Heidelberger Volksblatt — 5.1872

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zuvorkommt. O beſeligender Gedanke, mit dem Engel
daſſelbe Haus zu theilen!"
"Die ſchöne Schifferin von heute früh, ſagſt Du?
Sieh Dich vor, Freund Abolph! Wenn ſie nun auch auf
mich einen unvergeßlichen Eindruck gemacht hätte!"
"Pah! entgegnete Adolph, Du liebſt zu ſcherzen! Sa-
heſt doch Du nur die Holde aus weiter Ferne und im
Fluge."
Mit dieſen Worten ſtürmte er nach des Hausmannes
Wohnung. Hugo fand ihn bereits im tiefen Geſpräch
mit, demſelben.
Sehen Sie," ſprach der Letztere, der vorige Herr war
eintAſtronome - ſo ein Sterngucker auf Deutſch - und
hage das Ding zu ſeiner Sternwarte beſtimmt. Deßhalb
lie t's oben auf dem Dache und hat einen freien Umgang.
Aber Platz iſt genug drinn, - Stube, Kammer, Vor-
platz und noch ein beſonderes Kaſſinettchen. Nur wollen
junge Beine dazu da ſein, die ſechs Treppen hinauf zu
ſteigen. Das war auch immer der Haken, an welchem
ſich die Miethsluſtigen gewöhnlich ſtießen. Sonſt kann
das Logiechen nicht ſchöner ſein. Eine gar prächtige Aus-
ſicht -"
"Wer bewohnt die erſte Etage?" unterbrach ihn Adolph
ungeduldig.
"Der Herr Geheimerath Baron von Duckwitz.
"Hat er Kinder?""
"Ein Sohn iſt bei der Geſandtſchaft in Kopenhagen
der andere voriges Jahr in Rußland erfroren."
"Keine Töchter? Jch ſah doch eine junge Dame aus
dem Fenſter ſchanen."
"Das iſt ein Frölen geweſen. Eigentlich hat er zwei
bei ſich, alle beide Schweſterkinder. Die eine iſt eine Gra-
fenstochter, die andere hat aber nur einen Bürgerlichen
zum Vater gehabt. Das ſieht man ihnen gleich an den
Federn an. Die Bürgerliche iſt ſchüchtern, ſchmieg- und
biegſam, getraut ſich nicht derb aufzutreten. Die Com-
teſſe aber - das iſt ein Wettermädel - doch ſeelengut.
Die kann durch zehn eiſerne Thüren ſehen und erräth rich-
tig, was hinter der elften ſteckt."
"Genug, mein Freund! Hier iſt das Aufgeld. Führe
Er uns hinauf! Noch Eins! Waren denn die beiden
Fräulein heute morgen ſchon da, oder ſind ſie vielleicht erſt
dieſen Nachmittag angekommen?"
(Fortſetzung folgt)

er ſpricht, wir ſprechen, ihr ſprecht, ſie ſprechen." - "Was
ſoll das heißen?" fuhr jetzt der Engländer auf, "wollen
Sie mich beleidigen(" - "Jch beleidige, du beleidigſt,
er beleidigt, wir beleidigen, ihr beleidigt, ſie beleidigen."
"Das iſt zu arg," rief der Engländer, "Sie müſſen
mir Genugthunung geben. Wenn Sie Muth haben, ſo
kommen Sie mit mir." - "Jch habe, du haſt, er hat,
wir haben, ihr habt, ſie haben." Hierauf ſtand der
Fremde ganz kaltblütig auf und folgte ſeinem Herausfor-
derer. Beide nahmen Degen, begaben ſich an einen paſ-
ſenden Ort, der Engländer zog blank und ſagte: "Nun,
Herr, müſſen Sie ſich ſchlagen." - "Jch ſchlage mich, du
ſchlägſt dich, er ſchlägt ſich, wir ſchlagen uns, ihr ſchlagt
euch, ſie ſchlagen ſich." Der Fremde machte nun eine
Finte und entwaffnete ſeinen Gegner. - "Sehr gut,"
ſagte der Engländer, "das Glück begünſtigt Sie und ich
hoffe, Sie ſind zufrieden" - "Jch bin zufrieden, du biſt
zufrieden, er iſt zufrieden, wir ſind zufrieden, ihr ſeid zu-
frieden, ſie ſind zufrieden." - "Es iſt mir ſehr lieb,
wenn alle zufrieden ſind, aber ich bitte Sie, laſſen Sie
dieſe ſeltſame Rede und ſagen Sie, was Sie damit be-
zwecken." - Der ernſte Fremde ließ ſich bedeuten und
antwortete: "Jch bin ein Holländer und lernte Jhre
Sprache, aber die Conjugation Jhrer Zeitwörter wird mir
ſchwer und mein Lehrer rieth mir deßhalb, jedes Zeitwort
zu konjugiren, das mir vorkomme, damit ich mir es ein-
präge. Jch folge ſeinem Rathe, laſſe mich aber in mei-
nen Uebungen nicht gern unterbrechen." Die beiden Eng-
länder lachten über dieſe Erklärung ſehr und luden den
conjugirenden Holländer ein, mit ihnen zu ſpeiſen. "Jch
ſpeiſe, du ſpeiſeſt, er ſpeiſet, wir ſpeiſen, ihr ſpeiſet, ſie
ſpeiſen." - "Ja, wir werden alle zuſammen ſpeiſen."
Geſagt, gethan. Ob der Holländer bei Tafel conjugirte
oder ſpeiſ'te, wiſſen wir nicht.
Ruſſiſcher Theater- Enthuſiasmus. Jm
"Journal de St. Petersburg" findet ſich ein Bericht über
den Abſchied Adelina Patti's von Moskau, der einen neuen
Beweis liefert von der Ueberſchwänglichkeit, mit welcher
die Ruſſen hervorragende Bühnenerſcheinungen zu feiern
pflegen. Der Berichterſtatter des genannten Blattes ſchreibt:
"Jch habe ſchon viele beim Publikum beliebte Künſtler
ſich von demſelben verabſchieden geſehen, aber einen Ab-
ſchied, wie er der Patti von den Moskauern bereitet wurde,
habe ich noch nie erlebt. Die Oper "Somnambule" nä-
herte ſich ihrem Ende, das Publikum hörte athemlos zu,
als beim letzten Ton des Orcheſters das ganze Auditorium
wie ein Mann ſich erhob. Was ich nun hörte, war nicht
mehr donnernder Applaus, nicht mehr der Jubel einer von
Enthuſiasmus trunkenen Menge, war auch nicht mehr ein
Regen von Blumen und Kränzen, das war einfach ein
Chaos, das eine menſchliche Feder zu beſchreiben außer
Stande iſt, Die geradezu raſend gewordene Menge dachte
nicht daran, das Haus zu verlaſſen; ſie ſchrie, tobte,
lärmte, brüllte immer wieder die Sängerin hervor. Au-
ßer ſich vor Bewegung, bedeckte dieſe ihr Geſicht mit den
Händen und bat das Publikum, es nun genug ſein zu
laſſen. Wer weiß, was noch geſchehen wäre, wenn man
nicht plötzlich das Gas ausgelöſcht und ſo die Anweſenden
gezwungen hätte, das Haus zu verlaſſen.

Loſe Blätter.

Das Duell. Zwet Engländer kamen eines Tages
in ein Kaffeehaus in London und ſahen daſelbſt einen hoch-
gewachſenen Mann ſitzen, der ein Fremder zu ſein ſchien,
und mit unveränderlichem Ernſte Alles beobachtete, was
um ihn vorging. Einer der beiden Engländer ſagte zu
ſeinem Freunde, es gehe das Gerücht, daß ein berühmter
Zwerg angekommen ſet; worauf der Ernſte den Mund öff-
nete und ſprach: "ich komme, du kommſt, er kommt, wir
kommen, ihr kommt, ſie kommen." Der Engländer, deſſen
Bemerkung dieſe geheimnißvollen Worte veranlaßt zu ha-
ben ſchien, ging auf den Fremden zu und fragte iho höf-
lich: "ſprechen Sie mit mir?" "Jch ſpreche, du ſprichſt,
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