Heidelberger Volksblatt — 5.1872

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Nr. 21.

Mittwoch, den 13. März 1872.

5. Jahrg.

Erſcheint Mittwoch und Samſcag. Preis monatlich 2 kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonntrt in der Druckerei, Schig ſſe 4
und bei den Trägern. Auswärts-bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Die Jncognito's.

Erzählung von Guſtav Nieritz.

(Fortſetzung.)

lieb iſt. Aber warum ſollen wir in Miniatur uns malen
laſſen? Jch liebe dieſe Malerei am wenigſten und Na-
talie, ſo viel ich weiß, auch nicht. Ein Oelgemälde in
Lebensgröße, wo möglich Knieſtück, hat ungleich größeren
Werth, als ein kleines Medaillon, in das man ſich müh-
ſam muß hineinzwängen laſſen."
"Was Dich anbelangt," ſprach der Geheimerath, "ſo
haſt Du die Wahl. Aber Nataliens Portrait muß in
Miniatur gemalt werden. Denn," ſagte er leiſe zu Na-
talien, "es wird weit fortgeſchickt, wie dies gewöhnlich zu
einem gewiſſen Behuf geſchieht. Du verſtehſt mich ſchon."
Natalie erblaßte, indem ſie ihren Onkel fragend anſah.
"Ja, ja," fuhr dieſer vergnügt fort, "es iſt ſo und
nicht anders. Jch habe Auftrag erhalten von Dero -"
Er verſchluckte den Schluß ſeiner Rede, welche Natalie in
die qualvollſte Unruhe verſetzte.

"Jch ſage Dir," polterte der Geheimerath, "dieſe -
dieſe Kaufmannstochter wiegt ſchwerer, als zwanzig Grä-
finnen, wie Du biſt." -
So!" dehnte Eugenie langſam. "Nun geht mir ein
helles Licht auf, doch kein erfreuliches. Der Herr Ge-
heimerath ſelbſt iſt in ſeine Nichte geſchoſſen - da haben
wir das Geheimniß! Aber, armes Onkelchen! wie können
Sie nur hoffen, die Dispenſation zu einer ſolchen Verbin-
dung zu erhalten? und - Sie nehmen es mir nicht übel
- mit Jhrer Geſtalt den Kork-Antonius zu überſtechen?"
"Der ſchändliche Menſch! Der verhaßte Name! nie
darf er hier mehr genannt werden! Aus dem Hauſe
muß der Verführer - aus der Stadt - ja ſelbſt aus
dem Lande!"
"Warum nicht gar aus der Welt? Es wäre dies
das ſicherſte Mittel, den verwünſchten Nebenbuhler los zu
werden. Onkel! Onkel! wenn ich Jhre Herzensgüte nicht
ſo genau kennte, würde ich verſucht werden, in Jhnen ei-
nen dolchzückenden Jtaliener, ſtatt eines biedern, gerechten
Deutſchen zu erblicken."
"Du kennſt mich noch nicht. Wer mich von dieſer
Seite faßt, mag ſich vor mir hüten."
"Jch habe es wirklich getroffen," ſprach Eugente vor
ſich hin. "Sollte man es glauben - ein ſo alter Mann,
der eigene Onkel in ſeine Nichte - unerhört!"
Jetzt fiel dem polternden Baron der liebliche Gegen-
ſtand des Streites - die trauernde Natalie an ihrem
Nähtiſche - in die Augen. Als wandle er auf Eiern,
ſchritt er hochbeinig auf ſie zu.
"Und was ſagen Sie - Du - Natalie - Beſte!
- zu der ärgerlichen Sache?" redete er ſie an.
Natalie nahm das Tuch von den naſſen Augen und
ſprach ſanft, aber würdevoll: "Jch weiß, was mir zu
thun geziemt und werde auch das ſchwerſte Opfer bringen."
Der Baron that einen Freudenſprung. "Dieſe Worte,"
rief er, "ſind Balſam für mein verwundetes Herz und
ſchenken mich dem Leben wieder. Zwar konnte ich dieſe
Antwort von einer - von meiner Natalie erwarten. Und
nun kein Wort mehr von dem - dem Stöpſel - oben.
Die Sache iſt beigelegt - iſt aus. Hörſt Du, Eugenie?"
"Jch höre wohl," ſagte dieſe geärgert, "mehr als mir

Der ſpäte Gaſt.
Der berühmteſte Künſtler der Reſidenz malte des Ba-
rons ſchöne Nichten. Des abgewieſenen Kork's erwähnte
man abſichtlich nicht weiter. Der lebte jetzt einſam und
in ſein Zimmer zurückgezogen, wo er ſich mit Vollendung
jener angefangenen Landſchaft beſchäftigte. Nur unter
dem Schutze der abendlichen Dunkelheit ging er aus und
mied ſorgfältig jedes Zuſammentreffen mit Natalten. Dieſe
hatte alle ihre jugendliche Munterkeit verloren und erfolg-
los blieben die Bemühungen ihrer glücklichen Couſine, ſie
dem heiteren Leben wieder zu geben. Selbſt dem vielbe-
ſchäftigten Baron fiel der Tiefſinn des Mädchens endlich
auf. Zärtlich beſorgt um ſie, ſuchte er jede Gelegenheit
hervor, ſie zu zerſtreuen. Doch nur gezwungen beſuchte
ſie das Theater, Bälle, Soiren, Coneerte und andere Ver-
gnügungen der vornehmen Welt, wo ſie ſich in der Regel
mit dem beſcheidenſten Platze begnügte,
Eines Abends ſaß ſie, ihren Gedanken nachhängend,
einſam unter einer glänzenden Geſellſchaft im Concert, das
ein gefeierter fremder Tonkünſtler gab. Jhre näher am
Orcheſter ſitzende Couſine unterhielt ſich ebenſo lebhaft als
angenehm mit ihrem Bräutigam, dem Grafen Loſſum.
Da näherte ſich der Trauernden ein nicht längſt erſt ge-
nommener Diener ihres Onkels und flüſterte ihr die Worte
zu: "Mein Fräulein! der Herr Geheimerath läßt Sie er-
ſuchen, ſogleich nach Hauſe zurückzukehren, jedoch ohne Auf-
ſehen zu erregen. Es iſt ein angenehmer Beſuch gekom-
men, der Jhre unverzügliche Gegenwart nöthig macht
Der Wagen wartet bereits unten."
Schnell erhob ſich die Gerufene und ſchlüpfte unbe-
merkt aus dem Saale. Jhrer harrte ſchon unten der vor-
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