Heidelberger Volksblatt — 5.1872

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hellelberſe olteblut.
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Nr. 28.

Samſtag, den 6. April 1872.

5. Jahrg.

Eeicheint Mittwoch und Samſeag. Preis monatlich 1 kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt in der Druckerei, Sſſ
und bei den Trägern. Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Die Verwechslungen.

Erzählung von C. W. Koch.

(Fortſetzung.)

"Ein ſchönes Mißverſtändniß, begann Karl, als ſie
allein waren, mit ganz bedenklicher Stirne.
"Das wir ſogleich heben müſſen, ſobald Marie zu-
rückkehrt," ergänzte die Mutter, während das Fragezeichen
kopfſchüttelnd ein Glas leerte.
"Wo iſt Emilie?" fragte Karl. "Jhre Gegenwart
hätte vielleicht die ganze Verkennungsſcene erſpart.
"Natürlich," erwiederte die Tante, "ſie wäre Jhnen
entgegen geflogen und Marie hätte ſogleich gewußt, woran
ſie ſei. Allein heftiges Kopfweh hält ſie zu Hauſe, wie
ungern ſie auch die Freuden des Blumenfeſtes, das Jhr
Wiederſehen erhöhen ſollte, entbehrt."
Heinrich hatte indeß auch die Geſellſchaft gefunden und
brach in lautes Lachen aus, als er von der Tante das
ganze Mißverſtändniß erfuhr. "Der Zufall," ſprach er,
"hat unter ſeinen vielen dummen Streichen, die er mir
ſchon geſpielt, jetzt einmal einen klugen gemacht, und mir
eine Beſchämung erſpart, denn ſo wie Dich, mein bildſchö-
ner Herzensbruder, hätte mich meine Braut gewiß nicht
aufgenommen. Darum dürfen wir ſie auch heute auf kei-
nen Fall enttäuſchen," fuhr er nach einiger Ueberlegung
fort. "Du bleibſt alſo für heute Heinrich, ich werde mich
in den Karl ſchon zu finden wiſſen."
"Was wird aber meine Emilie zu der Verwechslung
ſagen, wenn ſie morgen Alles erfährt?" fragte Karl be-
ſorgt.

"Endlich!" ſprach ſie, und ihre Stimme verrieth die
frohe Bewegung ihres Herzens, "endlich ſind einmal meine
Wünſche erfüllt. Jch konnte kaum die Stunde erwarten,
die Sie nach Wien bringen ſollte." Und mit einem zärt-
lichen Blicke, in ſeinen ſchwarzen Augen leſend, fügte ſie
hold erröthend hinzu: "Doch warum das kalte "Sie",
wir nennen uns ja ſchon ſeit einem Jahr in unſeren Brie-
fen Du - warum ſollen wir es auch nicht jetzt? Alſo
ſei mir willkommen, lieber Heinrich!"
Karl war wie aus den Wolken gefallen, der alte Herr,
ein weitläufiger Anverwandter, ſah aus, wie ein lebendi-
ges Fragezeichen und Tante Seebald hatte ſo alle Faſſung
verloren, daß ſie gar keine Worte finden konnte, den Jrr-
thum aufzuklären. Der Zufall, daß Karl ſie früher ge-
funden, hatte ihr da einen ganz argen Streich geſpielt,
und alle ihre Spekulationen mit einem Male über den
Haufen geworfen. Es war eine ganz fatale Verwechs-
lung, aus der ſich eben nicht die froheſten Ausſichten für
Heinrich folgern ließen, denn wie ſollte jetzt das Mädchen,
das den Bräutigam ihrer Schweſter für den eigenen hielt,
und in ihrer Täuſchung ſich ſo ſelig fühlte, bei dem An-
blicke des eben nicht einnehmenden Heinxich die Ueberzeu-
gung ertragen, daß der anziehende Karl für ſie verloren
ſei? Doch bald hatte ſie ſich geſammelt und ſchnell nahm
ſie das Wort. "Du biſt, wie ich ſehe . .."
"Ein wenig frei - willſt Du ſagen, Mütterchen?"
- fiel ihr Marie in's Wort. "Du kennſt mich ja - ich
liebe die langen Umſtände nicht und Heinrich iſt ja mein
Bräutigam. Nicht wahr, mein Du iſt Dir lieber, es ſpricht
ſich ja viel offener und herzlicher."
"Wer redet denn von Deinem Du," entgegnete die
Mutter. "Jch will Dir nur aufklären, daß ."
Vom Saale herüber tönte der Anfang eines Walzers.
Alles erhob ſich von den Tiſchen und ein junger Mann,
der ſchon früher von Marien das Verſprechen zum näch-
ſten Tanze erhalten hatte, trat jetzt ehrerbietig näher und
wiederholte ſeine Bitte. Jhm einen Korb zu geben, war
nicht mehr möglich, und wäre auch Marie weniger eine
Freundin des Tanzes geweſen. Sie entſchuldigte ſich da-
her bei ihrem vermeinten Heinrich, verſprach die ganze
Nacht nicht mehr zu tanzen außer mit ihm und folgte dem
jungen Fremden in den Saal.

"Mit der will ich ſchon fertig werden," entgegnete
Heinrich. "Jch werde ſie recht ſchön bitten, Dich ein paar
Tage in meiner Rolle zu laſſen, und abſchlagen wird ſie
mir die kleine Gefälligkeit gewiß nicht, beſonders, wenn
ich mich erbiete, Dich einſtwetlen bei ihr zu vertreten."
"Wohin ſoll aber die ganze Komödie führen?" fragte
die Tante verlegen.
"Zu einem guten Ausgang," verſetzte Heinrich. "Meine
Braut gewöhnt ſich indeſſen an meine Perſon, und fällt
dann wenigſtens nicht vom Stuhle, wenn ſie hört, wer
ich zu ſein die Ehre habe. Vielleicht gelingt es mir in
der Zwiſchenzeit, mich dem guten Kinde auf irgend eine
Weiſe angenehm zu machen," fügte er gutmüthig hinzu,
"daß ihr die Enttäuſchung nicht gar ſo ſchmerzlich fällt."
Dieſer Grund fand Gehör bei der Tante, einmal, weil
ſie ihre Tochter wirklich liebte und dann, weil ſie auch um
ſo eher auf dieſe Art ihr Heirathsprojekt ausführen zu
können glaubte. Daß Heinrich durch ſein einnehmendes
Betragen im Umgange bald den unangenehmen Eindruck
verwiſchen werde, den ſein Aeußeres auf Marien machen
mußte, das war ihr gewiß und deßhalb gab ſie ſich alle
Mühe, Karl'n für ſeine Rolle geneigt zu machen, die ihm
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