Occupation, Jhr Triumph
noch ein ſchnellerer als der Einmarſch in Paris, und das
preiswürdige Abenteuer ruhmvoll für ein keckes Soldaten-
gemüth. Das iſt das goldene Loos der von der Fortuna
Erwählten, ſie finden das Glück am Wege und bücken ſich
kaum darnach. Sie ſtutzen, Freund, über das verrathene
Geheimniß? Frauenzunge iſt beweglich und unſere Gräfin
eine Frau, welche die Freude über den glücklich entfernten
Wittwenſchleier der Couſine nicht verhehlen konnte."
"Habe ich Sie zu meiner Verlobung geladen, Graf?"
fragte Offeny mit äußerer Kälte, aber innerem Aufglühen
"Jch liebe offene Begegnung unter Chrenmännern,"
fuhr der Graf uneingeſchüchtert fort. "Laſſen Sie uns et-
nen Bund knüpfen, ehe noch die Feſſeln der Verwandtſchaft
uns verbinden, einen Bund auf gegenſeitige Hochachtung
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